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Neureichenau/Dreisessel. Ja, es ist immer noch da. Dieses Grinsen. Dieser zufriedene Gesichtsausdruck, den man bekommt, wenn man etwas geschafft hat. Und Hog’n-Redakteur Stephan Hörhammer hat’s geschafft: Er hat am vergangenen Samstag am „Tag des Sports“ in Neureichenau teilgenommen, sich mit seinem altehrwürdigen Mountainbike die 660 Höhenmeter hinauf zum Dreisessel „geschwungen“ – und dem inneren Schweinehund Paroli geboten. Ein nicht nur aus sportlicher Sicht besonderes, ja gar „umwerfendes“ Erlebnis… (Auflösung folgt…)

Am Limit: Hog’n-Redakteur Stephan Hörhammer (44) hat zum ersten Mal am „Tag des Sports“ teilgenommen – für ihn ein bleibendes Erlebnis. Fotos: Michael Duschl/ Gde. Neureichenau/ St. Hörhammer

Überwinde Deine Grenzen“ – so lautet das Motto dieser jährlich stattfindenden und heuer bereits zum 18. Mal über die Bühne gegangenen Veranstaltung. Wow! 18 Mal Blut, Schweiß und (Freuden-)Tränen. 18 Mal so ein Event auf die Beine zu stellen – das kann sich wahrlich sehen lassen! Deshalb gleich vorneweg: ein großes Lob und großen Respekt an das Organisationsteam um Sägewerksbesitzer Baptist Resch. Wer beständig und jedes Jahr aufs Neue einen Wettbewerb dieser Größenordnung in stets verbesserter Form auf die Beine zu stellen weiß, dem gebührt alle Ehre.

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Ich für meinen Teil war zum allersten Mal beim „Quälspaß“ – so der ambivalente Beiname des Sport-Ereignisses rund um den 1.333 Meter hohen Dreisesselberg – mit dabei. Mir ging’s in allererster Linie auch nur ums Dabeisein. Der olympische Gedanke stand im Vordergrund. Ich wollte vor allem einmal die Atmosphäre live miterleben, wollte das ganze Drumherum beobachten und mitfühlen. Und natürlich – wenn ich schon mal da bin – wollte ich auch den Berg bezwingen. Völlig egal, in welcher Zeit. Hauptsache: durchkommen! Denn ganz ohne sportlichen Ehrgeiz geht’s schließlich auch nicht…

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Auf die Kraft in den Haxen kommt’s doch an!

Am Parkplatz im Zentrum von Neureichenau angekommen, mache ich sogleich Bekanntschaft mit einigen meiner Mitstreiter. Ausnahmslos sympathische Weggefährten. Und ausnahmslos Mitglieder im Radsport-Verein: Tittling, Waldkirchen, Passau – teils seit vielen Jahren trainieren meine Radkollegen dort ihre Waden, haben unzählige Kilometer in den Beinen und sind dementsprechend ausgerüstet. Hier ein Markenrad für 5.000 Euro, dort eins für 8.000. Und eine High-End-Rennmaschine im fünfstelligen Bereich hab ich auch schon entdeckt. Man informiert mich darüber, dass es heuer wieder ein starkes Teilnehmerfeld gibt – mit Top-Radlern, die in weniger als 40 Minuten den Berg hochsausen. Ich schlucke kurz und denke mir: Hoffentlich wird’s nicht finster, bis ich da oben ankomme…

Gleich geht’s los: 540 Teilnehmer und Teilnehmerinnen (Radfahrer, Läufer, Walker) warten im Startbereich darauf, dass das Bergrennen beginnt.

Jedenfalls: Wahnsinn! In Sachen Equipment kann ich mit meinem „Fully“-Mountainbike, das ich mir vor gut 15 Jahren von meinem ersten Journalisten-Gehalt gegönnt habe, definitiv schon mal nicht mithalten. Ich bin ohnehin froh, dass ich es bauchumfangstechnisch noch in mein schickes Fahrradtrikot schaffe und der Reisverschluss über den Nabel drüberreicht. Eh Wurscht! Entscheidend ist am Ende ja doch die Kraft in den Haxen und die Luft in den Lungen! Und hier – so versuche ich mir zumindest selbstmotivierend einzureden – bin ich dank jahrelangem Fußball-Training immerhin so nachhaltig ausgestattet, dass ich wenigstens das Minimalziel Bergankunft meistern werde. Außerdem bin ich in den vergangenen Wochen oft mit meinem Rennrad durch die Gegend gedüst, um nicht völlig blank an den Start zu gehen…

Eine halbe Stunde vor offiziellem Rennbeginn versammeln sich Biker (vorne in den ersten Reihen), Läufer (gleich dahinter) und Nordic-Walker (noch a bissl weiter hinten) im Startbereich, der sich auf der Hauptstraße durch den Ort befindet. Zuvor habe ich bei der Startnummernausgabe die Startgebühr in Höhe von 15 Euro hinterlegt, mein Startnummern-Schildchen entgegengenommen und es mit Unterstützung meines netten Parkplatz-Nachbarn an den Lenker montiert. Inzwischen hat auch der Graineter Pfarrer sein Auto neben mir abgestellt. Man kennt sich noch von der Alpen-Überquerung vor sieben Jahren. Er komme gerade von einer Taufe, sagt er, sei deshalb a bisserl spät dran. Ob er den Berg hochlaufe, frage ich ihn interessiert. Der nickt nur und meint: Ja, aber hundertprozentig fit fühle er sich nicht. Er sei a bisserl trainingsfaul geworden in letzter Zeit. Wir wünschen uns alles Gute mit den Worten: „Dann seh’n ma uns oben!“ 

Die Sache langsam angehen lassen…

Nach einigen Aufwärm-Metern bei mittäglich weiter steigenden Temperaturen um die 25 Grad lausche ich im Wartepulk mit den anderen Athleten in gebannter Erwartung den Grußworten der unmittelbar vor Rennbeginn sprechenden Organisatoren und regionalen Honoratioren. Laute „Bumm-Bumm“-Musik dröhnt aus den Boxen, was sich auf meine Konzentrationsphase vor dem Startschuss eher störend auswirkt. Die Blicke meiner Mitstreiter gehen zu Boden, nach vorne, zur Armbanduhr oder auf die Handyanzeige. Nervosität und Anspannung machen sich spürbar breit. Ich bin grundsätzlich gelassen, fokussiert. Neben mir steht ein älterer Herr mit seinem Fahrrad. Drahtiges Erscheinen, die Haut sonnengegerbt. Er wird mit 76 Jahren als der älteste unter den 540 Bergrennen-Teilnehmern vorgestellt. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor ihm und frage mich, in welcher Zeit er den „Quälspaß“ wohl meistern wird… (Spoiler: Er hat’s unter einer Stunde gepackt!)

Dann der Countdown, ein Startsignal – und das Feld setzt sich in Bewegung. Die Favoriten in der ersten Reihe geben sogleich Vollgas, preschen auf und davon. Ich lass es etwas gemütlicher angehen und ordne mich im hinteren Drittel ein – ganz so, wie es mir meine Radlkollegen zuvor ans Herz gelegt haben. „Nicht, dass dir dann kurz vor dem Ziel die Luft ausgeht“, haben sie gesagt. Das Tempo ist dennoch von Anfang an beachtlich. Ich versuche während des ersten relativ eben verlaufenden Kilometers einerseits Schritt zu halten, andererseits mein eigenes Tempo zu finden. Im Tross wechseln wir vom sonnengetränkten Asphalt auf den Schotterweg, der durch den angenehm-schattigen Wald führt. Eine Frau steht am Rand, offensichtlich mit Rad-Problemen und einer kleinen Verletzung am Arm. Auweh, der erste Ausfall – und so frühzeitig! Das kann ja heiter werden…

Doch von da an ging’s bergauf! Ich finde schnell in meinen Rhythmus, hänge mich mal bei meinem Vordermann ans Hinterrad und drücke in etwas weniger steilen Anstiegen auf die Tube. Auch ein kleines Pläuschchen ergibt sich hie und da mit Fahrern, die mit ähnlicher Geschwindigkeit unterwegs sind. Das Feld entzerrt sich mehr und mehr, kleinere Grüppchen schließen sich zusammen. Die ersten Versorgungspunkte werden erreicht, an denen man kleine Wasserbecher zum Trinken und/oder zur Abkühlung bereitstellt. Den ersten ignoriere ich noch, um die nächsten beiden bin ich aufgrund der warmen Außentemperatur und der gesteigerten Anstrengung überaus dankbar…

Und dann überholen einen die Läufer…

So geht’s dahin – und Höhenmeter um Höhenmeter von insgesamt 660 wird eliminiert, ja regelrecht „gefressen“. Die Beine halten (noch), ausreichend Luft steht (noch) zur Verfügung. Immer wieder mal trifft man auf kleinere Menschentrauben am Wegesrand, die uns lautstark anfeuern. Sogar Musikinstrumente sind zu vernehmen, die einen zusätzlich zu motivieren versuchen. Feuerwehrmänner und -frauen regeln den „Verkehr“ nach oben, damit sich auch ja keiner verfährt oder verläuft oder vergeht. „In einer Stunde ist alles vorbei“, haben sie unten im Tal gesagt. Das klingt doch machbar!

Irgendwann mischen sich unter die Mountainbiker schließlich ein paar Läufer, die kilometermäßig eine etwas kürze Route zu bewältigen haben, sich jedoch das letzte Drittel gemeinsam mit den Radlern in Richtung Ziel bewegen. Ich trete immer noch fleißig in die Pedale, merke allerdings, dass die Beine schon etwas schwerer und das Sitzfleisch etwas weniger werden. Der Schweiß perlt in dicken Tropfen von der Stirn. Der erste Läufer zieht an mir vorbei. Hm. Verwundert schau ich ihm hinterher, frage mich: Ist er nun so schnell oder bin ich so langsam unterwegs? Vermutlich ist meine Trittfrequenz zu niedrig, der gewählte Gang zu klein. Egal! Ich versuche, mich weiter allein auf mich und mein Strampeln zu konzentrieren. Als mich der zweite, der dritte und der vierte Läufer überholt, zolle ich ihnen meinen Tribut und feuere sie mit kurzen Zurufen wie „Auf geht’s!„, „Durchbeißen!“ oder „Reschbekt!“ von der Seite an.

Ein Wanderer kommt uns entgegen, meint, es wären „nur noch vier Kilometer“ bis zum Ziel. Ist da etwa Licht am Ende des Tunnels, in dem ich so beharrlich dahinstrample, zu erkennen? Der Anstieg verläuft mittlerweile sehr steil, die Schenkel beginnen zu schmerzen. Hätte ich im Vorfeld besser mal noch die ein oder andere Extrarunde gedreht. Hilft jetzt nix! „Zähne zusammenbeißen und durch“ lautet die Devise. Und Kurve um Kurve geht’s weiter nach oben, Meter um Meter geht’s weiter voran. Vom „Quälspaß“ bleibt allmählich nur noch der Faktor „Quäl“ übrig. Mit „Spaß“ hat das langsam nix mehr zu tun…

Nach dem Ziel geht’s weiter – irgendwie…

Doch jeder, dem ich begegne und sich mit mir den Berg hochschindet, hat merklich dieses eine Ziel vor Augen: oben ankommen und die eigenen Grenzen (wieder einmal) überwinden! Meine Sitzhöcker befinden sich kurz vorm Erreichen des Dreisessel-Parkplatzes in einem überaus leidvollen Zustand. In Händen und Fingern hat sich ein Taubheitsgefühl eingestellt, das ich mir förmlich hinauszuschütteln versuche. Für einen kurzen Moment denke ich daran, abzusteigen und ein kleines Päuschen einzulegen. „Spinnst iatz!?“ schießt es mir sogleich durch die Hirnwindungen – und trete umso energischer in die Pedale…

Und dann folgt der letzte Anstieg über den Asphaltweg hinauf Richtung Ziel. Noch drei, vielleicht vier Minuten, dann ist’s geschafft. Die ersten Wanderer kommen einem entgegen, treiben einen an, klatschen, rufen einem ermunternde Worte zu. Dann die letzte Kurve, die allerletzte Steigung: links und rechts stehen etliche Leute am Rand, die einen geradezu hochpeitschen. Ich bin voll im Tunnel, bekomme von den Anfeuerungsrufen kaum etwas mit; versuche noch einmal die letzten Körner herauszuholen, die letzten Kräfte für den Endspurt zu mobilisieren. Ich sehe den Moderator, der meinen Namen ins Mikrofon ruft, weiter einheizt; ein Engel und eine Teufelin, die mir ebenfalls Worte des Ansporns ins Ohr rufen. Ich sehe den Zielbogen vor mir, eine große Digitaluhr, noch mehr Menschen und… und… und…  – und dann ist’s vorbei! Ende, aus, finish! Ich reiße beim Überqueren der Ziellinie kurz einen Arm in einer Art Jubelpose in die Luft – und bin durch! Endlich angekommen…

 

… fahre ich jedoch irgendwie im Schritttempo weiter, bin etwas verwirrt, wohl aufgrund der ausgeschütteten Glückshormone, der Hitze und der Anstrengung; ich kann – aus welchen Gründen auch immer – nicht gleich anhalten, trete immer noch, versuche mich irgendwie durch die kreuz und quer laufenden Leute hindurch zu manövrieren, bis es plötzlich nicht mehr weitergeht, weil ich sonst jemanden über den Haufen fahren müsste. Dann versuche ich noch krampfhaft irgendwie aus meinen Klickpedalen herauszugleiten, doch es klappt nicht – und falle mitsamt meinem Rad, mit dem ich ja fest verbunden bin, wie in Zeitlupe zur Seite…

Eine emotionale Angelegenheit

Fump! Umpfoin! Einfach so! Da lieg ich nun, ich armer Tor… und werde sogleich von zwei herbeigeilten Radlerkollegen umsorgt und wieder auf die Räder bzw. Beine gestellt. Schmerzhafte Sache! Aus den Klickpedalen hab ich’s dann doch noch irgendwie rausgeschafft. Ein paar Kratzer zieren seitdem mein rechtes Knie, am linken Bizeps prangt eine Schürfwunde. Mein Gesicht dürfte farblich einem Radieschen ähneln. Oder einer Melone (also dem Inneren). Ich neige seit jeher nach sportlicher Betätigung zum Rotkopf. Doch ich bin da offensichtlich nicht der Einzige….

„Da ist das Ding!“ Hog’n-Redakteur Hörhammer mit Quälspaß-Finisher-Medaille.

Als ich mich verdattert umschaue, sehe ich jede Menge Sportler auf Bierbänken vor dem Dreisessel-Schutzhaus sitzen – bei isotonischen Erfrischungsgetränken (Weißbier), Wurstsemmeln und guter Stimmung. Hat a bissl was von Volksfest! Nur statt Lederhosen und Dirndl trägt man hier offensichtlich Radlerhose und Lauftrikot. Wie lange die da wohl schon sitzen? Und alle haben sie so eine schicke Holzscheibe um den Hals baumeln. Müsste die Finisher-Medaille sein. Da fällt mir ein: In meiner geistigen Umnachtung hab ich völlig vergessen, mir diese feine Auszeichnung im Zielbereich abzuholen. Also schnell zurück zur Medaillen-Verteilerin, freundlich darum gefragt – und umgehängt. Der Pfarrer ist übrigens auch schon da und prostet gerade dem ältesten Teilnehmer gutgelaunt zu…

Ich wende mich nochmals Richtung Zielbereich, wo immer noch Radler, Läufer und Walker eintrudeln. Die einen wanken fix und fertig über die Linie, andere ziehen auf den letzten Metern nochmals voll durch. Es gibt Tränen der Freude genauso wie Tränen der Erschöpfung. Eine emotionale Achterbahnfahrt, an der man sich kaum sattsehen kann. Fremde Menschen liegen sich in den Armen, gratulieren sich, stützen sich gegenseitig, applaudieren, jubeln und grinsen. Und auch ich grinse mit ihnen. Zufrieden und froh darüber, dabei gewesen zu sein beim „Tag des Sports“ in Neureichenau. Bei einer tollen Aktion, die nach einer Wiederholung im nächsten Jahr ruft…

Stephan Hörhammer


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