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Freyung-Grafenau. „Wir dürfen uns nicht immer über alles aufregen – sondern einfach auch mal froh sein“, gemahnte Landrat Sebastian Gruber beim diesjährigen Neujahrsempfang in der Freyunger Kaserne zu Bodenständigkeit, Fleiß und Demut. Typische Waidler-Eigenschaften also, die den Menschen im Bayerischen Wald über Generationen hinweg und vor allem in schwierigen Zeiten wie diesen zugute gekommen sind. Dabei gäbe es gerade jetzt genügend Aufregerthemen, die es insbesondre in politischer Hinsicht zu lösen gilt.

Führt seit 2014 die Geschicke des Landkreises Freyung-Grafenau: Landrat und CSU-Politiker Sebastian Gruber im Interview mit den Redakteuren des Onlinemagazins da Hog’n.

Sebastian Gruber sieht sich – wie dies wohl alle Politiker tun – gerne in der Rolle des Problemlösers. Seit nunmehr elf Jahren versucht er in seiner Position als oberster Repräsentant des Landkreises Freyung-Grafenau etwaige Probleme zu lösen – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. „Jeder Mensch macht jeden Tag Fehler“, gibt er sich durchaus selbstkritisch im folgenden Gespräch mit dem Onlinemagazin da Hog’n

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Dabei werden Erinnerungen wie die richtungsweisende Kreistagssitzung zum Schicksalsentscheid des Waldkirchener Krankenhauses hervorgeholt. Genauso blickt der 43-jährige Freyunger nach vorne auf die bevorstehenden Landratswahlen 2026. Zudem geht es im ersten Teil unseres großen Hog’n-Interviews um die Themen Bürgernähe, Social Media, Foodblogger Markus Söder, Grubers Laufleidenschaft und die Krankenhausreform.

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„Und das ist uns gelungen!“

Herr Gruber, wenn Sie auf ihre bisherige Laufbahn als Landrat zurückblicken: Woran erinnern Sie sich besonders gerne?

Es gab in dieser Zeit viele schöne Erlebnisse – und gibt sie täglich. Fast immer haben sie mit der Begegnung mit Menschen zu tun. Und diese müssen oftmals nicht unbedingt prominent sein. Es sind nämlich die kleinen Dinge, die einen Tag schön machen. (überlegt) Vielleicht gibt es aber dann doch den einen Moment – nicht nur für mich, eher für den gesamten Landkreis: das 50-jährige Jubiläum im Jahre 2022! Dieser Festakt an sich war besonders – und wir werden ihn in dieser Form erst zum 75-Jährigen oder gar 100-Jährigen wieder erleben.

Die Kreistagssitzung, in der das Schicksal des Waldkirchener Krankenhauses endgültig besiegelt wurde, fand am 22. Juni 2015 aus Platzgründen im Freyunger Kurhaus statt. Foto: Hog’n-Archiv

An was erinnern Sie sich weniger gerne – vielleicht an die große Kreistagssitzung im Kurhaus, in der das Aus des Waldkirchener Krankenhauses beschlossen worden ist?

Sie jährte sich übrigens gerade zum zehnten Mal. An diese Sitzung erinnere ich mich insofern gerne, als ich nach wie vor von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt bin. Und weil – trotz aller Emotionalität – alles gut und sachlich verlaufen ist.

War der Zeitpunkt, dieses große Thema anzupacken, der richtige? Immerhin waren Sie 2015 gerade mal ein Jahr im Amt…

Ja. Damals haben durchaus einige den Zeitpunkt kritisch gesehen. Wir haben jedoch immer betont, dass wir die Entscheidung nicht aus einer Situation heraus treffen müssen, in der wir absolut mit dem Rücken zur Wand stehen. In der Perspektive konnten wir damals sagen, dass es mittelfristig anders und somit besser funktionieren wird. Und das ist uns gelungen!

„Das ist aber bislang nicht eingetreten“

Weiter in der Rückschau auf die vergangenen elf Jahre: Welche Errungenschaft würden Sie sich besonders auf Ihre Fahnen schreiben wollen?

„Unabhängig davon, was im Land- oder Bundestag diskutiert wird, ist es oft gewöhnungsbedürftig, wie miteinander diskutiert wird“, sagt Landrat Sebastian Gruber.

Über den Sachfragen steht für mich immer – gerade auch in der politischen Debatte – die Stilfrage. Mir ist sehr wichtig, dass man normal und vernünftig miteinander umgeht. Und ich denke, seit 2014 haben wir dafür im Kreistag ein ordentliches Fundament geschaffen. Die großen Konfrontationen sind ausgeblieben! Auch im Vergleich zu anderen Ebenen. Unabhängig davon, was im Land- oder Bundestag diskutiert wird, ist es oft gewöhnungsbedürftig, wie miteinander diskutiert wird. Man muss nicht immer gleicher Meinung sein, aber ein wertschätzender, normaler Umgang ist eine grundlegende Basis.

Und bei den Sachfragen: Natürlich gibt man als Landrat ein Stück weit den Takt vor. Drei Themenfelder dominieren: Krankenhauswesen, Berufsschule Waldkirchen, Skizentrum Mitterdorf – auch wenn es kontrovers diskutiert wird.

Zu Mitterfirmiansreut später mehr. Vorher noch zurück zur Bilanz: Was hätte besser laufen können?

Das Thema Tourismus. Es war ja einmal geplant, die Strukturen im Landkreis zusammen zu führen. Das ist aber bislang nicht eingetreten, was ich bedauere. Außerdem gibt es eine Vielzahl an kleineren Themen, die tagtäglich hätten besser laufen können. Jeder Mensch macht jeden Tag Fehler.

Treten Sie bei den Wahlen 2026 erneut an?

Ja – sofern mich meine Partei wieder nominiert. Der persönliche Beschluss dazu ist gefasst.

Warum?

Mir macht dieses Amt unendlich viel Freude. Es ist ein politisches Amt, in dem man vor Ort direkt etwas bewirken kann. Ich bin grundsätzlich ein absoluter Verfechter der kommunalen Selbstverwaltung und der Kommunalpolitik – und somit der Mandate, die mit mehr als 50 Prozent für die Heimatregion arbeiten. Als Landrat und auch Bürgermeister muss man die Menschen und die Region mögen. Man muss gerne draußen unterwegs sein. Die Position des Landrats ist sehr schön und verantwortungsvoll.

„Es geht dabei nicht nur um Wahrnehmung und Präsenz“

München und Berlin sind deshalb für Sie weit weg?

Die Frage ist, wie man die unterschiedlichen Ebenen einordnet. Nur weil München und Berlin weit weg sind von Freyung-Grafenau, müssen Land- und Bundestag keinen Aufstieg auf der Karriereleiter bedeuten. Ein bayerischer Landrat hat viel Verantwortung und ein breites Aufgabenfeld – zumal die Verantwortung unmittelbar und direkt ist. Wir haben eigene Haushalte, eigenes Personal. Insofern finde ich das Denken in Ebenen nicht richtig. Aber es steht auch fest: Man weiß nie, was ein politisches Leben noch alles bringen wird, in welche Richtung auch immer, es sind Mandate auf Zeit.

Landrat Gruber während seiner Rede beim diesjährigen Neujahrsempfang in der Freyunger Kaserne.

Der Landkreis ist ein Dorf – und gerade im Vorfeld von Kommunalwahlen werden mögliche Kandidaten heiß diskutiert. Sehen Sie aktuell einen Namen, der Ihnen 2026 gefährlich werden könnte?

(überlegt) Es sind noch knapp acht Monate bis zur Wahl. Jeder hat das Recht, sich zu positionieren und zu kandidieren. Mir steht es nicht zu, andere Namen zu kommentieren. Wichtig ist mir, dass man die Wahlkampf-Zeit vernünftig und fair über die Bühne bringt – 2014 und 2020 war dies der Fall. Es gibt auch nach der Wahl eine Zeit, in der man sich wieder in die Augen schauen muss.

Sie sind für ihre Bürgernähe bekannt, was sie beim Neujahrsempfang gegenüber Kritikerstimmen, „die sagen, der Gruber ist zu viel und zu oft unterwegs“, süffisant aufgegriffen haben. Welchen Hintergrund hatte diese Anekdote?

Das war – zugegebenermaßen – eine spontane Angelegenheit. Ich nehme es ab und an wahr, dass der ein oder andere so denkt, wie eben zitiert. Gerade in unserem kleinen Landkreis und angesichts unserer Mentalität ist es aber aus meiner Sicht wichtig, viel draußen unterwegs zu sein. Es geht dabei nicht nur um Wahrnehmung und Präsenz – die Termine haben mehrere Facetten: Es geht auch darum, Stimmungen aufzunehmen und einzufangen. Man bringt auch selber die ein oder andere Botschaft und Information an. Zudem: Hinter jeder Veranstaltung – egal, ob klein oder groß – stehen Leute mit Herzblut. Mir ist es wichtig, dies mit meiner Anwesenheit wertzuschätzen.

„Der Kumpel ist ein etwas zweischneidiges Schwert“

Der Landrat darf also durchaus auch eine Art Kumpel sein?

Der Kumpel ist ein etwas zweischneidiges Schwert: Einerseits will man gerne Bürgernähe praktizieren, andererseits geht es nicht darum, täglich umarmt zu werden. Fakt ist, dass man den Landratsposten nicht gut ausfüllen kann, wenn man nur im Büro sitzt. Schlussendlich gehört beides dazu: Die Präsenz im Landkreis, aber auch die Arbeit innerhalb des Landratsamtes.

Ob als Politiker oder Läufer: In den sog. Sozialen Medien ist Landrat Sebastian Gruber sichtbar vertreten. Screenshot: Instagram-Kanal Sebastian Gruber/ dahogn

Steht Ministerpräsident Markus Söder als viel zitierter „Foodblogger“ für Volksnähe?

Was man in den Sozialen Medien von sich gibt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Unabhängig davon finde ich, dass der Ministerpräsident viel draußen unterwegs ist. Er nimmt viele Veranstaltungen wahr und ist präsent. Ob ich nun jeden Tag mein Essen posten würde und ob das überhaupt jemanden interessiert, kann ich nicht sagen. Auf der anderen Seite ist die große Reichweite seiner Beiträge durchaus Bestätigung dafür, dass er es offensichtlich gut und professionell macht. Präsenz in den sozialen Medien ist wichtig, aber nicht der alleinig ausschlaggebende Faktor.

Ist #gruberlaeuft der nächste Hashtag?

(lacht) Dann nehmen wir doch lieber #laufendunterwegs… (lacht) Spaß beiseite: Auch ich werde oft gefragt, warum ich meine Läufe immer wieder auf meinem Instagram-Kanal poste.

Ja, warum eigentlich?

Laufen ist zum einen eines meiner Ventile, mein Ausgleich. Zum anderen tut sich in der Region in Sachen Sport viel – das möchte ich aktiv begleiten und unterstützen. Zudem möchte ich darauf hinweisen, ein offenes Auge für die Umwelt und Natur bei uns vor der Haustür zu haben. Vielleicht kann man es unter der Überschrift Lebensqualität beschreiben.

„Der Narrische kommt wieder!“

Wie viele Laufkilometer kommen denn pro Woche bei Ihnen so zusammen?

„Wir sind positiv gestimmt“, sagt Landrat Gruber in Sachen in Aussicht gestelltem Sondervermögen für die Kommunen in Bayern.

Laufen hat durchaus Suchtpotenzial. Aktuell sind es pro Woche zwischen 40 und 50 Kilometer. Meistens laufe ich sehr früh am Morgen, sofern es mit dem Aufstehen vereinbar ist (schmunzelt). Man muss das Ganze ohnehin relativ betrachten: Ich laufe vier bis fünf Mal pro Woche etwa eine Stunde lang. Mit Vor- und Nachbereitung sind das maximal acht Stunden.

Gemessen an der Zeit, die man da verbringt (klopft auf sein Handy), sind acht Stunden für sich selber nicht allzu viel. Oft ist es auch so, dass ich abends – um 10, halb 11 – noch vom Landratsamt nach Hause laufe. Einige Freyunger werden sich gewiss schon gedacht haben: Der Narrische kommt wieder! (schmunzelt)

Vom Persönlichen zu den Sachfragen: Wie ist es um die Finanzen des Landkreises Freyung-Grafenau bestellt? Wie prekär ist die aktuelle Situation?

Die Finanzsituation der Kommunen in Bayern ist allgemein sehr prekär, selbst die leistungsstarken Vertreter der vergangenen Jahre haben zunehmend Probleme. Als Kommunen – damit meine ich Landkreise, Städte, Märkte und Gemeinden – haben wir das Bestreben, dass wir von den verabschiedeten Sonderpaketen einen erheblichen Teil bekommen. Nach Möglichkeit sehr unmittelbar.

Wir Kommunen wollen mit dem Geld keine goldenen Statuen bauen, sondern in die Infrastruktur investieren – zum Beispiel Kindergärten, Schulen, Straßennetz. Bei den Landkreisen kommt das große Thema Krankenhäuser noch dazu. Ministerpräsident Söder hat bereits zugesagt, dass die Kommunen einen beachtlichen Anteil der in Aussicht gestellten Summen bekommen werden. In welchem Umfang und wie genau, ist noch nicht fix. Aber wie auch immer: Wir sind positiv gestimmt!

„Gravierende Fehler im System!“

Inwiefern kann man hier als Landkreis-Primus Druck ausüben?

Das läuft am effektivsten über die Verbände: Der bayerische Landkreistag adressiert Forderungen an die Staatskanzlei, an die verschiedenen Ministerien, genauso aber in Richtung Berlin. Alleine erreicht man hier wenig. Breitenwirkung gibt’s nur, wenn man gemeinsam und geschlossen auftritt.

„Wir haben uns mit unseren Häusern bereits auf den Weg gemacht, die bestehenden Strukturen noch einmal anzupassen, um auf die Reform vorbereitet zu sein.“ Symbolfoto: pixabay

Zurück zum bereits angesprochenen Krankenhaus-Thema: Sie gelten ja bekanntermaßen als Kritiker der Krankenhausreform. Wie sehr sind die Auswirkungen dieser Veränderungen bereits spürbar in Freyung-Grafenau?

Nachdem die Krankenhausreform noch nicht zu einhundert Prozent scharf geschaltet ist und obendrein erst die Bundestagswahlen stattgefunden haben, ist diese Frage zum momentanen Zeitpunkt kaum bis gar nicht zu beantworten. Die neue Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag stehen, dass über dieses Thema noch einmal diskutiert wird. Fest steht aber – und dies wurde bereits kommuniziert: Einen kompletten Reset wird es nicht mehr geben. Den fände auch ich nicht gut, weil er uns wieder um Jahre zurückwerfen würde. Selbst wenn die Rahmenbedingungen, die die alte Regierung aufgestellt hat, gut sind: Wir brauchen Zuverlässigkeit und Stabilität!

Wir haben uns mit unseren Häusern bereits auf den Weg gemacht, die bestehenden Strukturen noch einmal anzupassen, um auf die Reform vorbereitet zu sein. Man spürt jedenfalls, dass die Kosten-Erlös-Schere immer weiter auseinander geht. Und nicht nur wir haben aufgrund der Betriebskosten erhebliche Schwierigkeiten. Nur ein Beispiel: Die Tarifsteigerungen werden nicht eins zu eins durch die Kassen refinanziert. Genauso werden Kostensteigerungen für medizinische Materialien nicht vollständig ausgeglichen. Gravierende Fehler im System!

Interview: Helmut Weigerstorfer und Stephan Hörhammer

Im zweiten Teil unseres großen Hog’n-Interviews mit Sebastian Gruber gehen wir in Sachen regionale Krankenhäuser weiter ins Detail. Zudem beantwortet der FRG-Landrat Fragen zu den Themenfeldern Asyl, Skizentrum Mitterdorf und AfD…

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