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Finsterau. Der einstige Ort Lepoldsreut im Bayerischen Wald, das 1963 verlassene Dorf „Sandhaisan„, wie es im Volksmund bis heute genannt wird, ist längst zum Mythos geworden. Auf über 1.100 Metern Meereshöhe gelegen, zeugen gegenwärtig nur noch eine Kirche und das alte Schulgebäude davon, wie sich das entbehrungsreiche Leben der Waidler und Waidlerinnen am Fuße des Haidels abgespielt hat.

Die Ausstellung „Leopoldsreut im Fokus der Wissenschaft“ beleuchtet Hans Fehns beruflichen Werdegang als Georgraph im Dritten Reich und seine Forschung in Leopoldsreut. Fotos: Freilichtmuseum Finsterau

Der Geograph Hans Fehn war zu seiner Zeit einer der bedeutendsten Experten der Landeskunde Bayerns und dokumentierte in den 1930er Jahren den Ort Leopoldsreut, der in den 1960er Jahren schließlich aufgegeben wurde. Auf seinen Untersuchungen gründet eine besondere Kooperation zwischen dem Freilichtmuseum Finsterau, der Landesstelle für nichtstaatliche Museum und dem Leibniz-Institut, die nun in Form einer Ausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. „Der Mythos dieses Ortes verzaubert die Menschen noch heute“, betonte jüngst Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich bei der Eröffnung.

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Die Landesstelle für nichtstaatliche Museen hatte 2021 einen Teil des Nachlasses von Hans Fehn dem Freilichtmuseum überlassen. Per Zufall kam Dr. Patrick Reitinger, der am Leibniz-Institut für Länderkunde sowie an der Universität Bamberg tätig ist, während eines Urlaubs in Finsterau zu dem Archiv. Und weil er das Wirken von Hans Fehn kannte, wurde mehr daraus: Gemeinsam mit Gregor Salatmeier, dem Volontär am Freilichtmuseum (siehe Hog’n-Interview weiter unten), entwickelte er die Ausstellung mit dem Titel „Leopoldsreut im Fokus der Wissenschaft“.

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Fehns Nachlass von „unschätzbarem Wert“

„Damit das verlassene Dorf Leopoldsreut nicht das vergessene Dorf wird“: Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich (sehend v.l.) mit Georg Waldemer, Bürgermeister Heiner Kilger, Stiftungsvorstand Josef Auer, Volontär Gregor Salatmeier, Dr. Patrick Reitinger, stv. Landrat Franz Brunner, Prof. Dr. Thomas Porada, Dr. Sandra Kreisslová ( Karls-Universität Prag) sowie (kniend v. l.) die studentischen Hilfskräfte Jens Heinrich, Inga Förtsch und Maximilian Lenk. Foto: Manuela Lang/ Bezirk NB

Sie zeigt historische Aufnahmen einer längst verlassenen Ortschaft. Genauso das wissenschaftliche Vorgehen von Hans Fehn, der sich mit dem Naziregime der 1930er Jahre arrangieren musste, um seine junge Familie zu ernähren. Er bekam den Auftrag, die bayerische Ostmark zu dokumentieren, um so die politische Erklärung dafür zu liefern, diesen Landstrich gegen den „Feind im Osten“ zu stärken.

„Die Ausstellung zeigt auch, wie der Zeitgeist diese Branche beeinflusst hat“, weiß Bezirkstagspräsident Heinrich, der es auch als Aufgabe des Freilichtmuseums sieht, den Menschen zu zeigen, wie sich Siedlungen und Baukultur im Laufe der Zeit verändern. Für diesen „großen Schatz für die Region“ bedankte er sich bei den Vertretern der Landesstelle für nichtstaatliche Museen, deren ehemaliger Mitarbeiter Georg Waldemer persönlich unter den Gästen war. Gregor Salatmeier gab bei der Eröffnung einen Einblick in die Entstehung der Ausstellung. Dr. Patrick Reitinger hob den „unschätzbaren Wert“ des Nachlasses von Hans Fehn heraus.

Da das Projekt auch dazu führte, dass internationale Kontakte zu Wissenschaftlern in Tschechien sowie ein gutes Netzwerk zwischen Leibniz-Institut, Uni Bamberg und dem Freilichtmuseum geknüpft wurden, ist für Reitinger dies nur der Anfang für weitere Projekte: „In diesem Museum steckt viel Potenzial für die Wissenschaft“, ist er überzeugt. Fehn hatte auch das tertiäre Hügelland im Rottal dokumentiert. „Insofern würde es sich anbieten, eine Ausstellung in unserem Freilichtmuseum Massing folgen zu lassen“, befand auch Heinrich.

Doch zunächst wurde im Beisein zahlreicher Gäste, darunter viel wissenschaftlicher Prominenz aus Bayern und Böhmen, die Ausstellung bestaunt. „Damit das verlassene Dorf Leopoldsreut nicht das vergessene Dorf wird“, schloss der Bezirkstagspräsident.

„Exemplarisch für die harten Siedlungsbedingungen“

Wir haben den Mit-Konzeptioner und wissenschaftlichen Volontär Gregor Salatameier darum gebeten, zur Leopoldsreut-Ausstellung einige Fragen zu beantworten, was der 31-jährige gebürtige Passauer und Masterstudien-Absolvent (Historische Wissenschaften) bereitwillig tat:

Herr Salatmeier: Sie zeichnen mitunter verantwortlich für die Konzeption der Ausstellung „Leopoldsreut im Fokus der Wissenschaft“. Worin bestanden dabei die größten Herausforderungen?

Volontär Gregor Salatmeier an seinem Arbeitsplatz. Foto: privat

Am spannendsten war es, gemeinsam ein Ausstellungskonzept zu entwickeln, das die heimatgeschichtliche Perspektive unseres Freilichtmuseums mit dem wissenschaftsgeschichtlichen Blickwinkel unseres Partners vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig und der Otto-Friedrich-Universität Bamberg verknüpft. Dieser Spagat ist uns, wie ich denke, sehr gut gelungen.

Der Untertitel der Ausstellung lautet: „Historische Geographie eines untergegangenen Dorfes“ – was kann man sich darunter vorstellen?

Die Ausstellung führt durch die wissenschaftliche Arbeit des Geographen Hans Fehn, der in den 1930er Jahren mehrfach den Bayerischen Wald bereiste und sich dort unter anderem intensiv mit Leopoldsreut auseinandersetzte. Diese Arbeit haben wir mit einer Vielzahl an historischen Fotoaufnahmen, Notizbüchern und Forschungsdokumenten rekonstruiert, die direkt aus dem Nachlass von Hans Fehn entnommen sind.

Hans Fehn galt ja zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten Experten der geographischen Landeskunde Bayerns. Warum hatte es ihm gerade das Waldhufendorf Lepoldsreut, das seit 1963 „verlassene Dorf“, angetan? Gab es einen persönlichen Bezug dazu?

Einen direkten persönlichen Bezug zum Dorf gab es meines Wissens nach nicht. Ein Grund für seine Faszination war sicherlich, dass Leopoldsreut exemplarisch für die harschen Siedlungsbedingungen und die Strukturschwäche der damaligen Grenzregion stand.

„Kann Faszination inzwischen sehr gut nachvollziehen“

Zu welchen Forschungsergebnissen ist Fehn in Sachen Leopoldsreut gekommen? Welche Erkenntnisse konnte er gewinnen?

Hans Fehn setzte sich intensiv mit dem Siedlungsbild von Leopoldsreut auseinander. Er dokumentierte nicht nur dessen Umgebung, sondern sprach mit den Einwohnern und legte für jedes Gebäude im Dorf einen eigenen Fragebogen an, in dem er Details zur Hofgeschichte, der Bauweise oder den Besitzverhältnissen der Familien festhielt.

Wie wichtig sind diese Erkenntnisse für die Nachwelt, speziell für die Menschen im Bayerischen Wald?

Hans Fehns Nachlass gibt einen detaillierten Einblick in den Forschungsalltag eines jungen Geographen in den 1930er Jahren. Den Menschen in der Region bietet seine Forschung außerdem die Gelegenheit, durch die zahlreichen Aufnahmen und Aufzeichnungen noch einmal einen Einblick in das frühere Leben im Bayerischen Wald zu werfen.

Können Sie nach getaner Konzeption den Mythos Leopoldsreut selbst nachvollziehen?

Ich kann die Faszination an Leopoldsreut inzwischen sehr gut nachvollziehen. Es ist schon ein besonderes Gefühl, vor Ort dem alten Verlauf der Dorfstraße zu folgen und sich vorzustellen, wie das Leben in Leopoldsreut früher vonstattenging.

Was macht aus ihrer Sicht die Besonderheit Leopoldsreuts aus?

Es war für mich faszinierend zu sehen, wie ein Dorf über 400 Jahre seiner harschen Umwelt trotzt und sich dabei immer wieder anpasst, um dann in den 1960er Jahren ein Ende zu finden – wo man diese Zeit doch eher mit technischem Aufschwung, wirtschaftlichem Wachstum und wachsendem Tourismus verbindet.

Vom Gelegenheitsbesucher bis zum Geographen

Könnten Sie sich vorstellen, damals in dem Dorf auf über 1.000 Metern Meereshöhe gelebt zu haben?

Das Leben in Leopoldsreut war aus unserer heutigen „verwöhnten“ Perspektive schon unglaublich hart. Für eine Woche sicher eine spannende Erfahrung, aber auf Dauer nichts für mich.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Ausstellung, die noch bis 9. November im Freilichtmuseum zu sehen sein wird?

Dass wir damit ein breites Publikum erreichen: vom Gelegenheitsbesucher, der vielleicht schonmal von Leopoldsreut gehört hat, bis zum Geographen, der sich für die historische Forschungspraxis von Hans Fehn interessiert und unser Museum bewusst wegen der Ausstellung besucht.

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen – und weiterhin alles Gute!

die Fragen stellte: Stephan Hörhammer


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