Die Tage verstreichen. Gerade haben wir noch Osterhasen versteckt, plötzlich ist schon wieder Weihnachten. Je älter wir werden, desto schneller scheinen sich auch die Uhrzeiger zu drehen – und wir haben zunehmend das Gefühl, dass uns die Zeit davonrennt. Und während wir uns in unserer Lebensmitte durch den Alltag hetzen – Beruf, Familie, Termine – und dabei beim morgendlichen Blick in den Spiegel die ersten Fältchen entdecken, werden auch unsere Eltern älter, gehen in Rente, verändern sich, sind immer mehr mit dem Lebensende konfrontiert. Ein Thema, das man gerne verdrängt. Zumindest ging es mir so. Teil drei unserer Hog’n-Serie „Midlife Moods“.

Denn mit dem fortschreitenden Alter von Vater und Mutter tauchen auch Fragen auf. Fragen wie: Trage ich die volle Verantwortung für meine Eltern oder darf ich bei Bedarf auf Pflegekräfte zurückgreifen, sie in ein Seniorenheim schicken? Nein, das fühlt sich irgendwie nach Abschieben an – das haben sie nicht verdient. Und wer soll das überhaupt bezahlen?
Doch: Schaffe ich es überhaupt, mich in meinem ohnehin vollen Alltag um sie zu kümmern, ihnen gerecht zu werden? Schließlich haben sie mich 18 Jahre lang groß gezogen und waren immer für mich da. Bei mir kommt noch erschwerend hinzu, dass meine Eltern zum einen geschieden sind und seitdem auch mehr oder weniger alleine leben. Zum anderen wohnen sie etwa 200 Kilometer entfernt – und leben damit nicht gerade „um die Ecke“. Wenn sie Hilfe bei etwas brauchen, muss ich schonmal einen Tag dafür einplanen. Und das erfordert einiges an Koordination. Und was, wenn es sich tatsächlich mal um einen Notfall handelt?
Wie sieht das in ein paar Jahren aus?
Ich hatte vor kurzem die Situation, dass meine Mutter mit grippeähnlichen Symptomen und starken Halsschmerzen, die immer schlimmer wurden, zuhause im Bett lag. Ich habe versucht, von der Ferne aus da zu sein, mit ihr zu telefonieren. Habe ihr online Medikamente und Lebensmittel bestellt und nach Hause liefern lassen. Am Ende stellte sich heraus, dass es sich um einen ernstzunehmenden Mandelabszess handelte. Sie musste drei Tage ins Krankenhaus. Es hat mich unendlich traurig gemacht, nicht persönlich vor Ort zu sein. Ich wollte ihr beistehen, mich um sie kümmern, aber ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht weg. Am Ende war sie (wie immer) sehr stark, hat es alleine hinbekommen. Und vermutlich sollte ich auch lernen, ihr mehr zuzutrauen – schließlich ist sie ERST Mitte 60. Aber wie sieht das in ein paar Jahren aus?

Im Grunde wäre es doch viel einfacher, wenn die Eltern in der Nähe wären, sodass man eben im Notfall oder bei Problemen vor Ort ist und schneller handeln kann. Doch Platz im eigenen Zuhause, der steht vielen (und auch mir) nicht zur Verfügung. Eine Wohnung in der Nähe wäre eher machbar. Aber meist wollen die Eltern gar nicht mehr umziehen, sondern in ihrer vertrauten Umgebung bleiben.
Das ist zum Beispiel bei meinem Vater der Fall: Er ist nahezu sein ganzes Leben am selben Ort wohnhaft. Auch seine Geschwister und Freunde sind nie wirklich aus dem Kleinstadt-Nest herausgekommen – und er zeigt bis heute so gar keine Ambitionen, von dort wegzugehen – geschweige denn nochmals umzuziehen. Mir stellt sich die Frage: Inwieweit darf ich meine Verantwortung als Kind an andere Personen abgeben? Kann ich mich so einfach aus der Pflicht nehmen?
„Distance Caregiving“: Hilfe aus der Ferne
Das sog. Distance Caregiving, die „Unterstützung auf Distanz“, ist ein Phänomen, das immer häufiger vorkommt. In Zeiten, in denen Kinder studieren, ins Ausland gehen oder beim Online-Dating ihren Partner fürs Leben kennenlernen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sie ihren Heimatort verlassen und in eine andere Stadt ziehen, die oft eben nicht gleich um die Ecke liegt.
Wenn unsere Eltern älter und pflegebedürftig werden, wir aber aufgrund der Entfernung nicht stetig selbst agieren können, ist es wichtig, sich nach und nach ein gutes Netzwerk aufzubauen. Wer ist bei meinen Eltern vor Ort? Familie, Freunde, Nachbarn? Mit wem kann ich mich austauschen und wer kann in welcher Form unterstützen? Darüber hinaus gibt es natürlich Fachpersonal im Bereich Pflege und professionelle Dienstleister, die beim Wocheneinkauf oder Gartenarbeit helfen können.
Hier ist es sehr hilfreich, sich an eine Pflegeberatung zu wenden, die uns bei Fragen zu Leistungen oder Finanzierung unterstützt. Und auch technische Hilfsmittel können heutzutage herangezogen werden: Verschiedene Notrufsysteme, schnelle Kommunikation über das Smartphone bis hin zu Geräten in der Wohnung, die aus der Ferne digital gesteuert werden können.
Zwischen Fürsorge und Selbstfürsorge
Doch selbst wenn die Eltern in der Nähe wohnen, vielleicht auch noch zusammen sind, kann das neue Schwierigkeiten mit sich bringen. Darüber habe ich mich kürzlich mit einer Freundin unterhalten. Ihre Eltern wohnen in einem Haus nur ein paar Straßen weiter, sind gesundheitlich noch soweit fit – und dennoch rufen sie immer häufiger bei ihr an, um sie um Hilfe zu bitten: bei der Gartenarbeit, bei Problemen mit dem neuen Smartphone, beim Tragen schwerer Dinge…

Vieles geht eben in zunehmendem Alter doch nicht mehr so leicht von der Hand – und da liegt es freilich nahe, die Tochter zu fragen, die nebenan wohnt. Und ja: Wir helfen unseren Eltern natürlich gerne. Die Frage ist: Wie viel ist zu viel? Die Schwester jedenfalls, die eine Stunde entfernt lebt, wird deutlich seltener angerufen und um Hilfe gebeten. Aber auch meine Freundin führt ihr eigenes Leben, hat einen Beruf, erledigt den Haushalt – und da ist im Alltag nicht immer Platz und Kraft übrig, um sich noch zusätzlich um die Belange ihrer Eltern zu kümmern.
Grundsätzlich ist es doch am Ende immer eine Frage der eigenen Kapazitäten – nicht zur zeitlich, sondern auch körperlich. Klar: Kindererziehung ist sicher kein Zuckerschlecken – und unsere Mütter und Väter sind sicher sehr oft an ihre Grenzen gestoßen, keine Frage. Aber in der Mitte des Lebens zu stehen, mit Beruf, einer eigenen Familie und oft anstrengenden Tagen PLUS die Verantwortung für die immer mehr auf Hilfe angewiesenen Eltern – das ist eine große Herausforderung. Also mich wundert es beileibe nicht, dass so viele Menschen im mittleren Alter mit Burnout zusammenbrechen, weil sie sich zusätzlich noch um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern. Mein Respekt geht an alle, die das hinbekommen. Doch der Preis ist hoch, denn das kostet enorme Kraft und wird wohl auch bei einem selbst Spuren hinterlassen…
Auch ein „Nein“ muss erlaubt sein
Deswegen ist es meiner Meinung nach wichtig, mit den Eltern offen zu kommunizieren und auch mal „NEIN“ zu sagen, wenn es sich gerade nicht um einen Notfall handelt. Es gilt, eigene Grenzen zu setzen und diese zu wahren, auf sich selbst, seine eigenen Bedürfnisse und Kapazitäten zu achten, um sich nicht zu übernehmen, um nicht „auszubrennen“.
Und wenn wir unseren Liebsten erklären, dass unser „NEIN“ nicht mit mangelnder Liebe ihnen gegenüber, sondern mit Selbstfürsorge zu tun hat, werden sie gewiss Verständnis dafür haben. Wir können nur gut für andere sorgen, wenn wir selbst ausreichend Ressourcen haben. Das sollten unsere Eltern (hoffentlich) verstehen. Und wenn bestimmte Arbeiten doch in jedem Falle erledigt werden müssen, wir als Kind das aber aufgrund der eigenen Lebenssituation in diesem Moment nicht schaffen, sollten wir uns nicht scheuen, einen Teil der Verantwortung abzugeben und nach Alternativen zu suchen.
Die Konfrontation mit der Sterblichkeit

Mit zunehmendem Alter der Eltern wird es leider auch immer häufiger vorkommen, dass sie krank werden und Diagnosen bekommen, die uns erst einmal komplett aus der Bahn werfen. Nicht nur, weil sie dadurch mehr Zeit und Aufmerksamkeit von uns Kindern benötigen, sondern auch weil wir gezwungen werden, uns mit ihrer Sterblichkeit im Besonderen und der Vergänglichkeit im Allgemeinen auseinanderzusetzen.
Mein Vater hat mir vor kurzem eröffnet, dass er krank und auf eine Blutstammzellenspende angewiesen ist – ein echter Schock! Die Genesungschancen stehen zwar gut, aber ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich immer – das weiß auch er selbst. Und obwohl ich versuche, ihm und auch mir selbst gut zuzureden und positiv nach vorne zu schauen, bin ich plötzlich noch unmittelbarer mit dem Thema konfrontiert: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Finanzangelegenheiten – Dinge, von denen ich eigentlich gar nichts wissen will. Bisher habe ich erfolgreich verdrängt, dass meine Eltern irgendwann sterben werden, schließlich sind beide noch keine 70 Jahre alt…
Doch so schwer es einem auch fallen mag: Wir können irgendwann nicht mehr darüber hinwegsehen – und sollten auch hier offen mit unseren Eltern darüber sprechen: Wie stellen sie sich ihr Lebensende vor? Haben sie spezielle Wünsche? Was möchten sie hinterlassen? Und auch wenn der Tod noch nicht direkt bevorsteht: Menschen mit zunehmendem Alter möchten diese Dinge in der Regel irgendwann einmal für sich geklärt wissen…
Kommunikation als Schlüssel
Vermutlich kommen mit der Zeit auch alterstypische Erscheinungen wie Gedächtnisprobleme (Stichwort: Demenz) und mangelnde Konzentration dazu, was das Ganze erschwert. Natürlich fallen auch unseren Eltern diese Themen alles andere als leicht. Wir sollten daher behutsam und sensibel damit umgehen, damit bei Themen wie Pflege, Testament, Erbe oder der „Wunsch-Beerdigung“ niemand überrumpelt wird. Uns Kindern kann hier auch ein Gespräch mit Freunden helfen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Oder wir wenden uns, wie bereits erwähnt, an eine entsprechende fachliche Beratungsstelle.

Das Älterwerden der eigenen Eltern wird für deren Kinder in der Lebensmitte zunehmend belastender: die Verantwortung, der plötzliche Rollentausch, viele offene Fragen bezüglich der Betreuung und natürlich die große Angst, dass wir uns eines Tages von ihnen verabschieden müssen. Rechtzeitig professionelle Ansprechpartner zu suchen (und zu finden), kann dabei sehr hilfreich sein, damit all die Fragen beantwortet und die Wünsche der Eltern berücksichtig werden können.
In einem offenen Gespräch im Familienkreis sollte im Optimalfall geklärt werden, was gerade gebraucht wird, was wir als Kinder persönlich an Fürsorge und Hilfe leisten können und an welcher Stelle weitere Unterstützung benötigt wird. Sind diese Dinge erst einmal ausgesprochen, wird es oft leichter – und wir können hoffentlich noch viele Jahre und schöne Momente gemeinsam mit unseren Eltern verbringen…
Eure Jenny Seestern
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- Midlife Moods (1): Das Gefühl, einfach nicht anzukommen
- Midlife Moods (2): Nix geht mehr – sind Pausen erlaubt?






