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Fichtental/Prackenbach. Altes erhalten und Neues erschaffen – dieses Ziel haben wohl die meisten Bauherrn, die sich einem Sanierungsvorhaben widmen wollen, bei dem bereits eine gewisse Bausubstanz vorhanden ist, die eigenen Gestaltungsideen jedoch miteinfließen sollen. Die folgende Geschichte handelt von einem Familienprojekt im Bayerischen Wald, das größtenteils in Eigenregie durchgeführt wurde – und das durchaus das Prädikat „historisch wertvoll“ verdient hat…

Familienprojekt mit historischem Wert: In rund zwei Jahren harter Arbeit haben Roland Kraus (r.) und Lebensgefährtin Sandra Holzfurtner (2.v.r.) mit ihrem Sohn Alex Holzfurtner und seiner Freundin Verena Daiminger das alte Bahnhofsgebäude in Fichtental in eine Ferienresidenz umgewandelt.

Da ist eine von 1936…“ In den Fugen des aus schweren Steinen gemauerten Torbogens finden sich allerhand „Kritzeleien“, wie Alex Holzfurtner (24) sie augenzwinkernd nennt. Jeweils Namen mit Jahreszahlen, hunderte. Er und sein Vater Roland Kraus (46) stehen darunter und betrachten sie – stolz, dieses Relikt erhalten zu haben. Mittig, ganz oben ist eine größere freie Fläche. „Da werden wir uns verewigen, für die kommenden Generationen und hoffentlich Jahrhunderte“, sind sie sich die beiden einig und grinsen.

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Im Rahmen eines Familienprojekts haben sie binnen zwei Jahren das alte Bahnhofsgebäude in Fichtental bei Prackenbach am jetzigen Radweg kernsaniert und zu einer Urlaubsresidenz mit Ferienwohnungen umgebaut. Stets darauf bedacht, den ursprünglichen Charme zu erhalten und so viel „Altes“ wie möglich mit Neuem zu kombinieren. Mitte Juli reisen die ersten Gäste an, darunter Nachkommen der ehemaligen Eigentümer – pünktlich zum 100-jährigen Bestehen des Bahnhofes.

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„Dem wollen wir gerecht werden“

1925 habe damals die Bauphase begonnen, erklärt Roland Kraus, der gemeinsam mit der Tochter der ehemaligen Besitzer unzählige historische Dokumente durchgesehen hat. Deren Eltern, das Ehepaar Kirchner, sanierten das Gemäuer in den vergangenen Jahrzehnten zum Wohngebäude und interessierten sich sehr für dessen historischen Wert. Das soll auch in Zukunft erhalten bleiben, daher wird die neue Urlaubsresidenz mit altertümlichen Relikten dekoriert werden, wie Alex Holzfurtner betont: Unter anderem sollen die ehemaligen Fensterläden die Innenräume zieren und mit alten Bildern bestückt werden.

Ab 1927 fuhren Züge durch Fichtental, wie aus den Dokumenten hervorgehe, erinnert sich Roland Kraus an die Aufzeichnungen. Vor allem in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges sei die Strecke stark befahren gewesen. „1991 fuhr der letzte Zug hier durch“, wie der 47-Jährige weiß.

Bereits 1980 hätten die Kirchners das Gebäude erworben und in den folgenden rund 20 Jahren Raum für Raum renoviert, um im Jahr 2000 das neue Eigenheim beziehen und den Lebensabend in ihrem Bahnhof Fichtental verbringen zu können. Den Nachkommen und Erben sei es sehr wichtig, dass das Bemühen der Eltern um den historischen Charme auch weiterhin gewürdigt werde. „Und dem wollen wir gerecht werden“, betonen die neuen Eigentümer.

„Anders wäre das nicht möglich gewesen“

Mit dem Erwerb des alten Bahnhofes hat sich das Familienleben seit 2023 stark verändert. Nachdem bereits eine Ferienwohnung in Viechtach betrieben wird, habe man Ausschau nach einer weiteren Immobilie gehalten – auch als Altersvorsorge für Alex Holzfurtner. „Als wir dann das Gebäude besichtigt haben, habe ich gleich einige Visionen bekommen, was hier alles möglich wäre“, erinnert sich sein Vater. „Dass das aber so ein Aufwand wird, habe ich nicht gesehen“, ergänzt er, lacht und erntet zustimmendes Nicken sowie einen ironischen Blick von seiner Lebensgefährtin Sandra Holzfurtner.

Die Arbeiten der Firma „Holzfurtner Bau“, die von Vater und Sohn betrieben wird, hätten die vergangenen zwei Jahre fast stillgelegen, da sich nahezu alles auf das Familienprojekt konzentrierte. „Anders wäre das nicht möglich gewesen – und wir hätten den Zeitplan nicht einhalten können“, berichtet Roland Holzfurtner. Für „Laien“ sei so etwas undenkbar. Mit 65 Prozent Eigenleistung erledigten die beiden einen Großteil der Tätigkeiten selbst: Mauern, Verputzen, neue Böden verlegen, Trockenbau, Isolierung etc. pp. „Ohne Subunternehmer wie Schreiner oder Schlosser geht’s freilich nicht, aber auch da haben wir immer dazu geholfen.“ Freizeit? Fehlanzeige!

Tatkräftig unterstützt wurden die beiden von den Frauen in der Familie: Mutter Sandra und Verena Daiminger, Freundin von Alex. Als „unentbehrlich“ bezeichnen die Männer deren Hilfe, Organisation und Zuarbeit. Dennoch lautet die Antwort auf die Frage, ein weiteres solches Projekt anzugehen, unmissverständlich: Nein.

„Die sollen so ausgetreten bleiben“

Gelohnt hat sich der enorme Einsatz aber allemal, wie die ganze Familie befindet – und lädt stolz zu einem Rundgang durch die sechs Ferienwohnungen ein, die jeweils mit Whirlpool und Sauna ausgestattet sind. Denn: „Ein bisschen Wellness muss schon sein! Trotzdem wollen wir im mittleren Bereich bleiben – einen Aufenthalt bei uns sollen sich auch Familien leisten können“, wie Roland Kraus erklärt.

Die knarzenden, ausgetretenen Treppenstufen bleiben, das Geländer wird nur neu gestrichen: „Seit 100 Jahren kommt man auf dem gleichen Weg nach oben“, wie Roland Kraus stolz erklärt.

Immer wieder kommen Details zum Vorschein, die historisch anmuten. So zum Beispiel die Fenster mit Sprossen, die ähnlich den früheren und doch energetisch zum neuesten Stand passend gestaltet wurden. Im gesamten Gebäude ist an verschiedenen Stellen altes Gebälk zu sehen. In einer der Wohnungen wurden die alten Mauersteine freigelegt – direkt neben einem Gesims, bei dem früher der Fahrkartenschalter platziert war. „Wir werden noch Modelle der Züge besorgen, die auf der Strecke gefahren sind, und dort dekorieren – das ist schon cool“, freut sich Alex Holzfurtner.

Einige Meter weiter befindet sich eine Klappe im Boden. „Dort war mal das Stellwerk untergebracht, wir werden nun die Gartenmöbel im Winter dort lagern. Und draußen, wo jetzt die Terrasse ist, war mal die Entladerampe…“, erklärt Roland Kraus. Als er die Klappe öffnet, wird er unterbrochen von einem lauten Zuggeräusch: „Tuuuuutuuuut“. Lachend sucht er nach seinem Handy in der Hosentasche und schaut nach, welche Nachricht er bekommen hat.

Auch auf den Terrassen sowie dem Park- und Grillplatz vor dem Gebäude sind viele der ursprünglichen Steine (Kleinsteinpflaster, Granitstufen oder Sockelsteine) wiederverwendet worden. Das alte Bahnhofsschild mit dem Schriftzug „Fichtental“ ziert weiterhin die Außenfassade. Besonders stolz sind Vater und Sohn auf die knarzenden Treppenstufen, durch die man in die oberen Stockwerke gelangt. „Die sollen so ausgetreten bleiben – seit einem Jahrhundert kommt man über den gleichen Weg nach oben!“ Ebenso soll das Treppengeländer erhalten bleiben, nur neu gestrichen werden.

„Eine wunderbare Umgebung“

Trotz viel Historie ist die Ferienresidenz auf dem neuesten Stand der Technik. Geheizt wird mit einer Kombination aus Luft-Wärmepumpe und Pelletofen. Eine PV-Anlage auf dem Dach ist in Planung, genauso wie eine Poolanlage und ein weiteres Chalet, das aus Altholz im urigen Stil errichtet werden soll. Um den Verwaltungsaufwand etwas geringer zu halten, haben sich die Eigentümer für Zahlenkombinationen statt Schlüssel entschieden. Außerdem soll es die Möglichkeit geben, E-Bikes auszuleihen – passend zum gleich nebenan vorbeilaufenden Radweg auf dem ehemaligen Gleisbett.

„Wir hoffen, dass viele Gäste anreisen werden und sich hier genauso wohlfühlen wie wir“, stimmen alle überein. „Denn es ist eine wunderbare Umgebung hier!“ Wie zum Beweis wird es still und das Vogelgezwitscher, Grillengezirp und Rauschen der Bäume ist das einzige, das für ein paar Sekunden rund um den Ferienbahnhof Fichtental zu hören ist…

Lisa Brem


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