Vilshofen. Für Laura bedeutet Segeln Freiheit. Wenn sie die Segel setzt, lebt sie im Moment und lässt alles andere hinter sich. Für Daniel bedeutet Segeln, aus der Komfortzone herauszukommen. Für ihn ist es ein ehrlicher Sport – und er hat dessen Herausforderungen zu schätzen gelernt. Die beiden ergänzen sich gut. Zusammen haben die beiden „BlackSails“ gegründet, ein Segelreisebüro.

Laura und Daniel sitzen in ihrem Garten in Vilshofen, rauchen Zigarillos. Ihre „Segelschnauzen“ – die Hunde Aries und Abby, die sie auf jeden Törn begleiten – toben durchs Gras. Laura ist braungebrannt, ihre blonden Haare fallen in Wellen auf ihre Schultern. Sie strahlt Ruhe und Wärme aus. Wie jemand, der frisch aus dem Urlaub kommt. Jemand, den nichts erschüttern kann. Daniel trägt Bart, sein Blick ist klar und durchdringlich. Er ist der Abenteurer, dem kein Wind zu stark scheint.
Das Paar sieht in seiner Unternehmensgründung mehr als nur eine Segelreise-Vermittlung. Sie wollen andere Leute ermutigen, aufs Boot zu steigen, den Alltag hinter sich zu lassen – auch wenn dies manchmal bedeutet, gewisse Risiken einzugehen. „BlackSails“ ist ihre ganz eigene Story – von Angestellten zu Seglern und Gründern, die in dem Sport ihre Berufung gefunden haben und ihre Erlebnisse mit anderen teilen wollen.
Eine radikale Entscheidung
Zum Segeln sind die beiden erst vor wenigen Jahren gekommen. Eher aus Zufall. Beide in ihren Dreißigern, hatten sie gute Jobs in Führungspositionen in einem mittelständischen Unternehmen, lebten den normalen Nine-to-Five-Berufsalltag. Oder eher: Six-to-Six. Zwar stressig, aber aufregend. Gutes Gehalt, ein Haus, zwei Hunde – und Karriere. Dann kam die Covid-Pandemie und das Leben fand auf einmal nur noch Zuhause und vor den Bildschirmen statt. Den endlosen Video-Calls und Home-Office-Tagen wurden die beiden schnell überdrüssig. Es fühlte sich für das Duo nicht mehr angekommen an, sondern wie das Ende. „Wir dachten uns: Da muss es doch noch mehr geben! Wir wollten raus, eine Pause, diesem Alltag entfliehen.“
Was zunächst nur ein Sabbatical werden sollte, führte schließlich zur Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses. Denn sich eine längere Auszeit zu nehmen, erlaubte ihnen ihr Chef nicht. Laura und Daniel zögerten jedoch nicht lange und reichten ihre Kündigungen ein. Ende 2021 machten sie sich in ihrem Camper-Van und mit ihren beiden Hunden auf den Weg durch Österreich nach Kroatien und landeten am Ende in Griechenland. Auf der kleinen Insel Elafonisi beobachteten sie eines Abends die Segelyachten in einer Bucht, die dort vor Anker lagen. Der Anblick ließ sie nicht mehr los. Der Gedanke, einmal selbst auf einer solchen Yacht zu sein und durch die See zu reisen, ebenso wenig…
Kein Pauschalurlaub, sondern echte Lebenszeit
Lernt man Laura und Daniel etwas näher kennen, merkt man schnell, dass man zwei Menschen vor sich hat, die gerne Dinge in die Tat umsetzen. Und auch gerne genießen. Aus dem Camper-Van heraus meldeten sich die beiden bei einer deutschen Segelschule in Slowenien an, um den Segelschein zu erwerben. Es folgten erste Törns und der Gedanke, die neu gewonnene Leidenschaft zum Beruf zu machen. „BlackSails war unser Entschluss, nicht mehr in den normalen Alltag zurückzukehren. Wir wollen anderen genau dieses Gefühl geben, angekommen zu sein, wenn sie auf einem Segelboot sind.“

Der Chartermarkt ist riesig. Vor allem Mitsegel-Törns, bei denen man selbst keinen Segelschein braucht, sondern mit einem Skipper unterwegs ist, boomen regelrecht. Anbieter gibt es zuhauf – und doch wollten Laura und Daniel den Versuch wagen. Ihre Vision: eine Plattform zu kreieren, die wie eine Community funktioniert. Bei der man sich nicht – wie bei anderen Anbietern häufig üblich – mit fremden Menschen auf ein Boot begibt, um im schnöden Partyurlaub und tristem Rumschippern zu enden.
Sie wollen Segeltörns ermöglichen, die den individuellen Vorstellungen der Passagiere entsprechen. Eine Plattform, auf der man mit der Crew, den Skippern und der Segler-Community sich im Voraus – und auch im Nachhinein – austauschen und verbinden kann. Authentisch und ehrlich – so wie die beiden Gründer selbst auch sind. Ihr Motto: keinen Pauschalurlaub zu verkaufen, sondern echte Lebenszeit. Dazu soll die BlackSails-Plattform alle Arten von Segelangeboten verbinden: Mitsegeltörns, Bareboat-Charter, mit Skipper und ohne.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt…
Nach endlosen Bankterminen für Finanzierungen und so manchen Rückschlägen war es Anfang 2023 endlich so weit: Eine 54-Fuß Yacht mit dem Namen „Sauvignon Blanc“ ging in Laura und Daniels Besitz über. Damit stand den beiden Skippern nichts mehr im Wege. Ihr erstes Segeltörn-Geschäftsmodell: Gäste gegen Bezahlung durch kroatische Küstengewässer zu navigieren. In der Folge verbrachten sie zwei Jahre auf dem Schiff, sammelten 25.000 Seemeilen – und eine Vielzahl an Erfahrungen. Zwei Jahre lang nahmen sie dabei mehr oder weniger wöchentlich eine neue Crew mit an Bord. Ein Konzept, das aufzugehen schien. „Segeln ist ein bisschen wie ein Start-Up gründen“, meint Daniel im Rückblick.

Doch: So rosig wie es klingt, ist es nicht immer. Beim Segeln ist man Wind und Wetter ausgeliefert – dagegen anzukämpfen bringt nichts. Man muss lernen, damit umzugehen. Eine Tatsache, die die beiden Gründer auf ihrem Überführungstörn von Italien nach Kroatien am eigenen Leib erfahren mussten – als ein Sturm über ihre Köpfe hinwegbrauste und ihre Egos ganz schnell über die Reling gehen ließ…
Doch auch abseits von Meer und Boot haben die beiden mit Herausforderungen zu kämpfen. Anfang dieses Jahres fassten sie den Entschluss, sich weniger auf die Mitsegeltörns, dafür mehr auf ihre Online-Plattform BlackSails als Start-Up zu konzentrieren. Das permanente an Bord sein als Skipper ohne Privatsphäre und mit ständig wechselnden Gästen, für die man die volle Verantwortung trägt, wurde ihnen auf Dauer dann doch etwas zu viel.
So manche Rückschläge – und neue Pläne
Ihre Aufmerksamkeit haben sie nun darauf gelegt, Charterreisen und Törns zu vermitteln. Die beiden Vilshofener befinden sich dabei mittendrin im Alltag eines Start-Up-Gründers: Businesspläne, Investoren-Termine und Netzwerk-Veranstaltungen gehören zum Alltag, Bürokratiehürden und Finanzierungsmodelle zu den täglichen Begleitern. Ohne eigene Mitsegeltörns fehlt die konstante Einnahmequelle. Zudem gibt es immer wieder mal Probleme mit der Website. Auch Absagen und Rückschläge gehören dazu.

Für Laura und Daniel sind diese Probleme jedoch kein Grund aufzugeben. Sie glauben an ihr Konzept und sind überzeugt davon, BlackSails am Markt etablieren zu können. „Wer ein eigenes Business startet, sollte vielleicht nicht erwarten, dass alles einfach läuft.“
Sie sind sich bewusst, dass sie ein großes Risiko eingegangen sind. Die Konkurrenz ist groß. Trotzdem vertrauen sie auf ihren bisherigen Erfahrungsschatz und das Feedback, das sie aus der Segel-Community bislang bekommen haben. Der Kern ihrer Strategie ist die persönliche Ansprache – gemäß ihrem Slogan: „Von Segler für Segler“. Individuelle Beratung, sorgfältig ausgesuchte Yachten und Informationen über Segelreviere aus eigener Hand. Ihnen ist dabei wichtig, ehrlich und authentisch zu bleiben. Unterstützung bekommen sie u.a. über das Passauer Gründerzentrum „Innkubator“ in Form von Workshops und Coachings.
Vor Kurzem hat das Paar eine neue Investition für ihr Start-up erhalten – ein wichtiger Meilenstein, um BlackSails weiter voranzubringen. Im Juli wollen sie ihre Vision bei einem Netzwerktreffen am Starnberger See, bei dem Gründer, Investoren und Segelbegeisterte zusammenkommen, präsentieren. Im Oktober folgt dann die Teilnahme an einer Regatta – nicht nur aus sportlichem Ehrgeiz, sondern auch, um Teil der aktiven Segel-Community zu bleiben. Für das kommende Jahr planen sie die nächste große Etappe: die Weiterentwicklung ihrer Online-Plattform – mit neuen Funktionen, Partnerschaften und Angeboten.
„Das Schwarze steht für die Tiefe“

Wenn man Laura und Daniel heute danach fragt, ob sie das Wagnis Unternehmensgründung – mit allen Unsicherheiten, allen Höhen und Tiefen – nochmals eingehen würden, zögern sie mit der Antwort keine Sekunde: „Ja, sofort!“ Nicht, weil alles leicht war. Sondern gerade deshalb, weil es das nicht war. Es gab Momente, da standen beide erschöpft am Steuerrad, bei Starkwind und mit einer Crew, die auf ihre Entscheidungen vertraute. Heute arbeiten sie oft bis tief in die Nacht – auch am Wochenende -, um alles für ihr Start-Up herauszuholen.
Genauso gab es viele schönen Momente, in denen sie abends bei Sonnenuntergang alleine mit ihrer Yacht in einer Bucht vor Anker lagen, die Stille um sich genießen durften. Das Kribbeln, wenn sie eine neue Buchung erhielten oder sich eine neue Tür für ihr Start-Up öffnete – als Bestätigung, dass es funktioniert.
„Wir wollten nie weiße Segel verkaufen“, erklärt Laura den Hintergrund des Namens „BlackSails“ – und fügt hinzu: „Sondern echte Geschichten. Das Schwarze steht für die Tiefe – für das, was man sonst nicht sieht.“ Auf ihren Armen tragen sie beide ein Tattoo: ein schwarzer Kreis, darin ein Segelboot, am Bug erkennt man einen kleinen Hund. Das BlackSails-Logo. Es zeigt, wie sehr sie hinter ihrer Idee stehen. Es zeigt den Mut, den es manchmal braucht, die Segel neu zu setzen…
Anna Riedel








