Bayerischer Wald. In Ermangelung wissenschaftlicher Methoden orientierten sich unsere Vorfahren – zumal in landwirtschaftlich geprägten Gegenden – vor allem an den über Jahrhunderte überlieferten Wetterregeln. Dabei handelte es sich zumeist um Vorhersagen, die sich auf jahrhundertelange Beobachtungen von gleichmäßig wiederkehrenden Wetterphänomenen stützten. Aber auch andere spezifische Hinweise aus der Natur sind mit eingeflossen. Dabei verblüfft allemal die erstaunlich hohe Trefferquote.

Vor allem die Landwirtschaft hängt in klimatisch herausfordernden Lagen, wie man sie im Bayerischen Wald vorwiegend antrifft, sehr stark vom Wetter ab. Kälte und Regen im Sommer waren früher der Auslöser für Missernten, die damals durchaus existenzgefährdende Folgen haben konnten. Deshalb hielt man sich bei vielen landwirtschaftlichen Entscheidungen eben an die althergebrachten Wetterregeln.
Natürlich sind die Prognosen des Deutschen Wetterdienstes heutzutage vergleichsweise weitaus zuverlässiger und genauer. Grundlage dafür sind jede Menge Messinstrumente und ständig auflaufende Satellitendaten. Seit einiger Zeit weiß man, dass der Verlauf eines Starkwindes in den oberen Schichten der Atmosphäre, des so genannten Jetstreams, für das Wetter entscheidend ist. Verläuft er eher südlich über Europa, so muss man mit einem kühlen, feuchten Sommer rechnen. Verlagert er sich jedoch weiter nach Norden, so breitet sich das Azorenhoch über dem Woid aus und es wird über längere Zeit trocken und heiß.
Siebenschläfer-Verehrung zur Zeit des Barocks und Rokokos
Und da dieser Jetstream ungefähr Mitte Juni seine Bahn einnimmt, lässt sich damit auch die relativ hohe Trefferquote der Siebenschläfer-Wetterregeln mit etwa 70 Prozent erklären.
- Siebenschläfer-Regen bringt dem Bauern keinen Segen
- Ist der Siebenschläfer nass, regnet’s ohne Unterlass
- Siebenschläfer-Sonne bringt sieben Wochen Wonne
- Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag
Auslöser für den Siebenschläfertag ist eine Legende aus der Zeit des frühen Christentums. Angeblich haben sich damals sieben Brüder, die sich zum Christentum bekannten, geweigert, den römischen Göttern die geforderten Opfer darzubringen. Aus Angst vor dem Zugriff der Soldaten von Kaiser Decius (249 – 251), der ein berüchtigter Christenverfolger war, versteckten sie sich in einer Höhle. Die sieben jungen Männer wurden jedoch entdeckt und zur Strafe in der Höhle eingemauert. Der Legende nach schliefen sie dort ein, blieben jedoch am Leben. Etwa 200 Jahre später wurde nahe dieser Höhle ein Stall gebaut, wozu man die Steine der Höhlenvermauerung verwendete. Dabei wurden die sieben Brüder entdeckt, die erst jetzt wieder aufgewacht waren.

Erstmals im sechsten Jahrhundert taucht dies Legende in Schriftform auf. Die Verehrung der Siebenschläfer war zur Zeit der mittelalterlichen Kreuzzüge, vor allem jedoch in der Zeit des Barocks und Rokokos weit verbreitet. Trotzdem gibt es nur wenige Kirchen und Kapellen, die den Siebenschläfern geweiht sind.
Die Siebenschläfer-Kirche zu Rotthof

Auf einem Hügel in Rotthof, einem kleinen Weiler nahe Pocking, befindet sich eine davon. Sie ist kunsthistorisch besonders bemerkenswert und ist allemal einen Ausflug wert, handelt es sich doch hierbei um einen der ältesten Siedlungsplätze Niederbayerns, der von den Kelten und in der Folge von den Römern besiedelt wurde. Kurioserweise geht das Patrozinium dieser gotischen Kirche auf einen Irrtum zurück. Exakt hier wurden nämlich vor langer Zeit zwei römische Grabsteine gefunden, auf denen einmal drei und einmal vier Köpfe als Relief zu sehen sind. Man hielt sie fälschlicherweise für die Siebenschläfer.
Wegen des folgenden Andrangs von Wallfahrern schuf der Bildhauer Johann Baptist Modler um 1758 einen ungewöhnlichen Altar. Aus Stuck (einem Gemisch aus Kalk, Gips, Sand und Wasser) formte er über einem Holzgerüst sieben schlafende junge Männer, die er in ein eigenartiges Gemisch aus Tuffstein, Glas und Muscheln bettete. Modler fertigte auch die Kanzel und die Seitenaltäre. Der Innenraum der Siebenschläfer-Kirche zu Rotthof zählt zu den Meisterwerken des bayerischen Rokokos.
Viele Gläubige, vor allem Bauersleute, pilgerten von weither zu der Kirche in Rotthof und beteten um gedeihliches Wetter und eine gute Ernte. Offenbar bis hinein in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen brachen auch erstaunlich viele Wallfahrer aus dem Bayerischen Wald dorthin auf. Jetzt konnten jedoch die Pilger die Eisenbahn benutzen, die seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert auch den Bayerischen Wald erreicht hatte und sie über Passau nach Pocking brachte. Von hier ging es dann zu Fuß nach Rotthof.
Wenn der Jetstream aus der Bahn fliegt…
Mit dem „Aussterben“ der alten Wetterregeln kam diese Wallfahrt längst zum Erliegen. Und nun muss man befürchten, dass der offensichtlich nicht mehr aufzuhaltende Klimawandel nicht nur den Jetstream aus seiner Bahn wirft, sondern auch die Jahrhunderte alten, bewährten Wetterregeln außer Kraft setzt…
Rupert Berndl








