Oberfrauenau. „The Earth without Art ist just ‚Eh‘“ – so lautet ein Zitat des Komikers und Drehbuchautors Demetri Martin, das der namentlich bekannte, jedoch als Person bis dato anonym gebliebene und sagenumwobene Graffiti-Künstler Banksy an einer Wand verewigt hat. Ein Wortspiel, das die Bedeutung der Kunst für ein sinnvolles und angenehmes Leben hervorhebt. Und vielleicht ist auch genau das das Ziel des „Banksy des Bayerischen Waldes“…

Denn in den Wäldern rund um Gut Oberfrauenau tauchen seit einiger Zeit Skulpturen auf, gebaut aus Wurzeln, Steinen, Moos – und viel Fantasie. Der Künstler? Bleibt ein Geheimnis! Und dem Betrachter das schöne Staunen…
Es beginnt, wie vieles beginnt: mit einem Spaziergang. Man geht in den Wald. Will frische Luft, ein bisschen Bewegung, vielleicht den Kopf klar bekommen. Der Weg führt bergauf, man folgt der sanften Biegung – und plötzlich steht es da: Ein Wesen, das gestern noch nicht da stand und vielleicht vor einer Stunde erst beschlossen hat, aus dem Unterholz herauszutreten. Es ist ein Wesen aus Holz. Mit Armen, vielleicht. Oder Flügeln? Es schaut. Nicht direkt, aber irgendwie doch. Ein Auge, aus einem Astloch. Ein Mund, nur angedeutet aus ein paar Steinen. Man bleibt stehen. Schaut es an. Schaut nochmal hin, von rechts, von hinten, von unten. Und sieht es jedes Mal anders.
Stille Wesen aus Holz und Wind
Willkommen im geheimsten Skulpturenpark Bayerns. Der Eintritt ist frei, die Lage geheim – und der Künstler? Unbekannt. So beginnt das Abenteuer, das man in den Wäldern rund um Gut Oberfrauenau momentan erleben kann. Wer hier spaziert, sollte Zeit mitbringen – und ein waches Auge. Denn hier hat jemand begonnen, aus dem, was andere übersehen, stille Sensationen zu bauen. Holz. Steine. Rinde. Wurzeln. Moos. Das Material ist nicht spektakulär. Die Wirkung hingegen schon.

Mehr als dreißig dieser Skulpturen stehen inzwischen im Wald. Kauern auf Steinen oder hängen in Bäumen. Manche nicht größer als ein Fuchs, andere himmelwärts strebend, überragend – im doppelten Sinn.
Die ersten Figuren haben Berufsjäger Tom Fredl und Forstbetriebsleiter Gerhard Wilhelm entdeckt. Beides Männer, denen im Wald nichts entgeht. So zumindest dachten sie bislang. Die ersten Figuren hielten sie für Launen der Natur. Ein Wurzelstock, der wie ein Greifarm aussah. Eine Ansammlung von Zapfen, die einen Gesichtsausdruck zu haben schien. Doch dann wurden es weitere und immer mehr – und schnell war klar: Das ist kein Zufall. Das ist Kunst.
Tom und Gerhard sind nun auf der Pirsch. Nicht nach Hirschen, nicht nach Sauen. Nach dem Künstler. Doch es gibt keine Spur. Keine Signatur. Kein auffälliges Werkzeug. Die Objekte entstehen heimlich – und der Künstler ist immer schneller. Vielleicht, weil er weiß, wann keiner hinsieht.
Diese Kunst erklärt nicht, sondern ist einfach da
Mal sind es Tiere, mal Menschen, mal irgendetwas dazwischen. Ein Troll, der in den Himmel schaut. Eine Eule mit Schultern wie ein Ringer. Ein Mädchen aus Steinen, das aus dem Waldboden wächst. Es ist ein bisschen unheimlich. Und gleichzeitig tröstlich. Als würde jemand da draußen auf einen aufpassen. Oder sich zumindest Mühe geben, ihn zum Staunen zu bringen.

Würde der Künstler sich melden, läge im Gutshofladen eine Überraschung für ihn bereit. Man möchte einfach wissen, wer’s ist. Nein: Keine Polizei, nur Neugier. Und großer Respekt.
Gemeldet hat sich niemand bisher. Kein Hinweis. Kein Name. Keine Stimme. Vielleicht will der oder die Unbekannte auch gar nicht gefunden werden. Vielleicht ist es ein Experiment in flüchtiger Schönheit. Vielleicht ein Spiel. Eine stille Wette: Wie lange dauert es, bis die Menschen wieder gelernt haben, genau zu schauen?
Denn das ist das eigentlich Magische: Man muss lernen, zu sehen. Diese Kunst versteckt sich nicht, aber sie schreit auch nicht um Aufmerksamkeit. Man muss sich bücken, den Blick schärfen, sich wundern dürfen. Wer durch den Wald hetzt, sieht nichts. Wer durch den Wald geht, sieht alles.
Etwas das bleibt – ohne zu bleiben
Und irgendwann merkt man, dass man auch die Welt anders zu betrachten beginnt. Dass aus einem Haufen Äste ein Pferd werden kann. Aus einem Stein ein Gedanke. Dass auch jenseits der Kunstwerke plötzlich alles wie gestaltet wirkt. Als hätte jemand die Welt kuratiert. Das ist vielleicht das größte Kunstwerk von allen: Dass es den Blick verändert.
Irgendwo da draußen sitzt vielleicht gerade jemand auf einem Baumstumpf, hat Moos in den Haaren und Rinde unter den Nägeln. Vielleicht ein Künstler, vielleicht eine Künstlerin? Vielleicht ein Kind? Ein Greis mit einem Geheimnis? Jedenfalls jemand, der etwas hinterlassen will, das bleibt – ohne zu bleiben.
Die Skulpturen sind Wind und Wetter ausgesetzt. Sie verfallen langsam. Werden umkippen. Sich auflösen. Vielleicht kommen auch immer neue hinzu. Es ist ein ständiger Wandel. Ein Waldtheater, ohne Vorstellung und ohne Applaus. Und doch ist man tief bewegt…
Alexandra von Poschinger
Dieser Artikel ist in der „Gut News“ erschienen, der Zeitung für Bemerkenswertes und Belangloses auf Gut Oberfrauenau.
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