Passau. 8o Jahre ist es nun her, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Und die Zahl der noch lebenden Zeitzeugen wird natürlicherweise immer kleiner. Wenn diese Generation nun allmählich geht, verliert sich auch das, was diese Männer und Frauen erlebt haben: Not und Hunger. Sorgen und Ängste. Dramatische Geschehnisse. Kriegsende in Passau (1): Rupert Berndl war mittendrin!

1940 in Passau geboren, habe ich, wie bestimmt viele Menschen in meinem Alter, recht vielfältige und erstaunlich präzise Erinnerungen an die beiden letzten Kriegsjahre. Dabei haben sich verständlicherweise die letzten Kriegsmonate, -wochen und -tage mit ihren Wirrnissen, Bombenangriffen und dramatischen Ereignissen besonders tief in die kindliche Psyche eingegraben.
Gewohnt haben wir damals im Unteren Sand, im zweiten Stock des Eckhauses zur Theresienstraße, unmittelbar neben den so genannten Promenade Lichtspielen. Mein Vater leitete als Eisenbahnpionier einen Bauzug in Russland. Wie alle Männer, die höchstens zweimal pro Jahr für wenige Tage auf Fronturlaub nach Hause kamen, war mein Vater für mich ein Fremder. Somit war Mutter meine einzige Bezugsperson.
Am 18. April 1945 starben 150 Passauer

Ich wuchs ohne Geschwister auf. Erst im Zuge des Rückzugsgeschehens kam Vater dann Ende 1944 zurück nach Passau und musste nun versuchen, mit seinen Männern die Schäden an den Gleisanlagen schnellstmöglich zu reparieren, die durch die immer häufiger werdenden Bombardierungen durch die Alliierten entstanden.
Als strategisch bedeutsamer Eisenbahnknotenpunkt wurde Passau bereits 1941 aus der Luft angegriffen. In meiner Erinnerung tauchen aber erst ab 1944 recht präzise Bilder zum Kriegsgeschehen auf. In den letzten Kiegsmonaten häuften sich die Luftangriffe. So warfen am 29. November 1944, kurz nach Mittag, britische und amerikanische Bomberverbände ihre todbringende Last über den Bahnanlagen ab. Da die Abwürfe aus einer Höhe von knapp 2.000 Metern erfolgte, verfehlten zahlreiche Bomben ihr Ziel und richteten in den angrenzenden Wohngebieten große Schäden an. Es gab 43 Tote.
Ein weiterer massiver Luftangriff, dem 30 Menschen zum Opfer fielen, erfolgte am 19. März 1945. Die heftigste Bombardierung, bei der über 400 Tonnen dieses alles vernichtenden Materials auf Passau niedergingen, traf unsere Stadt am frühen Nachmittag des 18. April 1945. Dabei verloren 150 Menschen ihr Leben.
Die Brücken
Durch ihre besondere Lage an den drei Flüssen Donau, Inn und Ilz spielten Brücken für Passau immer schon eine ganz wichtige Rolle. Sie verbanden, und verbinden bis heute, als stark frequentierte Straßen- und Eisenbahnbrücken nicht nur die Inn- und die Ilzstadt mit dem Stadtkern, sondern auch europäische Nachbarländer miteinander.Als dann Ende April, Anfang Mai 1945 das Kriegsende abzusehen war, wurden sämtliche Brücken gesprengt, um den Vormarsch der Alliierten zu verhindern, zumindest aber zu erschweren.

Freilich aufhalten konnte man damit das Vorrücken dieser Einheiten nicht. So wurde am 29. April 1945 die Eisenbahnbrücke am Kraftwerk Kachlet gesprengt. Am 30. April folgten dann der sogenannte Fünferlsteg und die Eisenbahnbrücke über den Inn. Am 1. Mai 1945 wurde die Maxbrücke über die Donau von Granaten so schwer getroffen, dass zwei Brückenabschnitte einstürzten. Außerdem sprengte man am gleichen Tag die Ilzbrücke, den Kachletsteg, die Hängebrücke über die Donau und die Marienbrücke über den Inn.
Die Innbrücke konnte man von unserer Wohnung aus gut sehen. Das Ergebnis der Sprengung, der Anblick der verbogenen Eisenteile, die aus dem Wasser ragten, faszinierte mich so sehr, dass ich sie bis heute vor Augen habe. Selbst das laute Geräusch des Flusses, der durch die Trümmer rauschte, ist mir in Erinnerung.
Wie für viele Passauer war auch für unsere Familie die Zerstörung der Flussübergänge eine schlimme Sache, wohnten doch die nächsten Verwandten drüben in der Innstadt und jenseits der Donau am Anger. Eine fußläufige Verbindung war jetzt nicht mehr möglich, Telefon gab es damals in den allermeisten Haushalten auch noch nicht und deshalb wuchs wegen des zunehmenden Beschusses der Stadt natürlich die Sorge um die Angehörigen.
Der Volksempfänger
Die Bevölkerung wurde über Radio vor herannahenden Bombergeschwadern gewarnt. So ein Volksempfänger, wie er offiziell bezeichnet wurde, stand auch bei uns auf einer Anrichte in der Küche. Vor allem in den letzten Kriegsmonaten musste dieses Gerät vom frühen Morgen bis spät in die Nacht eingeschaltet sein.

Weil über dieses Medium die Bevölkerung vor Fliegerangriffen gewarnt und zum sofortigen Aufsuchen der Luftschutzräume aufgefordert wurde. Die Marschmusik und die Propagandasprüche, an die zu dieser Zeit ohnedies kein vernünftiger Mensch mehr glaubte, wurden dann von einer dumpf dröhnenden Melodie unterbrochen.
Das war das gefürchtete Zeichen. Denn dann war höchste Eile geboten. Um gegebenenfalls etliche Tage im Luftschutzkeller zu überstehen, hatte Mutter einen Koffer und eine große Ledertasche unmittelbar neben der Eingangstür griffbereit platziert. Neben wichtigen Papieren und Unterlagen enthielten die beiden Gepäckstücke verschiedene warme Kleidungsstücke, Kerzen, Streichhölzer, einigermaßen haltbare Lebensmittel und zwei Thermosflaschen mit Tee. Als sich gegen Kriegsende die Luftangriffe häuften, verbrachten wir die Nächte voll bekleidet im Bett, um die Luftschutzräume noch rechtzeitig zu erreichen.
Luftschutzkeller
Als besonders schaurig sind mir die aufheulenden Sirenen des nachts in Erinnerung geblieben, wenn ich aus dem Schlaf gerissen wurde. Beim raschen Eilen nach unten waren wir keineswegs allein. Die übrigen Hausbewohner stießen dazu. Fünf Kinder etwa in meinem Alter waren auch dabei. Ein geräumiger Kellerraum war zum Luftschutzraum ausgebaut worden. Eine große Zahl Rundhölzer waren hier zwischen Boden und Decke aufgestellt und verkeilt worden. Hier sollten die Hausbewohner und die Leute aus den beiden Nachbarhäusern Schutz finden.
Für uns Kinder waren etliche Stockbetten gezimmert worden, in denen wir schlafen, aber auch spielen konnten. In unserem Alter waren wir uns der drohenden Gefahr nicht bewusst. Wenn die Kellertür verbarrikadiert und der eiserne Fensterladen zugezogen wurde. Wenn dann deutlich vernehmbar die Flugzeuge über uns hinweg donnerten und man die Detonationen hörte. Nur aus den befremdlichen Reaktionen der Erwachsenen konnten wir schließen, dass da etwas Dramatisches geschah. Man spürte die Angst der Erwachsenen. Eltern drückten ihre Kinder eng an sich, manche fingen an zu weinen oder laut zu beten. Noch unheimlicher wurde es, wenn das Licht ausging und es eine schiere Ewigkeit dauerte bis Kerzen den Raum spärlich erleuchteten.
Rupert Berndl
Im zweiten Teil der kleinen Hog’n-Serie „Kriegsende in Passau“ gibt’s vom inzwischen in Waldkirchen lebenden Heimatforscher die „Pfannkuchen-Geschichte“. Außerdem steht das Thema Versorgung im Fokus – und Rupert Berndl wirft einen Blick auf die brennende Frage: „Russen oder Amerikaner?“…
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