Regen/Freyung. Weg vom Einsatzbezug hin zur ständigen Bereitschaft: Die verstärkte Bedrohungslage in Folge des Ukraine-Krieges hat dazu geführt, dass die Bundeswehr unter komplett anderen Rahmenbedingungen arbeiten muss. Im ersten Teil des großen Hog’n-Interviews mit den Bayerwald-Kommandeuren Sean Papendorf (Panzergrenadierbataillon 112 – Regen) und Dr. Dan Tomuzia (Aufklärungsbataillon 8 – Freyung) sind die beiden Offiziere auf diese „180-Grad-Wende“, die größte Veränderung der deutschen Verteidigungsstrategie der vergangenen Jahrzehnte, und deren Auswirkungen für die hiesigen Soldaten eingegangen.

Nun, im zweiten Teil des Gespräches, ist zunächst weiterhin die angespannte weltpolitische Lage Thema. Das Oberstleutnant-Duo, das jeweils drei Jahre am Arber bzw. Lusen stationiert ist, geht zudem auf das besondere Verhältnis zwischen Militär und Bevölkerung im Bayerischen Wald ein, erklärt, was an der NATO-Ostflanke passieren wird – und macht deutlich, wie die höheren finanziellen Mittel für die Streitkräfte vor Ort in Regen und Freyung wirken.
Vor kurzem hat in der Region die „Aufklärerwoche“ stattgefunden. Haben Sie während dieser Übung wahrgenommen, dass die Sensibilität der Bevölkerung der Bundeswehr gegenüber aufgrund der angespannten weltpolitischen Lage größer war?
Dan Tomuzia: Würde ich nicht sagen. Als ich im Herbst 2023 übernommen habe und kurz darauf der Neujahrsempfang 2024 stattgefunden hat, lautete ein großer Punkt, der von der Bevölkerung an mich herangetragen wurde, mehr Präsenz zu zeigen. In dieser Region ist die Bundeswehr gerne und oft gesehen. Und wir haben – im Vergleich zu den Regenern – den Luxus, nicht auf Kette, also mit Panzern unterwegs zu sein. Der gesamte Landkreis FRG ist deshalb für uns ein ständig angemeldeter Übungsraum.
Heißt: Wir können jederzeit außerhalb der Kaserne arbeiten. Vor dem Hintergrund der veränderten Bedrohungslage gibt es offensichtlich den Bürgern ein gutes Gefühl, die Streitkräfte regelmäßig in der Öffentlichkeit wahrzunehmen. Die Visibilität ist ausdrücklich gewünscht!
Im Bayerwald ist man „als Soldat Teil der Gesellschaft“
Sean Papendorf: Nach acht Monaten im Bayerischen Wald: Hier ist die Wahrnehmung eine gänzlich andere als in vielen anderen Bereichen der Bundesrepublik. Ich war lange Zeit in Nordrhein-Westfalen eingesetzt. Auch dort ist das Verhältnis zwischen Militär und Bevölkerung gut, aber eher unterkühlt. Hier ist man als Soldat Teil der Gesellschaft. Das kann ich bereits jetzt mit Fug und Recht behaupten – und das erfüllt mich mit Stolz und Freude.

Insgesamt hat sich aber deutschlandweit die Wahrnehmung der Bundeswehr geändert. Die Sinnhaftigkeit von Streitkräften wird deutlicher gesehen als in den Jahren, in denen wir 5.000 Kilometer entfernt Dinge getan haben, die viele in Deutschland nicht verstanden haben. Das hat sich nun aufgrund des verstärkten Fokus auf die Landes- und Bündnisverteidigung verändert. Es hat sich ein deutlicher Zuspruch entwickelt – auf politischer Ebene, aber auch innerhalb der Gesellschaft.
Warum ist der Stellenwert der Bundeswehr im Bayerischen Wald schon immer sehr hoch gewesen? Aufgrund der Strukturschwäche? Wegen der Vergangenheit am Eisernen Vorhang?
Sean Papendorf: Nein, nein. Die Strukturschwäche ist es bestimmt nicht. Die Geschichte schon eher – aber eine ähnliche hatte auch Mitteldeutschland. Ich komme aus Mitteldeutschland – und dort ist das Miteinander nicht vergleichbar. Hauptgrund ist schlichtweg das Gemüt der Leute. Es gehört hier einfach dazu, herzlich zu sein. Zudem ist das Verhältnis zwischen Bundeswehr und Zivilgesellschaft über Jahrzehnte hinweg gewachsen. Ich kann jeden nur einladen, sich selber davon zu überzeugen.
„So etwas habe ich nirgendwo sonst erlebt“
Dan Tomuzia: Mir wurde bereits am ersten Tag folgendes Beispiel mitgeteilt: Minister Scharping war vor Jahren hier, weil es mehrere Aufklärungsstandorte gab, die aufgelöst werden sollten. Während einer Zusammenkunft hat sich ein Stadtrat gemeldet und gesagt, dass es hier drei Sachen gebe, die unverrückbar sind: Das „Y“ in der Mitte des Ortsnamens, die Kirche in der Mitte des Ortes – und die Kaserne in der Mitte der Gesellschaft. Diese familiäre Verbindung ist beeindruckend. So etwas kann ich nicht erzwingen. Entweder, es ist da – oder nicht. Und hier im Bayerwald ist es da!
Unsere Aufgabe ist es, diese Wahrnehmung weiterhin zu fördern – durch Präsenz, durch Nahbarkeit. Wir müssen auch innerhalb der Bevölkerung unseren Beitrag leisten – beispielsweise mit Infoständen am SonnYtag. Es ist ein Geben und Nehmen. Keine Einbahnstraße. Das muss uns bewusst sein und ist unsere Verpflichtung.
Sean Papendorf: Es wird uns aber auch leicht gemacht. In dem Moment, in dem wir einen verkaufsoffenen Sonntag oder ein Stadtfest besuchen, ist die Freude da. Wir sind wohl der einzige Standort überhaupt, der am Ortseingang einen eigenen Kreisverkehr bekommen hat. Ein weiteres Beispiel: Jedes Jahr vor dem Weihnachtsurlaub gibt es bei uns in der Kaserne ein Fest für das Bataillon. Die Patengemeinden besetzen die Stände und geben Essen sowie Trinken aus. Das sagt vieles aus! So etwas habe ich nirgendwo sonst erlebt. Auch in anderen Regionen gibt es gewachsene Patenschaften. Aber hier – das ist die Kirsche auf der Sahnetorte.
Der „Tag der Bundeswehr“ am 28. Juni findet an deutschlandweit zehn Standorten statt – einer davon: Freyung
Ist seit dem Aussetzen der Wehrpflicht der Stellenwert der Streitkräfte gesunken, weil die Durchmischung nicht mehr so gegeben ist?
Sean Papendorf: Hier in der Region sicher nicht. Eher die Präsenz. Es obliegt jedem Einzelnen, von seinen Erlebnissen im Beruf zu erzählen, wenn er nach Hause kommt. In Zeiten der Wehrpflicht hatten wir in diesem Zusammenhang deutlich mehr Durchlauf. Wir hatten viele junge Menschen, die aus der Ich-Perspektive zuhause darüber berichten konnten. Auch ich bin über die Wehrpflicht zur Bundeswehr gekommen – und geblieben. Derzeit sind wir eine Berufsarmee, eine Kaserne ist eine Art Blackbox, ein militärischer Sicherheitsbereich mit Stacheldraht drumherum. Deshalb ist eine größere Kraftanstrengung nötig, um zu zeigen, was wir machen. Veranstaltungen wie unser Tag der offenen Tür am 12. Juli sind dafür wichtig.
Dan Tomuzia: Bei uns findet der Tag der Bundeswehr am 28. Juni statt. Dieser Tag ist ein wesentlicher Beitrag, der die enge Verbundenheit und das Verständnis für die Streitkräfte weiter untermauert.
„Wir agieren als Kommandeure nicht in einer eigenen Blase“
Ist eine Rückkehr zur Wehrpflicht – nicht nur wegen der Präsenz – nötig?
Sean Papendorf: Die Streitkräfte werden mittlerweile auch verstärkt als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen. In der Bundeswehr kann man eine Karriere, die im Zivilen fortgeführt werden kann, starten. Zudem habe ich einen Beruf, der nicht ist wie jeder andere – Stichwort: Sinnhaftigkeit. Ich kann Abenteuer erleben – und auch die Bezahlung ist nicht so schlecht. Die freie Heilfürsorge kommt noch dazu. Und natürlich gehen wir mit der Zeit: Bei uns in Regen werden künftig Soldaten Einzelzimmer mit Bad haben. Ich ziehe die Uniform jeden Tag mit Stolz an!

Ist es angesichts dessen, dass sie beide im Bayerischen Wald quasi im „militärischen Paradies“ leben und arbeiten, nicht enorm schade, dass ihre Zeit hier als Kommandeure sehr begrenzt ist? Sie bleiben ja nur drei Jahre…
Sean Papendorf: Wir befinden uns im Verwendungsaufbau, deshalb ist es klar, dass wir nach drei Jahren weiterziehen müssen. Gewisse Bereiche und Dienstposten sind aus Offizierssicht wahrzunehmen, um eine weitere Eignung zu erreichen. Wir sind ein geschlossener Personalkörper, heißt: Wir müssen von unten nach oben ausbilden – und können nicht, wie in der freien Wirtschaft, auf gewissen Ebenen auf Externe zugreifen. Zudem ist es auch mal gut, wenn ein anderer kommt und den Ton angibt.
Muss man aber nicht gerade als Chef einer Kaserne – Stichwort: Landes- und Bündnisverteidigung – das Gebiet bestens kennen, das es zu verteidigen gilt? Ist dies möglich, wenn ich nur drei Jahre an einem Ort bleibe?
Dan Tomuzia: Der Kern eines Verbandes, die Unteroffiziere und die Mannschaften, sind regional eingebunden. Das sind die, die sich hier auskennen. Unser Auftrag (der Blick geht zu Sean Papendorf) ist es, den Kontakt zur Brigade zu halten. Wir haben die große Chance, auf gewachsene Strukturen und Erfahrungen zurückzugreifen. Wir agieren als Kommandeure nicht in einer eigenen Blase! Und ja, es gibt den ein oder anderen Blickwinkel. Aber eine 180-Grad-Wende ist praktisch unmöglich. Diesen vollführte unsere Generation insgesamt – weg von den internationalen Einsätzen hin zur Landes- und Bündnisverteidigung. Aber darüber haben wir bereits gesprochen.
„Wir sind eine Art Drehscheibe für Aufmarsch, Logistik, etc.“
Sean Papendorf: Auch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs hatten die Kommandeure die gleichen Stehzeiten. Vor 1989 befand sich die Stellung der Bayerwald-Grenadiere zehn Kilometer außerhalb der Kaserne. Dadurch, dass sich Europa gewandelt hat, ist Deutschland nicht mehr absoluter Frontstaat. Wir sind eher eine Art Drehscheibe für Aufmarsch, Logistik etc. Der Raum, auf den wir schauen, ist die NATO-Ostflanke. Und das ist eher Bündnis- als Landesverteidigung. Es ist also nicht allzu wichtig, das unmittelbare Gebiet um unsere Kasernen im Detail zu kennen.
Fakt ist aber auch: Erfüllen wir unseren Auftrag in der Bündnisverteidigung nicht so wie erwartet, müssen wir in die Landesverteidigung übergehen.

NATO-Ostflanke bedeutet Litauen?
Dan Tomuzia: Genau.
Sean Papendorf: Im vergangenen Jahr hat die Panzerbrigade 12 die Verlegung bereits trainiert. Derzeit übt die 10. Panzerdivision entsprechend. Seit Mitte Mai gibt es nun auch die Panzerbrigade 45, die fest in Litauen stationiert werden wird. Das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach ist ein Teil davon. 2027 werden die dortigen Kameraden nach Litauen verlegen. Entsprechende Ausschreibungen laufen bereits – bisher beruht eine Bewerbung jedoch noch auf Freiwilligkeit.
Dan Tomuzia: Das ist kein Auslandseinsatz – wie in Afghanistan oder Kosovo – , der zeitlich begrenzt ist. Hierbei handelt es sich um eine feste Stationierung. So wie wir hier in Freyung unsere Wurzeln geschlagen haben, wird die Panzerbrigade 45 in Litauen ihre Wurzeln schlagen. Die dortige Garnison ist dann ein Standort wie jeder andere innerhalb Deutschlands.
Sean Papendorf: Die Größenordnung mit 5.500 Soldaten ist natürlich eine andere Dimension als bisher. Und ganz ehrlich: Das wird diejenige Brigade sein, die im Falle einer Eskalation in Sachen Bündnisverteidigung als Erstes zum Einsatz kommt…
„Durch höhere Mittel haben wir bessere Planungssicherheit“
Weiteres großes Thema: Sondervermögen. Wie sehnsüchtig wartet man in Freyung und Regen darauf, dass endlich die Schecks eintreffen?
Dan Tomuzia: Das wird nie passieren. Oberstleutnant Papendorf oder Tomuzia werden nie einen Scheck in Höhe von x Euro erhalten. Das ist nicht die Zielsetzung. Abgesehen davon: Durch die Änderung des Grundgesetzes handelt es sich nicht mehr um ein Sondervermögen, sondern um einen normalen Haushaltsposten. Das Geld wird dafür verwendet, eine bessere Grundlage zu schaffen. Heißt: Wir müssen wieder einen Stand erreichen und halten, der unseren Anforderungen entspricht. Die Aufgabe der Kommandeure ist es, zu eruieren, was fehlt, damit alle Bestände wieder zu 100 Prozent aufgefüllt sind. Neu ist jetzt: Durch die höheren Mittel haben wir eine bessere Planungssicherheit.

Beispiel: In den vergangenen Jahren haben wir den normalen Feldanzug durch den Kampfanzug für alle Soldaten erhalten. Wir haben zudem neue Schutzwesten und Helme bekommen. All das, was vorher in reduzierten Mengen da war und bei der Ausbildung durchgetauscht werden musste, ist nun ausreichend vorhanden.
Das Mehr an finanziellen Mitteln ist also bereits spürbar?
Dan Tomuzia: Ja. Für 100 Milliarden Euro Autos der Marke VW Golf zu kaufen, ist einfach. Für 100 Milliarden Euro Panzer zu kaufen hingegen nicht. Die Rüstungsindustrie wieder hochzufahren nimmt etwas Zeit in Anspruch. Ein Panzerschlosser ist nicht so einfach auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Er muss erst ausgebildet werden. Firmen wie Rheinmetall müssen ihre Kapazitäten erhöhen, denn nicht nur Deutschland rüstet auf, sondern ganz Europa. Es ist strategische Geduld gefragt!
Sean Papendorf: Natürlich sind wir alle ungeduldig. Auch wir hätten am liebsten alles sofort. Streitkräfte sind aber nie in Gänze fertig. Und man merkt zudem, dass die Anschaffung gewisser Dinge nun schneller und einfacher vonstatten geht.
Abschließend der obligatorische Blick in die Zukunft: Europa 2035 – wie lauten ihre Prognosen?
Sean Papendorf: Unverändert zu heute, weil die Abschreckung gewirkt hat.
Dan Tomuzia: Ja, die Abschreckung hat funktioniert. Aber die Welt wird sich insgesamt verändert haben. Dahingehend, dass Wertesysteme wieder als wesentlich erkannt werden. Europa wird auch deutlich emanzipierter sein.
Interview: Helmut Weigerstorfer
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