Vimperk. Bereits in den achtziger Jahren – lange bevor er aus dem Schwäbischen nach Passau umgesiedelt ist – zog es den Fotografen Klaus Ditté wie magisch in den Böhmerwald. Die Angst vor den nahen Grenzsoldaten, wenn er in Finsterau über die grüne Grenze ging, konnte ihn nicht abhalten; seine Sehnsucht nach der einzigartigen Wildnis war größer. Die Faszination – aber auch das Gefühl des Fremdseins – wurden nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ nicht geringer. Ditté erlebte und fotografierte hautnah den Untergang von Landschaft und Dörfern. Und wenige Jahre später den Eifer des Wiederaufbaus…

Im Auftrag des Freilichtmuseums Finsterau drehte er 2018 eine Dokumentation über den Böhmerwald und lernte dabei den tschechischen Schriftsteller Martin Sichinger kennen. Der Beginn einer kreativen Zusammenarbeit und einer Freundschaft ohne Grenzen, von der das gerade erschienen Buch „Verlassene Wunder / Opuštěné Zázraky“ auf schönste Weise erzählt.
Während gemeinsamer Wanderungen in der Wildnis des Böhmerwaldes und Ausflügen zu Ruinen einst erfolgreicher Fabriken, zu Gutshöfen, bäuerlichen Anwesen, Friedhöfen und entlegenen Winkeln von Städtchen und Dörfern des Vorlandes zeigte der Schriftsteller dem Fotografen die oft verborgene Schönheit seiner Heimat – und eröffnete ihm Einblicke in die böhmische Seele. In ihrer „schwarzweißen Bilddichtung“, wie die beiden ihr gemeinsames Buch nennen, ergänzen sich die Schwarz-Weiß-Fotografien von Klaus Ditté – also der Blick des Fremden – mit den in beiden Sprachen abgedruckten, leise-poetischen Texten von Martin Sichinger, der Stimme des Einheimischen.
Einblicke in die böhmische Seele: „Schepsismus“
In den vier Kapiteln geht es um Wege und Wälder, um vergessene Orte, die dem Verfall preisgegeben sind, um die ganz eigene Art der Tschechen, mit der „entstellten sozialistischen Welt“ umzugehen, und schließlich um die Spuren des Glaubens, die sich in den vielen Kreuzen spiegeln, die überall im Land zu finden sind. Als Weg- und Kirchenkreuze, aber auch verrostet, versteckt, zerstört oder überwuchert.
Dittés Fotos verraten seinen feinen Blick für die Ästhetik, die dem Verfall eingeschrieben ist, für Licht und Schatten, für Linie und Proportion – aber auch für skurrile Details. So haben die Autoren für den Versuch der Tschechen, mit unkonventionellen Mitteln die Fehlplanungen der sozialistischen Zeit zu revidieren, den Begriff „Schepsismus“ erfunden. Die Bilder dieses Kapitels zeigen notdürftig und „scheps“ Repariertes, das Provisorium als Hoffnung. Im Text heißt es: „Hier in Böhmen sind wir so voll von allgegenwärtigem Schepsismus, dass wir ihn ohne fremde Hilfe gar nicht wahrnehmen. Schepsismus ist unsere neue Schönheit, wie sie von Deutschen gesehen wird. Und jetzt werden auch die Tschechen diese Schönheit sehen.“
„… und unser Land wird wieder verwandelt werden“
Sich gegenseitig die Augen zu öffnen, sich mit Humor und Neugierde auf die jeweils andere Sichtweise einlassen – das gelingt durch den unaufdringlichen Dialog zwischen Text und Bild. Gleichzeitig ist das Buch ein Hort der Erinnerung und lebt sehr von dem Bewusstsein, in einer Zeit des Übergangs zu existieren. Der Sozialismus hat Einöden, Kirchen, Friedhöfe, Dörfer, Felder und Wiesen zerstört. Reste und Ruinen sind geblieben und erzählen längst ihre eigenen Geschichten. „Aber“, wie Martin Sichinger schreibt, „sogar die Spuren des Untergangs, in denen wir aufwuchsen und darin lebten, werden verschwinden und unser Land wird wieder verwandelt werden. Wir haben eine verlorene Schönheit in diesem Buch eingefangen. Und wir hoffen, ihr findet sie auch.“
Das vorgestellte Buch ist nur der erste Schritt in diesem deutsch-tschechische Freundschaftsprojekt. Als nächstes sind Ausstellungen in Tschechien und Deutschland geplant. Vom 11. Juli (Vernissage um 18 Uhr) bis 31. Juli sind die Fotografien von Klaus Ditté in der Kurhausgalerie Freyung zu sehen. Unterstützen kann man die Idee mit dem Kauf des Buches oder über whydonate Crowdfunding.
Regina Kremsreiter
„Verlassene Wunder / Opuštěné Zázraky“, 101 Seiten, Verlag Velarium, Budweis 2025, Preis 20 Euro, im Buchhandel, über Amazon oder auf der Webseite www.fine-photography.de erhältlich.
–> den Artikel gibt es auch auf Tschechisch bei unserem Böhmerwald-Partnerportal sumava.eu zu lesen (einfach klicken).








