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Haidmühle/ Nove Udoli. Gut sechs Wochen liegt der bestätigte Wolfsriss bei Jandelsbrunn (da Hog’n berichtete mehrfach) nun zurück. Seitdem brodelt in der Gemeinde die Gerüchteküche. Ein Wolf soll unweit des Skilifts bei Oberfrauenwald dabei beobachtet worden sein, wie er ein totes Reh über die Straße zog. In Rosenberg und Wolfau sei ebenso ein Exemplar gesichtet worden. Rund um Wollaberg habe man immer wieder Wolfsgeheul vernommen. Gar von einem Rudel ist die Rede. Die Angst gehe um in Jandelsbrunn, vor allem ältere Bürger würden sich nicht mehr allein hinaus in die Natur zum Spazierengehen trauen.

Der Wolf wird immer präsenter – auch und vor allem im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet. Symbolbild: pixabay/colfelly

„Warum werden da nicht mehr Infos an die Bewohner gegeben?“, fragt sich ein Hog’n-Leser mit der Bitte an die Redaktion, hier genauer nachzuforschen. „Ich finde, jeder Anwohner dort hat das Recht auf Aufklärung.“ Ein durchaus berechtigter Einwand.

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Denn von offizieller Seite, etwa vom Landratsamt Freyung-Grafenau, wo die Untere Naturschutzbehörde angesiedelt ist, gab es weder während noch im Nachgang des Jandelsbrunner Vorfalls Bekanntmachungen, Warnhinweise oder sonstige Informationen.

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Nur das LfU darf Auskünfte erteilen

Der Grund für das Schweigen: Die Wolfsthematik liegt im Zuständigkeitsbereich des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU), wie die Presseabteilung der Kreisbehörde informiert. Daher werden seitens des Landratsamts keine Medienanfragen, die den Wolf betreffen, beantwortet. Wir wollten unter anderem wissen, ob es nach Bekanntwerden des Jandelsbrunner Wolfsriss‘ seitens der Kreisverwaltung eine offizielle Reaktion dazu gebe. Ob es generell die Aufgabe des Landratsamts sei, nach Vorfällen wie jenem zumindest die ansässigen Nutztierhalter zu unterweisen, sie zu warnen oder zu kontaktieren. Ob man sich mit dem LfU nun abstimmen werde und ob die durch den Wolf entstandenen Schäden dem jeweiligen Nutztierhalter erstattet werden. Die Antwort: Die Zuständigkeit liegt beim Landesamt für Umwelt.

Bilder vom Wolfsriss im März 2023 bei Jandelsbrunn, bei dem fünf Schafe ums Leben gekommen sind.

Dieses teilt nach Weiterleitung unserer Fragen nur recht allgemein mit, dass bei Nutztierrissen neben den lokalen Behörden auch Interessenverbände und Vertreter von Nutztierhaltern über den Sachverhalt informiert werden. Ebenso, dass auf der Internetseite des LfU alle Nachweise und Verdachtsfälle bei Nutztierrissen zeitnah veröffentlicht werden. „Das Bayerische Landesamt für Umwelt rät allen Nutztierhaltern der Region, ihre Tiere vor Übergriffen durch den Wolf z. B. mit einer wolfsabweisenden Zäunung zu schützen“, informiert der LfU-Sprecher weiter – und bleibt konkrete Antworten schuldig.

Der Jandelsbrunner Fall vom 21. März liege innerhalb der Kulisse der „Förderrichtlinie Investition Herdenschutz Wolf“. Heißt: „Nutztierhalter, deren Flächen innerhalb der Förderkulisse liegen, können Investitionen für die Einrichtung wolfsabweisender Zäune gefördert bekommen.“ Schäden, die Nutztierhaltern durch Wolfsrisse entstehen, könnten durch die „Ausgleichsregelung Große Beutegreifer“ kompensiert werden.

Der Fall Nové Údolí

Indes wurde Hog’n-Informationen zufolge im Haidmühler Gemeinderat vor Kurzem ein weiterer Wolfsriss thematisiert, der sich im Oktober vergangenen Jahres unmittelbar hinter der bayerisch-böhmischen Grenze ereignet hat. Die Informationen dazu seien von Seiten Haidmühles tschechischer Nachbargemeinde Tusset (Stožec), die sich bekanntermaßen im Nationalpark Šumava befindet, weitergereicht worden. Auf einer Weidefläche nahe des Grenzorts Nové Údolí wurden mehrere Waldschafe vom Wolf getötet. Das Szenario soll dem des Jandelsbrunner Vorfalls geglichen haben. Entsprechendes Bildmaterial wurde den Räten präsentiert.

Im Gremium der Haidel-Gemeinde wurde im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung u.a. über die Frage diskutiert, ob man die Bürgerschaft darüber informieren solle oder nicht. Bürgermeister Heinz Scheibenzuber teilte auf Hog’n-Anfrage zunächst mit, dass er sich dazu mit der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt abstimmen müsse. Die Öffentlichkeit solle dann zu einem späteren Zeitpunkt informiert werden. Auf weitere Nachfrage erklärte der Haidmühler Rathaus-Chef, dass hinsichtlich des Wolfsriss‘ bei Nové Údolí „alles im grünen Bereich“ sei, ohne jedoch näher darauf einzugehen, was dies konkret bedeute. „Dazu darf ich nichts sagen“, so Scheibenzuber. Die Frage, warum ein Ereignis, das sich im Oktober 2022 zugetragen hat, erst jetzt auf der Tagesordnung des Gemeinderats erscheint, könne er ebenso wenig beantworten.

Vier Wolfsrudel sind auf tschechischer Seite bestätigt, wie ein Sprecher des Nationalparks informiert. Symbolfoto: pixabay/ Huskyherz

Das Landesamt für Umwelt erteilt zum Fall Nové Údolí – auch stellvertretend für das Landratsamt Freyung-Grafenau – so gut wie keine Auskunft. „Genetische Untersuchungen liegen nicht vor“, heißt es lediglich von Seiten der staatlichen Umweltbehörde. Und: Wie auch schon im Fall Jandelsbrunn könne in einem Radius von zehn Kilometern um den Ort des Wolfsriss‘ ein sog. Ereignisgebiet ausweisen werden – unabhängig von Landesgrenzen. Sprich: Schutzmaßnahmen für Nutztier-Kleinherden werden auch im Raum Haidmühle gefördert.

Helga Finiková, Bürgermeisterin der Gemeinde Stožec, teilt dem Hog’n gegenüber mit, dass man von den Angriffen der Wölfe wisse. „Wir haben zwei Rudel hier im Bereich Stožec und sie sind auch in der Umgebung von České Žleby immer wieder mal zu sehen. Im vergangenen Jahr wurde hier der Angriff eines Wolfes auf einen Jagdhund bestätigt, der seinen Verletzungen erlag. Deshalb haben die Menschen aufgehört, mit den Hunden spazieren zu gehen.“ Die Kommunen, informiert Finiková weiter, versuchten dieses Problem zu bekämpfen, „aber sie können nichts tun“. Der Wolf sei als kritisch bedrohte Art geschützt, so dass man das Wolfsproblem mit den Vertretern des Nationalparks Šumava diskutieren müsse.

Beinahe täglicher Wolfskontakt

Dass das Thema Wolf auch auf tschechischer Seite ein heikles ist und zwischen Wolfsbefürwortern und Wolfsgegnern immer wieder zu großen Spannungen führt, dürfte diesseits der Grenze hinlänglich bekannt sein. Gerade Nutztierhalter haben im Böhmerwald in regelmäßigen Abständen mit dem Raubtier zu tun. Hog’n-Informationen zufolge hat unter anderem ein größerer, nur wenige Kilometer hinter der Grenze gelegener Zuchtbetrieb bereits mehrere Kühe verloren. Der verantwortliche Leiter des 400 Rinder starken Betriebs, der seine Tiere im Sommer entlang des Grenzkamms zwischen Philippsreut und Haidmühle weiden lässt, spricht von beinah täglichem Wolfskontakt. 

Dieser Wolf wurde im März auf der Straße zwischen Hliniště und Strážný von einem Fahrzeug überfahren und dabei getötet. Foto: da Hog’n

Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz erläuterte vor Kurzem in der BR-Talksendung „Münchner Runde“ mit dem Titel „Angst vor Wolf und Bär – töten oder schützen?“ (ab Minute 52), dass die Wölfe sich grenzüberschreitend in großen Radien fortbewegen. Dabei sagte sie, „dass der Wolf, der in Traunstein erschossen werden sollte, (…) am selben Tag der Freigabe in Tschechien überfahren worden ist“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um denjenigen Wolf, der auch die Rinder des Großbetriebs gerissen hatte.

Abschießen oder schützen? Diese Frage wird wohl weiterhin Politiker, Nationalparkverantwortliche, Nutztierhalter, Landwirte Jäger und Vertreter von Tierschutzverbänden dies- und jenseits der bayerisch-böhmischen Grenze beschäftigen. Die Position der bayerischen Staatsregierung steht laut neuer bayerischer Wolfsverordnung fest: Sie will den Schutzstatus der Vierbeiner senken und Abschüsse von auffälligen Wölfen erleichtern. Die Klage des Bund Naturschutz ist bereits eingereicht. Ergebnis offen…

Stephan Hörhammer

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Über den Wolf im Bayerischen Wald

Die Rückkehr des Wolfes in den Bayerischen Wald ist eine der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Entwicklungen im modernen Naturschutz Mitteleuropas. Nachdem das Raubtier über 150 Jahre lang aus der Region verschwunden war, markierte das Jahr 2016 einen historischen Wendepunkt, als im Nationalpark erstmals wieder ein standorttreues Paar nachgewiesen werden konnte. Seither hat sich im Grenzgebiet zwischen Bayern und Böhmen eine stabile Population etabliert, die den Bayerischen Wald und den tschechischen Nationalpark Šumava als zusammenhängendes Revier nutzt. Biologisch betrachtet ist diese Wiederbesiedlung ein Erfolg, da der Wolf als Spitzenprädator eine entscheidende Rolle im Ökosystem einnimmt: Er reguliert die Bestände von Rot- und Rehwild, was den extremen Verbiss an jungen Trieben reduziert und so die natürliche Verjüngung des Waldes hin zu einem klimaresilienten Mischwald maßgeblich unterstützt.

Doch die Rückkehr der „Grauen“ bringt die gewohnte Ordnung in der Kulturlandschaft ins Wanken und löst in der lokalen Bevölkerung sowie bei Landwirten heftige Kontroversen aus. Besonders für die Weidetierhalter im Bayerischen Wald, deren Schafe, Ziegen und Kälber oft auf schwer zu sichernden Flächen grasen, stellt der Wolf eine reale Bedrohung dar. Trotz staatlicher Entschädigungsprogramme und Zuschüssen für Herdenschutzzäune bleibt die psychologische und wirtschaftliche Belastung für die Bauern hoch, wenn es zu Rissen kommt. Diese Konflikte führen regelmäßig zu politischen Forderungen nach einer strengeren Regulierung oder der Ausweisung „wolffreier Zonen“, was wiederum im scharfen Kontrast zum strengen Schutzstatus der Tiere auf europäischer Ebene steht.

Gekommen, um zu bleiben

Im touristisch geprägten Bayerischen Wald schwingt zudem oft die Sorge um die Sicherheit von Wanderern und Einheimischen mit. Experten der Nationalparkverwaltung leisten hier jedoch umfangreiche Aufklärungsarbeit, um Ängste abzubauen. Wölfe sind von Natur aus scheue Tiere, die den Kontakt zum Menschen meiden und meist schon lange im Unterholz verschwunden sind, bevor ein Wanderer sie überhaupt bemerkt. Begegnungen sind daher extrem selten und verlaufen in der Regel völlig ereignislos.

Dennoch hat die Anwesenheit des Wolfes die Wahrnehmung des Waldes verändert: Die Wildnis ist ein Stück weit unberechenbarer und authentischer geworden. Das Monitoring durch Fotofallen und Genanalysen zeigt, dass der Wolf gekommen ist, um zu bleiben, und dass das Zusammenleben von Mensch und Beutegreifer ein fortwährender Lernprozess bleibt, der sowohl technisches Know-how im Herdenschutz als auch eine hohe gesellschaftliche Toleranz erfordert.

da Hog’n


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