Hüttenhof in Grainet: Touristisches Leuchtturmprojekt – mit Nebenwirkungen

Grainet. Gut vier Monate ist es nun her, dass das frisch-erweiterte Luxus-Wellness-Hotel „Hüttenhof“ in Grainet-Hobelsberg den kirchlichen Eröffnungssegen erhalten hat. Die Sektkorken knallten, die lokale Polit-Prominenz überbrachte vor versammelter Presse ihre Glückwünsche und strahlte gemeinsam mit der Betreiber-Familie Paster um die Wette. Dort, am Fuße des Haidels, wo das viel gepriesene „Leuchtturmprojekt“ nun über dem Graineter Kessel thront, herrschte nicht nur an diesem Tag eitel Sonnenschein – so meint man.

Mächtige Kräne ragten noch – direkt oberhalb des Hüttenhof-Stammhauses – im Sommer des vergangenen Jahres in den weiß-blauen Himmel über Hobelsberg. An dieser Stelle enstand ein zweites Gebäude mit 24 Gästezimmern samt Luxusausstattung.

Denn nicht alle klatschten laut Beifall, als der entstandene Tourismus-Koloss im September 2017 eingeweiht wurde: Es gab auch kritische Stimmen – insbesondere von Seiten einiger Anwohner, die sich im Schatten des neuen Hüttenhofs nicht mehr wohl fühlten. Zu groß, zu viel Trubel, zu wenig Privatsphäre – so lauteten deren Befürchtungen. Auch eine Wertminderung der Grundstücke sowie der darauf befindlichen Immobilien schienen ein Thema zu sein. Was viele nicht wissen: All dies führte soweit, dass im Zuge des Anbaus zwei Familien aus ihren unmittelbar an den Neubau-Komplex angrenzenden Häusern ausgezogen sind und diese verkauft haben. Wo viel Licht ist, ist häufig auch viel Schatten.

Ein gewisses Dilemma, in dem sich Vogl & Co. da befanden

Dabei stellt sich einem unweigerlich die Frage: Was ist wichtiger? Was zählt mehr? Der privat-unternehmerische Erfolg eines Vorzeigeprojekts, an das viele Hoffnungen – insbesondere seitens der lokalen Wirtschaft und Politik – geknüpft sind? Oder das Schicksal einzelner Bürger, die weiterhin in Ruhe und Frieden ihr Dasein fristen möchten? Die Hog’n-Redakteure Hörhammer und Weigerstorfer haben darüber diskutiert:

Weigerstorfer: Hm. Das Thema ist nicht ganz einfach. Ich kann beide Seiten irgendwie verstehen. Die einen, die da rufen: Ja, toll, wunderbar – es rührt sich endlich mal wieder was in unserem ach so gescholtenen und von der großen Politik häufig vergessenen Landstrich, in dem der Tourismus zu den wichtigsten Zugepferden zählt. Andererseits ist es irgendwie auch krass, wenn aufgrund wirtschaftlicher Interessen das Privatwohl von Einzelpersonen auf der Strecke bleibt – und Anwohner nach vielen Jahren ihre Häuser verkaufen, um woanders glücklich zu werden. Ein zweiseitiges Schwert. Oder, wie es schon Grainets Bürgermeister Kaspar Vogl im Juni ’17 im Hog’n-Interview formulierte: eine „schwierige Situation“.

Grainets Bürgermeister Kaspar Vogl: „Es war nicht ganz einfach. Das Vorhaben ist von der Dimension und Größenordnung her – in Bezug auf die Ortschaft Hobelsberg – sehr wuchtig.“

Hörhammer: Ja, man hat gemerkt, dass ihm das Thema irgendwie unangenehm ist – und er selbst etwas hin und her gerissen schien. Was waren gleich nochmal seine Worte? Er hat gesagt: „Uns freut es, dass die Familie Paster so tüchtig anpackt. Uns ist aber auch jeder einzelne Bürger wichtig.“ Und weiter: „Wir haben alle Probleme ernst genommen und versucht, beiden Seiten die Schwierigkeiten und Einwände zu erklären.“ Irgendwie klang das fast schon nichtssagend-diplomatisch. Ein gewisses Dilemma, in dem Vogl und der darüber beschließende Gemeinderat da wohl steckte. Wobei Letzterem offensichtlich dann doch mehr an Pasters Neubau-Komplex gelegen war…

Weigerstorfer: Was ja auch irgendwo verständlich ist. Es geht um Gewerbesteuer-Einnahmen, die für eine Gemeinde wie Grainet, die zwar gut dasteht, aber auch nicht gerade im Geld schwimmt, von Bedeutung ist. Jeder zusätzliche Cent, der von privat-unternehmerischer Seite ins Gemeindesäckel fließt, kommt doch letzten Endes auch wieder der Allgemeinheit zugute, nicht wahr? Zum Beispiel in Form von Straßensanierungen, die mit diesem Geld erledigt werden können.

„Gesamte Gemeinde erfährt dadurch eine besondere Aufwertung“

Hörhammer: Jaja, das ist dann immer das Totschlag-Argument der Politiker. Dass jeder vom wirtschaftlichen Erfolg des Einzelnen profitiere. Für mich sind das nur hohle Phrasen. Das Geld fließt irgendwo hin – nur nicht dahin, wo es gerade akut gebraucht wird und der Allgemeinheit am dienlichsten ist. Vogl meinte damals im Gespräch mit uns, dass die Haidelloipen mit Gewerbesteuereinnahmen gespurt und der Skilift für die Touristen und Einheimischen präpariert würden. Ich bin mir nicht sicher, ob da vieles einfach nur schön-geredet wird…

Blick auf das sich damals noch im Bau befindliche Hüttenhof-Areal von der Straße nach Obergrainet aus.

Weigerstorfer: Ach komm. Sei nicht so. „Der Hüttenhof ist eine besondere touristische Einrichtung von hoher Qualität“, hat der Rathaus-Chef auf unsere jüngste Bitte um eine Einschätzung zur Bedeutung des neuen Hüttenhofs hin nochmals betont. „Er ist das touristische Aushängeschild“, sagt er. „Die gesamte Gemeinde erfährt dadurch eine besondere Aufwertung.“ Damit hat er doch recht. Glaub doch auch mal an das Gute im Politiker – und sieh nicht immer alles so kritisch.

Hörhammer: Naja, wenn wir als Journalisten da schon nicht kritisch hinschauen – wer sonst? Aber lass uns doch nochmals einen Blick auf das werfen, was Kaspar Vogl sonst noch alles auf unsere jüngste Nachfrage – insbesondere hinsichtlich der beiden weggezogenen Familien, die sich gegenüber dem Hog’n dazu nicht weiter äußern wollten – mitzuteilen hatte:

Herr Vogl: Zwei Familien sind im Zuge des Hotel-Anbaus aus Grainet weggezogen und haben ihre Eigenheime verkauft. Wie bewerten Sie dies?

„Der Umstand ist dem Hotelbau geschuldet. Familie Kanamüllers Haus ist ja von Familie Paster gekauft worden. Familie Barth hat dann auch verkauft. Für beide haben sich andere Möglichkeiten geboten. Familie Kanamüller hat in Altreichenau eine Bleibe gefunden. Familie Barth in Grünwiesen.“

Wie bewerten Sie, dass die beiden Familien aufgrund des Neubaus wegziehen mussten?

„Müssen? Ich denke, das kann man so nicht sagen. Sie haben Alternativen gesucht und sich aufgrund der Situation nach anderen Möglichkeiten umgeschaut. Das Haus von Familie Barth hat jetzt jemand anderes gekauft. Ja… (etwas zögerlich) das ist nicht optimal gelaufen, aber der Hotelbau ist ein Projekt, das interessant ist für die Gemeinde. Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich das in der Form so entwickelt – aber man muss akzeptieren, dass es diesen Lauf genommen hat. Es ist schade – wobei Familie Kanamüller jetzt direkt aus der Gemeinde weggezogen ist – und Familie Barth ja in der Gemeinde bleibt.“

Hätte Ihrer Meinung nach ein Verkauf der Privathäuser verhindert werden können?

„Das kann ich so nicht bewerten. Bei der Planung und beim Planungsverlauf sind einige Korrekturen vorgenommen worden – hinsichtlich der Gebäudegröße des Hüttenhofs sowie der Art und Weise der Bebauung. Ob es letztlich zu verhindern gewesen wäre, kann ich nicht bewerten.“

Eine Diskussion, die so alt ist wie der Bayerwald selbst

Weigerstorfer: Was soll er als Bürgermeister auch schon groß dazu sagen? Wie er es in unserem Interview bereits zusammengefasst hatte: „Es galt gewisse Entscheidungen abzuwägen.“ Und weiter: „Es gab Gespräche mit den Anliegern, es gab eine vorzeitige Bürgerbeteiligung mit speziellen Gesprächsgruppen und deren Anliegen.“ Also alles gut. Es ist wie es ist. Warum greifst Du das Thema jetzt, vier Monate nach der Einweihung des Neubau-Komplexes, eigentlich nochmal auf?

Hörhammer: Weil gewisse Themen eine gewisse Recherchephase benötigen. Außerdem ist der Hüttenhof Paster kein Einzelfall. Es gibt bayern- bzw. bundesweit sicherlich täglich ähnliche Situationen, in denen es zu entscheiden gilt, ob privatwirtschaftliche Interessen vor rein privaten Bedürfnissen Vorrang haben sollen. Eine Diskussion, die so alt ist wie der Bayerwald selbst.

Weigerstorfer: Dann wollen wir auch unsere Leser daran teilnehmen lassen – und geben die Frage gerne weiter:

Welche Entscheidung hättet Ihr getroffen? Wie ist Eure Meinung zum Thema? Wir sind gespannt und freuen uns auf Eure Meinungen in unserer Kommentarleiste.

da Hog’n

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2 Kommentare bei "Hüttenhof in Grainet: Touristisches Leuchtturmprojekt – mit Nebenwirkungen"

  1. Franzi Reichenberger sagt:

    Wir, die Familie Reichenberger, wohnen oberhalb des Hotel Hüttenhof. Rechts neben unserem Haus begrenzt lediglich ein kleiner Waldstreifen den Bereich der Chalets und unterhalb die Teerstraße den Bereich zum Wellnesshaus.
    Naja, so betroffen wie zB die Familie Kanamüller waren wir jetzt nicht dennoch könnten wir klagen: „ wir hatten doppelt so oft de Gaude“ Tun wir aber nicht! Wir sehen das ganze anders!
    Eine Entscheidung über das Wohl des einzelnen Bürgers oder den unternehmerischer Erfolg ist schlichtweg nicht nötig! Das ganze ist vereinbar. Paradebeispiel sind die ganzen anderen Anwohner, die mindestens genauso betroffen waren und den Bau befürwortet haben.
    Unfair gegenüber dem Hüttenhof ist, dass immer nur diejenigen dazu befragt werden, die was auszusetzen haben.
    Familie Paster war und ist immer zuvorkommend und hilfsbereit.
    Alle Nachbarn wurden zur Eröffnung eingeladen, das Ambiente ist einfach traumhaft.
    Einen Wellnessbesuch haben wir auch schon gemacht, man merkt erst im Pool wie schön es in Hobelsberg eigentlich ist, also warum sollte man das nicht mit anderen teilen?

    Wir jedenfalls werden die Pasters noch öfter besuchen und uns von ihnen verwöhnen lassen! :-)

  2. Reinhold K. sagt:

    Was soll man dazu sagen? Es sind die näheren Umstände, die zu dieser Lage führten, einfach nicht bekannt.Die Familien Kanamüller und Barth haben, genau so wie Bgm Vogl und Familie Paster, keinerlei genaue Angaben zu dem „Fall“ gemacht. Dies ist auch verständlich! Somit kann auch kein Aussenstehender dies beurteilen.
    Wünschenswert, zumindest für mich, wäre eine Einigung gewesen, die nicht zum Verkauf der Häuser geführt hätte, da dies für die Familien Kanamüller und Barth bestimmt ein enorm belastender und einschneidender Entschluß gewesen sein muß.
    Man könnte dies spöttisch als Kollateralschaden abtun, aber es stehen menschliche Schicksale dahinter!
    Wie dem auch sei, das Kind ist in den Brunnen gefallen und so bleibt nur zu hoffen, daß sich mit der Zeit diese Entscheidungen als gut herausstellen.

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