Muslimische Feiertage in Deutschland: On the Highway to Leitkültür?

„Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Wir sind nicht Burka“, polterte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière im April dieses Jahres und forderte im selben Atemzug eine „Leitkultur“ für Deutschland. Präziser: Eine „Leitkultur“ für in Deutschland lebende Muslime. Umso überraschender klingt de Maizières jüngster Vorschlag auf einer Wahlkampfveranstaltung im niedersächsischen Wolfenbüttel: „Ich bin bereit, darüber zu reden, ob wir auch mal einen muslimischen Feiertag einführen.“

Dass unser Innenminister hier für die bevorstehende Wahl noch ein paar muslimische Wähler für seine Christlich-Konservativen gewinnen wollte – diesen Vorwurf muss er sich wohl gefallen lassen. Nichtsdestotrotz ein Vorschlag über den es sich nachzudenken lohnt. Feiern wir neben Ostern und Weihnachten auch bald Ramadan und das Opferfest? Wird de Maizières „Leitkultur“ vielleicht bald zur „Leitkültür“ (wie dies im vergangenen Wahlkampf schon so wunderbar parodiert wurde)?

Burkaträgerinnen wurden bis dato noch nicht auffällig. Foto: Michael Krautwasser/ Effect: Prisma

Unsere österreichischen Nachbarn machen’s gerade vor, was passieren kann, wenn man das Projekt der „Leitkultur“ etwas zu übereifrig angeht: Da ein „Burka-Verbot“, wie gefordert, verfassungsrechtlich nicht zulässig ist, wurde dieses just zum „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz“ umgemünzt und trat zum 1. Oktober auch bereits in Kraft. Dieses schließt neben Burka und Niqab nun eben auch allerlei weitere „Gesichtsverhüllungen“ mit ein, wie beispielsweise Schals oder Atemschutzmasken. Das Resultat: Unter anderem wurden ein „Hai“ bei der Eröffnung eines McShark-Geschäfts sowie drei Clowns angezeigt, 46 weitere mit Pappnasen bestückte Personen abgemahnt. Burkaträgerinnen wurden bis dato noch nicht auffällig. Teils überforderte Beamte sind unlängst mit „Spickzetteln“ ausgestattet worden, worauf sich 20 Beispiele aus der Praxis zur besseren Handhabung befinden. Die konkrete Umsetzung des Gesetzes sei „oft schwer auszulegen“, wie der Pressechef der Bundespolizeidirektion Wien, Manfred Reinthaler, gegenüber der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ äußerte.

Islam-Feiertage für CSU-Spitze undenkbar

Soweit so bekloppt. De Maizières Vorschlag, auch muslimische Feiertage mit ins deutsche Feiertagsprogramm mitaufzunehmen, stieß vor allem in der muslimischen Gemeinschaft auf große Zustimmung. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, rechne mit positiven Auswirkungen für die Integration. Und sogar vom Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) kam Unterstützung. In den Reihen der bayerischen CSU hingegen hält man den Vorschlag für weniger gut – oder weniger güt, wenn Sie so wollen. „Islam-Feiertage in Deutschland einzuführen kommt für uns nicht infrage“, schalmeite CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. „Ich bin tief bestürzt, ja fassungslos, dass sich jetzt auch noch die Spitze des Zentralkomitees der Katholiken für einen Islam-Feiertag ausspricht“, erklärte Generalsekretär Andreas Scheuer.

Und prompt rudert auch der Innenminister zurück. Er sei falsch verstanden worden. „Einen Vorschlag von mir zur Einführung eines muslimischen Feiertages gibt es nicht. Ich werde auch keinen solchen Vorschlag machen“, heißt es in einer Stellungnahme des Ministers. Er wollte lediglich eine Debatte anregen…

Doch warum diese Bestürzung? Wenn im Astralkörper des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump wieder mal das Testosteron die Oberhand gewinnt und er mit seinem nordkoreanischen Pendant, Kim Jong-Un, die Welt an den Rand eines Atomkriegs stellt, hört man von den Herren Dobrindt und Scheuer keinen Mucks. Von „Bestürzung“ oder „Fassungslosigkeit“ – keine Spur. Wenn jedoch de Maizière auch nur den Gedanken an einen muslimischen Feiertag äußert, steht plötzlich das Fortbestehen des gesamten bayerischen Volkes auf dem Spiel. Rette sich wer kann, weil… Zuckerfest, Diabetes, Tod! Oder weil… Fastenbrechen, brechen, Brecht, Kommunismus, Stalin, Tod!

Zuckerfest unterm Weihnachtsbaum

Zugegeben – das kommt wohl aus Gewohnheit – ist mir etwas unwohl dabei, in meiner eigenen Argumentation so zahlreich auf unseren Innenminister zu verweisen, aber hat er doch absolut Recht, dass auch Allerheiligen nur in jenen Regionen als Feiertag zählt, in denen auch die Katholiken besonders zahlreich vorkommen. Warum, so de Maizière, sollen nicht in Gegenden mit überwiegend muslimischer Bevölkerung auch muslimische Feiertage gefeiert werden dürfen?

Ein muslimischer Feiertag kann nicht nur den Muslimen in Deutschland selbst ein Zugeständnis sein. Eine Botschaft wie: „Ihr – und mit Euch Eure Kultur – seid auch Teil dieses Landes“, sondern kann auch Nicht-Muslimen den Islam näher bringen. In einer Gesellschaft, in der Islam und Terrorismus offenbar immer mehr an medialer Kongruenz gewinnen, wäre dies ein wichtiges Zeichen. Und „vielleicht machen die Rituale des Zuckerfestes manch einem Christen, Buddhisten, Hinduisten oder Atheisten ja genauso viel Spaß wie vielen Muslimen in Deutschland der Weihnachtsbaum?“, wie ZEIT-Redakteurin bereits 2014 in einer Replik auf die anstehende Islamkonferenz fragte.

Tradition, Werte, bayerisches Kulturgut – aha!

Was Dobrindt und seine Mitstreiter hier zu zementieren versuchen, ist eine Leitkultur, die jeglicher Logik und Konsistenz entbehrt – fernab von jeglichem Integrationswillen. Es war nie die Rede davon, dass das Opferfest anstatt dem Weihnachtsfest gefeiert wird. Es wird kein Bewohner dieses Landes gezwungen werden während des Ramadans zu fasten. Es geht nicht um ein Gegeneinander von Kulturen und Traditionen; es geht um ein Miteinander. Neben Weihnachten und Ostern gibt’s künftig halt auch ein Opferfest, meine Fresse…

Davon ist unsere Leitkultur so wenig bedroht wie unser von Heut‘ auf Morgen dem Untergang geweihtes Abendland. Schon komisch: Bis vor drei Jahren wusste die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit dem Begriff „Abendland“ nicht das geringste anzufangen; nun droht es plötzlich unterzugehen. Schrecklich. Und, ach ja Leitkultur: Was genau, liebe CSU, soll da alles rein? Tradition, Werte, bayerisches Kulturgut – aha! Nachgeschlagen im bayerischem Integrationsgesetz definiert sich die Leitkultur wie folgt: „Ein identitätsbildender Grundkonsens“, der im Alltag in all seinen Formen erblüht – denn dieser „wird täglich in unserem Land gelebt und bildet die kulturelle Grundordnung der Gesellschaft“. Auf eine genauere Festschreibung verzichtet das Gesetz. Fast so als wolle man sagen: Die, die hier wohnen, wissen’s eh – und die, die zu uns kommen, sollen’s uns halt einfach nachmachen. Liebe Neger, nicht verzagen, einfach mal den Bayer fragen!

Zwei Weißwürst für ein Halleluja

„Ein identitätsbildender Grundkonsens“ könnte also beispielsweise die Weißwurst sein, der bayerische Dialekt, Volksfeste, Weihnachten, die Sportschau, Preißn-Bashing, Grillfeste, Maibaumkraxln. All das, was „täglich in unserem Land gelebt“ wird eben. Täglich gelebt werden aber auch italienische Spagetthi, Profi-Fußballer aus aller Herren Länder, Dönerbuden oder japanische Touristen, die sich auf der Wies’n von selbsternannten Leitkultur-Hengsten vor die Füße kotzen lassen. Was in diesen Topf Leitkultur jetzt genau reinfällt und was nicht, das legt im Fall der Fälle schon noch der Bayer selbst fest. Mia san schließlich mia. Und Ramadan san mia ned.

Und – um noch ein letztes Mal de Maizière zu bemühen (irgendwann werden Thomas und ich noch Freunde) – denken Sie mal darüber nach, „ob Sie Ihren Kindern flüssig sagen können, was am Buß- und Bettag eigentlich so der religiöse Inhalt ist. Oder Pfingsten – ob Sie so ganz genau wissen, was da mit dem Heiligen Geist los war?“ Als letzten finalen leitkulturtheoretischen Belastungstest würde mich dann noch Folgendes interessieren: Wenn ich, nur mal angenommen, als in Bayern geborene Muslima, in der weiß-blau karierten Burka, nach drei Maß Bier auf einen Maibaum kraxl, oben laut „Allahu Akbar“ rülps und vor lauter Bummzuah mit so einer Wucht gegen die Scheißhaustür schbeib, dass sämtliche Japaner in 200 Meter Umkreis panisch die Flucht ergreifen – deaf i dann midmocha bei der Leitkultur?

Ungezügelte Polemik: Johannes Greß

Zur Info:

Je nach Bundesland gibt es in ganz Deutschland eine unterschiedliche Anzahl Feiertage. Nur neun Feiertage gelten für das gesamte Land: Neujahrstag (1. Januar), Karfreitag, Ostermontag, Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag, Tag der Arbeit (1. Mai), Tag der deutschen Einheit (3. Oktober) sowie der erste und zweite Weihnachtsfeiertag (25. und 26. Dezember).

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5 Kommentare bei "Muslimische Feiertage in Deutschland: On the Highway to Leitkültür?"

  1. erich sagt:

    immer wenn mehrere Religionen die eine kritische Masse bilden auf einem Staatsgebiet aufeinander treffen kann es zu Religionskonflikten kommen, siehe Balkan, Nigeria, Sudan, Kaukasus, Serbien, Israel, Zypern, Türkei,Phillippinen. Auch wenn es einige nicht hören wollen, vielleicht gibt es irgendwann auf dem jetzigen Staatsgebiet Deutschlands ein Kalifat Germanistan!
    Denn merke:Religion, zumindest für mich, ist nichts anderes als eine durch Sozialisierung bedingte Form einer Gehirnwäsche, die nicht selten zur Geisteskrankheit führt und die im Morgenland und im Abendland gerne dazu benützt wurde dem herrschaftlichen oder politischen Wasserkopf dienlich zu sein. Jede Religion hat ihr eigenes Wertesystem und es ist immer mit Konflikten verbunden, wenn zwei oder mehr Religionen aufeinandertreffen die für sich den Anspruch erheben die einzig wahre Religion, die zur Erfüllung und Erleuchtung führt, zu sein. Denn würde eine Religion die Vormachtstellung der anderen Religion anerkennen, dann würde sie automatisch anerkennen, dass sie selbst falsch liegt mit ihren Thesen. Das war auch der Grund wieso sich manche Relgionen bis aufs Blut bekämpften und wenn sie die Rahmenbedingungen ändern, siehe Balkan, vielleicht wieder bekämpfen, denn Religion ist eine Form der Gruppenbildung nach dem Motto, die Guten und die Schlechten, die Gläubigen und die Ungläubigen, die Würdigen und die Unwürdigen und die einer Gruppe im Angesicht von begrenzten und schwindenden Resourcen dienlich war und ist eine kritische Masse zu bilden um andere Gruppen von den Resourcen verzuhalten bzw die Resourcen abzunehmen.
    Der Konflikt um Konstantinopel wurden von den Christen und Muslimen auch nicht geführt um in Eintracht nach Ende den Kämpfen eine Bolognese zu tanzen sondern eine Gruppe vom Land zu vertreiben und einer anderen Gruppe die Existenz zu sichern. Jawohl, zumindest für mich, ist Religion gelebte Geisteskrankheit, die aus einem an und für sich harmoniebedürftigen Wesen, eine psychophatische geisteskranke Bestie zu machen vermag, Religion ist Teufelzeug, nein Religion ist der Teufel selbst!.

    • Bini Katz sagt:

      chapeau! wir brauchen nicht mehr religion, sondern weniger!

    • Franz Kerschbaum sagt:

      Speziell der angesprochene Balkankrieg ist ein Musterbeispiel dafür, dass Religionen als Vorwand genutzt werden, um Kriege führen zu können. Der Hauptgrund war, den letzten kommunistischen Staat in Europa zu beseitigen. Auch D und A hatten mit den Serben noch eine alte Rechnung offen. Und so hetzte man die Völker aufeinander. Kriege werden nicht von Religionen geführt, sondern von bösen, machthungrigen Menschen, denen es letztendlich nur um Bodenschätze und geostrategische Erwägungen, also Macht und Einfluss, geht. Genauso werden in letzter Zeit auch Kriege im Namen der Demokratie geführt, z.B. im Irak, in Libyen und Syrien. Diedsen Ländern wollte man angeblich Demokratie, Freiheit und Menschenrechte bringen, in Wirklichkeit geht es um Erdöl und darum, den machtpolitisch im Wege stehenden Potentaten zu beseitigen.

  2. Bini Katz sagt:

    p. s. aus der bolognese würde ich polonaise machen ;-)

  3. Alexandra Gruber sagt:

    Muslimische Feiertage in Deutschland?
    NIEMALS!!!

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