Ausbildung bei der Lindner-Gruppe: „Noten stehen nicht im Vordergrund“

Arnstorf. Wenn jemand über einen großen Erfahrungsschatz in Sachen Ausbildung verfügt, dann ist es die Lindner-Gruppe aus Arnstorf im Landkreis Rottal-Inn. Aktuell beschäftigt das weltweit agierende Unternehmen, das in den unterschiedlichsten Bereichen aktiv ist, rund 6.000 Mitarbeiter. 220 jungen Männer und Frauen absolvieren derzeit ihre Ausbildung bei dem vor 52 Jahren gegründeten Großbetrieb. Christine Nussbaumer (51), Lindner-Abteilungsleiterin für Personalentwicklung und Ausbildung, spricht im Hog’n-Interview über die veränderten Voraussetzungen für die Lehrzeit, über die Qualität der Schulabgänger und die Chancen eines Handwerksberufs.

6.000 Mitarbeiter, 220 Auszubildende: Die Lindner-Gruppe gehört zu den größten Arbeitgebern Niederbayerns. Fotos: Lindner

Beschreiben Sie unseren Lesern bitte kurz Ihren Betrieb.

Die Akustikbau Lindner GmbH wurde 1965 von Hans Lindner gegründet. Der erste Auftrag war eine abgehängte Akustikdecke in der landwirtschaftlichen Berufsschule Deggendorf. Dies war der Startschuss für ein weltweit agierendes, mittelständisches Unternehmen. Die Lindner Group ist heute Europas führender Spezialist in den Bereichen Innenausbau, Fassadenbau und Isoliertechnik. Das Familienunternehmen verfügt über 50 Jahre Erfahrung im Bereich „Bauen mit neuen Lösungen“, der Entwicklung und Ausführung von individuellen und fortschrittlichen Projektvorhaben. Die Firma Lindner betreibt mit weltweit 6.000 Mitarbeitern vom bayerischen Arnstorf aus Produktionsstätten und Tochtergesellschaften in mehr als 20 Ländern. Vor mehr als zehn Jahren erweiterte die Unternehmensgruppe ihr Spektrum auch in den Sektor „Hotel und Gastronomie“ und betreibt heute unter der Marke „mk | hotels“ in Deutschland und London zehn Hotels sowie vier Wirtshausbrauereien. Der neueste Unternehmenszweig widmet sich der nachhaltigen Landwirtschaft.

Vom Schreiner über Gerüstbauer bis zum Brauer und Mälzer

Welche Ausbildungsberufe bieten Sie an?

Wir bieten mehr als 20 verschiedene Ausbildungen im gewerblichen, technischen und kaufmännischen Bereich an. Folgende Berufen können bei uns erlernt werden: Bauzeichner, Elektroniker für Betriebstechnik, Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung und Systemintegration, Fachkräfte für Lagerlogistik, Fremdsprachen-Industriekaufleute, Gerüstbauer, Informatikkaufleute, Industrie-Isolierer, Industriekaufleute, Industriemechaniker für Betriebstechnik, Kaufleute für Spedition- und Logistikdienstleistungen, Kfz-Mechatroniker, Metallbauer Konstruktionstechnik, Schreiner, Technische Systemplaner in den Fachrichtungen Stahl- und Metallbautechnik, Versorgungs- und Ausrüstungstechnik und Elektrotechnische Systeme sowie Trockenbaumonteur und Werkzeugmechaniker. Wir bilden aber auch Berufe wie Altenpfleger, Brauer und Mälzer, Hotelfachleute und Köche in unserem Parkwohnstift in Arnstorf und im Schlossbräu Mariakirchen aus.

Zur Unternehmensgruppe gehört unter anderem auch das Schlossbräu in Mariakirchen.

Gibt es eher mehr männliche oder mehr weibliche Bewerber?

Das hält sich insgesamt betrachtet die Waage. Allerdings ist es stark abhängig vom Ausbildungsberuf: Im kaufmännischen Bereich überwiegt bei weitem die weibliche Bewerberzahl, dagegen erhalten wir für die gewerblich-technischen Berufe meist Bewerbungen von männlichen Interessenten. In beiden Fällen wäre eine jeweils höhere Bewerberzahl des anderen Geschlechts wünschenswert.

Kommen die Bewerbungen ausschließlich aus der Region?

Etwa 98 Prozent der Bewerber stammen aus der Region bzw. aus einem Umkreis von zirka 60 Kilometern um Arnstorf. Wir bieten unseren Auszubildenden Jugendappartements am Standort Arnstorf zu sehr günstigen Konditionen, so dass die Entfernung auch für Minderjährige oder Bewerber aus dem weiteren Umkreis keine Hürde darstellt. Außerdem gibt es häufig Mitfahrgelegenheiten mit Kollegen.

Wie viele Bewerbungen erhalten Sie im Jahresschnitt?

Durchschnittlich erhalten wir etwa 500 Bewerbungen pro Jahr. Leider geht die Bewerberzahl allgemein, jedoch besonders in den handwerklichen Berufen zurück.

Viele Schüler wollen sich „die Hände nicht schmutzig machen“

Woran liegt das?

Gute Frage. Ein Grund ist sicherlich der demografische Wandel. Ein weiterer der, dass prozentual die Zahl der Studierenden im Vergleich zu Auszubildenden steigt. Handwerkliche Berufe sind bei Schülern nicht sehr beliebt. Dabei hat man im Handwerk wie auch in den technischen Berufen hervorragende Zukunftschancen. Viele Schüler bevorzugen einen Büroarbeitsplatz und wollen sich die Hände nicht schmutzig machen, wie man häufig hört. Dabei erlebe ich oft, wie glücklich Auszubildende sind, wenn man am Ende des Tages sein Werk sieht und stolz auf das sein kann, was man mit den eigenen Händen geschaffen hat.

Abteilungsleiterin für Personalentwicklung und Ausbildung: Christine Nußbaumer.

Was antworten Sie denjenigen Schulabgängern, die folgendes behaupten: „Ein handwerklicher Beruf ist mir zu anstrengend“ – oder: „Damit kann ich kein Geld verdienen“?

Man spart sich dafür das Geld für das Fitnesscenter… Nein, Spaß beiseite (lacht). Ein handwerklicher Beruf muss nicht immer körperlich anstrengend sein. Im Zeitalter von Industrie 4.0 und der zunehmenden Digitalisierung werden sich auch die handwerklichen Berufe verändern. Es sind heute bereits viele Maschinen, Roboter, Hilfsmittel und Computer im Einsatz.

Ein gutes Beispiel ist hier die Baustelle: Beispielsweise hat ein Trockenbaumonteur bereits in der Ausbildung wesentlich mehr Geld in der Tasche als ein Auszubildender im Büro. Auch stehen die Karrierechancen ausgezeichnet. Egal, ob ein junger Facharbeiter die Weiterbildung zum Meister oder Techniker macht oder als Geselle arbeitet: In jedem Fall verdient er gutes Geld und kann sich seinen Karriereweg aussuchen. Als Trockenbaumonteur geht der Weg vom Monteur über den Vorarbeiter zum Bauleiter schnell voran. Alternativ schlagen viele die Laufbahn eines Projektleiters ein. Projektvorbereitung und -abwicklung sind für ihn maßgebend. Er ist das Gesicht für den Kunden und kümmert sich um eine termingerechte Fertigstellung sowie eine möglichst mängelfreie Abnahme.

„Neue Berufsbilder müssen rascher erarbeitet werden“

Wenn Sie 20 Jahre in die Vergangenheit blicken: Was hat sich in Sachen Ausbildung alles getan, was hat sich verändert?

In vielen Berufen sind die Anforderungen an die Auszubildenden im Hinblick auf fachliches Knowhow und IT-Kompetenzen gestiegen. Damit verbunden wurden auch die Ausbildungsordnungen sowie teilweise die Berufsbezeichnungen angepasst. Beispielsweise wurde aus dem früheren Technischen Zeichner der neue Beruf Technischer Systemplaner. Vor 20 Jahren wurden die Pläne noch per Hand auf der Zeichenplatte angefertigt, heute wird mit CAD-Anlagen in 3-D konstruiert und teils sogar im 3-D-Drucker ausgedruckt. Es haben sich aber auch die Auszubildenden selbst und deren Erwartungshaltung verändert. Möglichst hoher Bildungsabschluss, Freizeit und Selbstverwirklichung sind den jungen Leuten sehr wichtig. Aber auch die Qualität der Ausbildung ist gestiegen. Wir fordern und fördern die Auszubildenden von Beginn an mit interessanten Projekten.

„Zum Teil sind die Anforderungen an unsere Azubis gestiegen, vor allem im Hinblick auf IT-Kenntnisse, Prozessdenken und Digitalisierung sowie Automatisierung.“

Was sollte aktuell an der Ausbildungssituation verbessert werden?Mein Wunsch wäre, dass junge Leute einen Beruf aus Freude ergreifen und nicht, weil man mehr Geld verdient oder schneller Karriere machen kann. Dies beginnt aber bereits bei der Wahl der Schulart. Ferner würde ich das Fach Religion im Berufsschulunterricht durch das Fach Ethik verpflichtend für alle Schüler und Nationalitäten ersetzen. Die Ausbildungsordnungen müssen schneller überarbeitet und auf aktuelle Anforderungen angepasst werden. Dies gilt auch für den Berufsschulunterricht. Neue Berufsbilder müssen rascher erarbeitet werden. Außerdem würde ich mir einen Ausbildungsberuf aus einer Mischung von 60 Prozent teschnisch und 40 Prozent kaufmännisch wünschen – ähnlich dem Studium des Wirtschaftsingenieurs.

Was denken Sie als Außenstehende: Hat es der ländliche Raum in Bezug aufs Handwerk schwerer als anderswo in Deutschland?

In Bezug auf die Ausbildung, ja. Meist sind Auszubildende nicht mobil, sondern auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Bei der Berufswahl spielt für die jungen Leute und deren Eltern häufig auch die schnelle Erreichbarkeit von Arbeitsplatz und Berufsschule eine große Rolle. Ansonsten sehe ich keine Nachteile.

„Flexibilität und Interesse werden immer wichtiger“

Werden die Schüler heutzutage gut genug auf die Berufswelt vorbereitet?

An Mittel- und Realschulen wird sehr viel für die Berufsorientierung gemacht – die Eltern unterstützen dies ihrerseits. Viele Schulen haben auch Kooperationen mit Betrieben, holen sich Experten an die Schulen, bieten Berufsinformationsmessen an und vieles mehr. Mittlerweile ist dies auch an einigen Gymnasien der Fall. Es liegt immer am Schüler selbst, wie er das Angebot nutzt.

Was mir aber fehlt, sind beispielsweise ausreichende Kenntnisse bei den Grundrechenarten, gewisse Fähigkeiten beim Kopfrechnen, aber auch in Sachen Rechtschreibung. Zunehmend stellen wir Defizite fest. Der Griff zum Taschenrechner oder zum Handy, um einfachste Zahlen zu addieren, ist zur Gewohnheit geworden. Das logische Denken, der Bezug zur Zahl und die Frage, ob das Ergebnis im Verhältnis richtig sein kann, geht verloren.

Wie ist es um die soziale Kompetenz der heutigen Bewerber bestellt?

Die jungen Leute sind heutzutage viel aufgeschlossener und selbstbewusster. Team- und Präsentationsfähigkeit wird bereits in der Schule durch Gruppenarbeiten, Projekte und Referate sehr gut gefördert. Manchmal mangelt es jedoch an Durchhaltevermögen und Verantwortungsbewusstsein.

Was sollte ein Schüler mitbringen, der eine Ausbildung „beim Lindner“ beginnen möchte?

Freude am Beruf, Interesse für unsere Branche, Teamfähigkeit und Offenheit für Neues. Noten stehen nicht im Vordergrund. Der junge Mensch muss zu uns passen. Flexibilität und Interesse an neuen Technologien werden immer wichtiger.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute.

Interview: Helmut Weigerstorfer

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