Was geschah im Herbst 1985 über Finsterau? Rätselraten um Angriff auf US-Hubschrauber

Finsterau. Der Kalte Krieg war ein sehr weitläufiger Konflikt, von dem auch der Bayerische Wald nicht verschont geblieben ist. Durch die unmittelbare Nachbarschaft zur damaligen Tschechoslowakei, einem Satellitenstaat der UdSSR, hatte die Menschen des Bayerwalds die Ost-West-Spannungen praktisch vor der eigenen Haustür hautnah miterlebt – verbunden mit einer verstärkten Präsenz der US-Armee. Schon mehrmals berichteten wir über militärische Vorfälle aus dieser Zeit – etwa über den Unfall-Tod dreier US-Soldaten zwischen Philippsreut und Bischofsreut, über den Absturz einer tschechischen MIG-15 in der Nähe des Lusens. Der gebürtige Finsterauer Volker Prager machte uns nun auf den Beschuss eines amerikanischen Hubschraubers in der Gemeinde Mauth-Finsterau aufmerksam. „Wir haben auf dem alten Sportplatz in Finsterau Fußball gespielt. Ich habe gesehen, wie der Tscheche oder Russe zweimal geschossen hat.“ Was ist dran an seinen Erinnerungen, dass auf der „Drexler-Wiese“ bei Mauth ein Helikopter in Folge des Angriffs notlanden musste? Das Onlinemagazin „da Hog’n“ hat sich umgehört und einmal nachrecherchiert…

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Idyllischer Ort mit militärischer Vergangenheit. In der Nähe von Finsterau wurde im Oktober 1985 ein US-Hubschrauber von einem sowjetischen Militärflugzeug beschossen. Foto: Georg Knaus

Nach Absagen der Polizei Niederbayern und des Staatsarchivs in Landshut wurde da Hog’n erstmals in der Verwaltung der Gemeinde Mauth-Finsterau fündig. Und auch dort nicht in irgendeinem Ordner oder Archiv, sondern in Person von Josef Eder. Der 59-Jährige ist seit 42 Jahren in der Verwaltung tätig und kann sich an den Vorfall erinnern: „Die Notlandung des Hubschraubers auf der Drexler-Wiese im Reschbachtal bei Mauth kann ich bestätigen – das genaue Datum weiß ich aber leider nicht mehr. Ich habe damals einen Antrag auf Flurschaden, den die Amerikaner bei der Bergung des Hubschraubers angerichtet haben, für die Familie Wallner aus Mauth gestellt – und bei der Bundeswehr in Freyung eingereicht. Im Gemeindearchiv sind keine Durchschriften vorhanden. Eine Entschädigung wurde aber bezahlt.“ Der Absturz ist also bestätigt. Doch was geschah vorher?

Etwa zwei bis vier Raketen abgefeuert – ohne Vorwarnung

Wir wenden uns an Franz Zeilmann, Pressesprecher der US-Armee Garnison Bayern. Dieser schickt uns einen Bericht der New York Times vom 2. Oktober 1985:

Washington, 1. Oktober – Das Pentagon teilte heute mit, dass ein tschechoslowakisches Militärflugzeug am letzten Samstag das Feuer auf einen amerikanischen Army-Helikopter eröffnete, der sich auf einem routinemäßigen Aufklärungsflug entlang der südöstlichen Grenze der BRD befand.

Pentagon-Sprecher Robert B. Sims erklärte, dass dieses Kampfflugzeug (Typ L-39) „etwa zwei bis vier Raketen“ ohne Vorwarnung abfeuerte. Keine der Raketen hätten den Helikopter getroffen und die beiden Crew-Mitglieder seien wieder zu ihrem Stützpunkt bei Nürnberg zurückgeflogen, ohne das Feuer zu erwidern, so Sims weiter.

„Die US-Regierung hat gegen diese unverantwortliche Handlung, die das Leben der US-Besatzung gefährdete, protestiert“. Sims gab an, dass der Protest am Montag erhoben wurde, es jedoch noch keine Rückmeldung dazu gebe.

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„Das Pentagon gab bekannt, dass sich der Angriff auf den Helikopter (einen AH-1S Cobra) in der Nähe des Dorfes Finsterau ereignete, das ca. 1 Meile von der Grenze entfernt in der BRD liegt“, schreibt die New York Times.

Laut Angaben des Pentagons ereignete sich der Vorfall an einem wolkenlosen Nachmittag und wurde von zwei Gruppen westdeutscher Bürger beobachtet.

Ein Mitarbeiter des Pentagons meldete, dass die USA aufgrund von Geheimdienstinformationen (offensichtlich abgehörte Nachrichten) Kenntnis davon hatten, dass sich der tschechoslowakische Pilot wissentlich über BRD-Gebiet befand, als er feuerte. Somit war der Beschuss „vorsätzlich“.

Vaclav Zluca, Pressesprecher der tschechoslowakischen Botschaft in Washington, versicherte, dass er keinerlei Informationen zu diesem Vorfall aus Prag bekommen habe.

„Letztes Jahr gab es einen ähnlichen Fall und es war erwiesen, dass sich der Helikopter über tschechoslowakischem Territorium befand“, so Zluca.

Im April 1984 berichteten die USA von einem Army-Helikopter desselben Regiments, der versehentlich vom Kurs abkam und über CSSR-Gebiet flog, so dann von zwei MIG Kampfjets beschossen wurde, jedoch ohne Schaden den Rückzug antreten konnte.

Der Heli befand sich auf einer routinemäßigen Aufklärung

Sims verwies darauf, dass Streifzüge in den Luftraum der BRD seitens Staaten des Warschauer Pakts nicht ungewöhnlich waren, trotz einer keineswegs angespannten Lage entlang der Grenze. Er nannte hierbei 17 Grenzüberschreitungen während der letzten sechs Monate durch Piloten der DDR oder Tschechien.

Das Pentagon gab jedoch an, dass mindestens in den letzten drei Jahren keine weiteren Schüsse über BRD-Gebiet abgegeben wurden.

Sims erklärte, dass der jüngste Vorfall ein „aggressiveres“ Verhalten der Warschauer-Pakt-Mächte an der westdeutschen Grenze darstellt, das darüber hinaus in neuerlichen Vorkommnissen zwischen amerikanischen und sowjetischen Bodentruppen in der DDR deutlich wurde.

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Hog’nianer Volker Prager befand sich an besagtem Tag am Sportplatz in Finsterau, auf der Drexler-Wiese musste der Hubschrauber notlanden. Grafik: Volker Prager

Die USA haben gegen eine Reihe von Zwischenfällen in der DDR Protest erhoben, u.a. gegen die Tötung eines Majors der US-Army im vergangenen März. Verteidigungsminister Caspar W. Weinberger beschrieb die Vorkommnisse insgesamt als Verhaltensmuster von vorsätzlicher Konfrontation.

Das Pentagon gab bekannt, dass sich der Angriff auf den Helikopter (einen AH-1S Cobra) in der Nähe des Dorfes Finsterau ereignete, das ca. 1 Meile von der Grenze entfernt in der BRD liegt. Der Helikopter befand sich auf einer der täglichen, routinemäßigen Aufklärungsmissionen des Second Armored Cavalry Regiment (Anm.: mittlerweile Second Cavalry Regiment; dt.: 2. US-Kavallerieregiment), welches in Feucht bei Nürnberg stationiert ist.

Robert B. Sims: „Es war eine Routineerkundung entlang der Grenze, um festzustellen, ob es dort Veränderungen hinsichtlich Befestigungsanlagen, einen Anstieg der Truppenkonzentration etc. gibt.“

Funkspruch der Piloten, dass sie angegriffen werden

Er sagte weiter, dass der Helikopter von einem L-39 Jäger angegriffen wurde, einem tschechischen Hochleistungstrainingsflugzeug, das auch für Kampfeinsätze verwendet wird. Der Army-Helikopter war mit 20-mm-Kanonen ausgerüstet, die jedoch nicht abgefeuert wurden, da „die Kräfteverhältnisse alles andere als ausgeglichen waren.“

Beamte des Pentagons teilten mit, dass man nicht wusste, wie nahe die Raketen dem Helikopter kamen.

Laut Sims setzten die Piloten einen Funkspruch ab, dass sie angegriffen werden, jedoch habe es keine Alarmbereitschaft gegeben, ebenso wenig Pläne, die Routine der Grenzüberwachung zu unterbrechen.

(–> hier geht’s zum Originaltext in der New York Times vom 2. Oktober 1985)

Dass der Hubschrauber notlanden musste, wird also in den US-amerikanischen Medien nicht erwähnt – einzig die beiden Augenzeugen berichten davon. Auch verwundert es, dass dieses doch recht aufsehenerregende Ereignis in der Gemeindechronik keinen Platz findet. Deshalb sind wir vom Onlinemagazin „da Hog’n“ auf der Suche nach weiteren Infos in dieser Angelegenheit – besonders interessant wären die Erzählungen von Angehörigen der im Bericht erwähnten westdeutschen Gruppen, die das Ganze beobachtet haben. Wer kann uns helfen?

Helmut Weigerstorfer

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Ein Kommentar bei "Was geschah im Herbst 1985 über Finsterau? Rätselraten um Angriff auf US-Hubschrauber"

  1. Terror! (27) sagt:

    […] Vorstößen auf das Hoheitsgebiet der Warschauer Pakt Staaten gekommen sein. Vgl. Art: „Was geschah im Herbst 1985 über Finsterau. Rätselraten um Angriff auf US-Hubschrauber&#8220… von Helmut Weigerstorfer, auf „da Hog’n. Heimatmagazin aus dem Woid“, 25. 02. […]

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