„Nicht der Problem-Hund, sondern der Mensch muss sich ändern!“

Duisburg/Deggendorf. „Als Kind durfte ich keinen Hund haben, da meine Eltern auch heute noch jedes Tier als überflüssig ansehen, das man nicht auf den Grill legen und essen kann“, erzählt Deutschlands wohl bekanntester Hunde-Trainer Martin Rütter. Bekannt wurde der 42-jährige Duisburger durch die TV-Show „Der Hundeprofi“, zurzeit tourt er durch die Lande mit seinem neuen Bühnenprogramm „Der tut nix“ (u. a. am 5. Februar in Deggendorf). Keiner hält den Hundebesitzern derart humorvoll-schonungslos den Spiegel vor. Im Hog’n-Interview spricht Rütter unter anderem über den Verlust seiner Golden-Retriever-Hündin Mina, über das Phänomen der Vermenschlichung und darüber, was es in der für die Vierbeiner häufig stressigen Silvesternacht alles zu beachten gilt.

Hundeflüsterer Martin Rütter, der mit seiner TV-Show „Der Hundeprofi“ bekannt geworden ist. Foto: Marc Rehbeck

„Ich bin noch nicht in der Lage mir einen neuen Hund anzuschaffen“

Hallo, Herr Rütter. Zunächst einmal: Wie läuft Ihre momentane Tour? Und: Touren Sie immer noch „hundelos“ durch die Lande?

Danke der Nachfrage. Ich bin wirklich sehr zufrieden, wie es momentan läuft. Sowohl in den Städten, in denen ich zum ersten Mal war, als auch in den Orten, die ich mit meinem vergangenen Programm bereist habe, kann man den Leuten nur ein Kompliment machen. Überall verspüre ich eine große Begeisterungsfähigkeit für das Thema Hund.

Ob ich „hundelos“ toure? Ja und Nein. Ich selber bin noch nicht in der Lage, mir einen neuen Hund anzuschaffen. Der Prozess der Trauer über Minas Tod dauert noch an. Dafür hat mein Kumpel Alex, der sich für unser Merchandising verantwortlich zeigt, immer mal wieder einen seiner vier Hunde dabei. Die geben dann auf der Tour natürlich auch die Richtung vor.

„Ich hatte schon immer einen guten Draht zu Hunden.“ F: Guido Engels

Sicherlich fragen sich viele, wie der Hundeprofi denn einst auf den Hund gekommen ist? Wie sah ihre erste Begegnung mit einem Vierbeiner aus?

Ich hatte schon immer einen engen Draht zu Hunden – obwohl ich als Kind keinen Hund haben durfte, da meine Eltern auch heute noch jedes Tier als überflüssig ansehen, das man nicht auf den Grill legen und essen kann. Ich habe aber bereits in meiner Jugend die Hunde der Nachbarn ausgeführt und die Hunde meiner Tante Thea ohnmächtig gekrault. Sie hatte in den 80er-Jahren eine Art Pflegestelle für gestrauchelte Hunde. Zudem besaß sie die außergewöhnliche Gabe, Hunde, die anfangs ganz wunderbar waren, binnen weniger Wochen völlig verrückt zu machen.

Mich hat schon damals brennend interessiert, warum so viele Menschen um mich herum Probleme mit ihren Hunden haben. Ein weiterer entscheidender Impuls für meinen heutigen Beruf war 1992 ein längerer Australien-Aufenthalt, als ich mich intensiv mit dem Leben australischer Wildhunde, sogenannter Dingos, auseinandergesetzt habe.

Die Vermenschlichung der Hunde ist ein gesellschaftliches Phänomen

Was denken Sie: Wie unterscheidet sich Ihre Arbeitsweise im Vergleich zu anderen Hundeschulen?

Mir liegt es fern, andere Hundeschulen zu beurteilen. Wir haben für uns einen sehr guten, qualitativ hochwertigen Weg gefunden, wie ich finde. Unsere D.O.G.S-Philosophie beinhaltet ein System, das kein System ist! So sagt schon der Name „Dog Orientated Guiding System“, also ein am Hund orientiertes Führungssystem, dass sich das Training an den jeweiligen natürlichen Bedürfnissen des Hundes orientiert. Der Schwerpunkt von D.O.G.S. liegt also darin, den Hund einschätzen zu können, um dann ein für den Menschen und seinen Hund ganz individuell zugeschnittenes, gewaltfreies Trainingskonzept zu entwerfen.

In Ihrem Programm erzählen Sie ja immer wieder auf witzige Weise über die vielen Vermenschlichungen der Vierbeiner. Warum neigen Menschen eigentlich dazu? Gab es Momente, in denen auch Sie ihren Hund Mina „vermenschlicht“ hatten?

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„Da ist der Hund eben Seelentröster und Bindeglied.“ Foto: Sabine Menge / pixelio.de

Das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Wir leben in einer immer stärker technisierten und anonymen Welt, in der wir nicht mehr sechs Freunde haben, mit denen wir die Freizeit gestalten, sondern 200 Freunde bei Facebook. Da ist der Hund eben Seelentröster und Bindeglied. Das führt dazu, dass uns der Hund emotional immer näher wird – und wenn Sie emotional nah dran sind an so einem Tier, fällt das wahnsinnig schwer konsequent zu sein.

Mina und ich hatten ein klares Verhältnis, in dem gewisse Grenzen abgesteckt waren. Aber natürlich hatte auch sie ihre Privilegien, vor allem als sie älter wurde. Wenn die Oma mit einer Apfelkitsche im Maul auf dem Komposthaufen stand, konnte ich ihr nicht wirklich böse sein.

Nicht der „Problem-Hund“, sondern der Mensch muss sich ändern

Als „Hundeversteher“ können Sie uns sicherlich sagen, wie ein perfekter Tag aus der Sicht eines Hundes aussieht, oder? Was muss da alles mit rein?

Viel Beschäftigung, viel Fressen, viel Schlaf (lacht).

Was war Ihr bisher schwierigster Fall? Und: Gab es schon einmal einen „Problem-Hund“, den Sie partout nicht „knacken“ konnten?

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Mit seiner Show „Der tut nix“ tourt Hunde-Profi Martin Rütter derzeit durch die Lande. Foto: Guido Engels

Der Fall des unerziehbaren Hundes existiert zum Glück nicht so oft. Denn es ist fast nie der Problem-Hund, sondern der Mensch, der seine Einstellung und Verhaltensweisen ändern muss.

Wenn aber die Mensch-Hund-Beziehung durch Kommunikationsmissverständnisse so belastet ist, dass ein Zusammenleben nur noch Stress für beide Parteien bedeutet, muss man in Erwägung ziehen, den Hund in eine andere Umgebung abzugeben. Wenn ein Mensch beispielsweise bei Aggressionsproblemen sehr große Angst vor seinem Hund hat, kann dies eine erfolgreiche Therapie erschweren.

Ein Thema, das alle Hundehalter einmal durchmachen müssen: Der Tod des eigenen Hundes. Ihre Golden-Retriever-Hündin Mina ist, wie Sie bereits erwähnten, nach 16 Jahren verstorben – wie gingen Sie mit der Trauer um?

Das war ein Prozess, der innerhalb der Familie stattfand – und immer noch andauert. Noch heute fällt es mir schwer, über sie zu reden, da dann sofort die Erinnerungen hochkommen.

An Silvester den Hund auf keinen Fall mit tröstenden Worten beruhigen

Silvester steht ja schon bald wieder auf dem Programm. Böller, Raketen und jede Menge Lärm. Für viele Hunde das Worst-Case-Szenario, oder? Wie bereite ich meinen Hund auf diesen Abend vor?

Mit Ohrenstöpsel und Baldriantropfen. Nein, Spaß beiseite. Tatsächlich können Feuerwerk und Knallerei bei einem Hund Stress auslösen. Silvester ist ja der Klassiker. Damit der Hund den Silvesterabend ohne Komplikationen übersteht, sollte man frühzeitig anfangen zu trainieren. So kann man seinen Hund beispielsweise an eine Box gewöhnen, die für ihn Ruhe und Rückzugsmöglichkeit bedeutet. Die Box sollte natürlich an einem möglichst ruhigen Raum in der Wohnung liegen.

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„Der Fall des unerziehbaren Hundes existiert zum Glück nicht so oft.“ Foto: Guido Engels

Natürlich darf der Hund auch gerne die Nähe zum Menschen, also zu seinem Halter suchen, wenn er Angst hat. Man sollte aber auf keinen Fall versuchen, ihn durch tröstende Worte zu beruhigen, denn dadurch kann sich der Hund in seiner Angst bestätigt fühlen. Denn der Mensch würde dem Hund in einer angstmachenden Situation besondere Aufmerksamkeit schenken, woraus der Hund schlussfolgern würde: Bei der Knallerei muss es sich um etwas wirklich Schlimmes handeln.

Man kann den Hund alternativ auch ablenken, indem man etwa eine für ihn spannende Futtersuche oder ein tolles Spiel mit seinem Lieblingsspielzeug startet. Hier ist jedoch das Timing sehr wichtig: Das Spiel sollte auf jeden Fall beginnen, bevor der Hund Anzeichen von Angst wie Hecheln oder Zittern zeigt – nur so kann verhindert werden, dass er das Spiel mit den angstmachenden Feuerwerksgeräuschen verbindet.

Abschließende Frage: Was ist Ihrer Meinung nach der größte Liebesbeweis, den ein Hund einem Menschen entgegenbringen kann?

Hunde sind generell sehr treue und verlässliche Partner. Sie suchen aktiv die emotionale Nähe zum Menschen und ziehen ihn manchmal sogar Artgenossen vor. Einen größeren Liebesbeweis kann es doch nicht geben, oder?

Stimmt. Vielen Dank Herr Rütter, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Interview: Susanne Grünzinger

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2 Kommentare bei "„Nicht der Problem-Hund, sondern der Mensch muss sich ändern!“"

  1. Herzliches Beileid für den Verlust deines Golden Retrivers, lieber Martin ! Ich kann es dir sooo gut nachfühlen. Ich habe meine Paula-meine Golden Retriver Hündin-vor einem Jahr einschläfern lassen müssen-kurz vor ihrem 13. Geburtstag. Sie war in der Familie total integriert. Ich muss heute noch weinen, wenn ich an ihrem Grab stehe. Aber man muss loslassen. Es fällt schwer und immer wieder. Auch als Krankenschwester habe ich natürlich oft den Tod erlebt, aber was in der Familie verloren geht, ist schon heftig. Die Gedanken und Erinnerungen bleiben und das ist gut so. Liebe Grüße und mach bitte weiter so ! Angie !

    • Martin leider habe ich „Retriever“ falsch geschrieben zuvor, weiß nicht warum..Sorry!
      Bitte übe Nachsicht mit mir ! Habe den Fehler eben noch entdeckt. Alles Liebe für einen neuen Hund ! Ich habe bereits einen neuen Hund, der ist ganz anders. Tschauiii ! A-

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