Huber-Häuser: Lärm- und Zufahrtsprobleme – jetzt reden die Anwohner

Freyung. Es ist soweit: Die Huber-Häuser werden entkernt, die Vorbereitungen für den Abriss getroffen. Während sich die einen auf ein neues Kino und einen Supermarkt samt angeschlossenem Parkhaus direkt vor der Haustüre freuen, herrscht bei so manchem Anwohner rund um das künftige „StadtplatzCenter““ weniger Vorfreude: „Keiner weiß so recht, wie viel Verkehr und Lärm im Endeffekt auf uns zukommen wird“, lautet etwa ein Tenor der Betroffenen. Sie fürchten um ein Stück Lebensqualität, wenn sie beispielsweise mitten in der Nacht von quietschenden Autoreifen aus der Tiefgarage geweckt werden – oder zu „Tatort“-Zeiten am Sonntagabend ein Fahrzeug nach dem anderen in die Abendvorstellung des neuen Kinos rollt. Zudem befürchten einige Anwohner eine Wertminderung ihrer Immobilien und sehen Weitervermietungen bzw. –verkäufe an private und gewerbliche Interessenten gefährdet.

Freitag, Rückseite Huber-Häuser, es wird fleißig entrümpelt und entkernt. Für nächste Woche sind die Abrissbagger bestellt. Trotz zeitlicher Verzögerungen soll nächstes Jahr im Juli das neue "StadtplatzCenter" hier stehen. F.: Da Hog'n

Berechtigte Einwände? Oder muss demjenigen, der sich für ein Haus oder eine Wohnung in Freyungs Mitte entscheidet klar sein, dass sich die Vorteile der Innenstadt auch ins Gegenteil verkehren können? Man kann einerseits zu Fuß ins Kino gehen, die nächste Kneipe ist gleich ums Eck, der Gang zum Metzger ein Katzensprung – man muss andererseits dafür aber auch hinnehmen, dass die Leute aus dem Umland nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto anreisen. Hm. Schwierig …

Investor Kremsreiter: „… denn sonst ist die Stadt bald tot!“

Investor Norbert Kremsreiter. Foto: privat

Die Meinung von Norbert Kremsreiter, einem der Investoren des „StadtplatzCenters“, ist eindeutig: „Es muss einem bewusst sein, dass man nicht in einem Wohn-, sondern in einem Kerngebiet lebt.“ Und da finde nun einmal viel Bewegung statt – baulich, verkehrlich und „lärmlich“. Mit dem Münchner Ingenieurbüro „Steger und Partner“ habe die Investorengruppe eines der renommiertesten Büros in Sachen Lärmschutzgutachten beauftragt, so Kremsreiter. Aus den vier Kinosälen und dem Supermarkt würde ihm zufolge ohnehin kein Lärm nach außen dringen – „schließlich will man ja auch nicht während eines Liebesfilms irgendwelche Action-Szenen aus dem Kinosaal von nebenan hören“. Und die Bedenken bezüglich der Tiefgarage? Auch die findet er unbegründet: „Wir haben extra die Auflage bekommen, die Tiefgarageneinfahrt in einen Tunnel einzulassen. Dieser ist so kurz, dass einer gar nicht so viel Gas geben kann, weil er sein Auto sonst gegen die Mauer setzt.“ Für die Zeit nach 22 Uhr sei genau geregelt, wie viele Autos in die Tiefgarage gelassen werden. Dafür gibt es dann eine rote Ampel. „Klar wird es auch hier welche geben, die trotz der roten Ampel reinfahren“, mutmaßt Kremsreiter, „genauso wie der ein oder andere auch in der Stadt bei Rot über die Ampel fährt.“ Die Regel werde das sicher nicht sein – außerdem soll das dann auch „ganz genau kontrolliert“ werden. Er könne nur hoffen, dass es die positive Bewegung, die derzeit in der Kreisstadt herrsche, auch weiterhin gebe – „denn sonst ist die Stadt bald tot!“

Anwohner: „Wir werden eingesperrt hier unten, sozial isoliert“

Durch diese hohle Gasse werden sie kommen: die Autos, die ins Parkhaus ein- und ausfahren. Auch die Anwohner müssen den Weg als Zufahrt zu ihren Anwesen nutzen.

Weniger den Lärm, sondern vielmehr die eingeschränkte Zufahrtssituation zu ihren Grundstücken sehen weitere, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Großprojekt lebende Freyunger als problematisch. Der vorhabenbezogene Bebauungsplan, der jüngst im Stadtrat gebilligt worden ist, sieht vor, dass die Anwohner auf der Rückseite der Huber-Häuser zu ihren Anwesen durch oben bereits erwähnte Einhausung („Tunnel“) gelangen sollen. „Wenn wir durch diese Röhre zu unserem Haus bzw. von unserem Haus in die Stadt fahren möchten, treffen wir unweigerlich auf diejenigen Autos, die entweder ins Parkhaus rein- oder rausfahren“, beklagt ein Betroffener. „Dann heißt es bei aufkommenden Staus jedes Mal für uns: Hinten anstellen!“ Kurzfristige und ungehinderte Besorgungsfahrten in die Stadt seien so nicht mehr möglich. Allein schon aus beruflichen Gründen wäre eine schnelle An- und Abfahrt wünschenswert. „Wir werden eingesperrt hier unten, sozial isoliert“, so der Vorwurf der Anwohner. Die beschränkte Zufahrtsmöglichkeit mindere zudem den Wert ihrer Grundstücke und Immobilien. „Es geht mir nicht darum, dass hier nicht gebaut werden soll, sondern es geht um die ungehinderte Durchfahrt zu meinem Haus.“

Planer Wenzl: „… damit hätten die Anwohner rechnen müssen“

Die einfachste Lösung wäre den Anwohnern zufolge „eine eigene Zufahrt – dann wäre das Problem aus der Welt.“ Doch laut Erwin Wenzl, Architekt  des in die Planungen involvierten gleichnamigen Passauer Ingenieurbüros, ist dieser Zug bereits abgefahren. „Eine andere Zufahrtslösung wäre freilich besser, nur: Die Stadt Freyung hat es vor 20 Jahren übersehen, eine beidseitige Erschließung für dieses Misch-Kerngebiet durchzuführen.“ Eine rückläufige Erschließung sei deshalb nicht mehr möglich – „es gibt von unserer Seite momentan keine Planungsalternative“. Die betroffenen Eigentümer müssten sich nun privat über eine weitere Zufahrtsmöglichkeit einigen – was sich aufgrund der Eigentumsverhältnisse in diesem Bereich schwierig gestalten kann, so Wenzl.

Architekt und Planer Erwin Wenzl. Foto: Da Hog'n

„Die Bedenken der Anwohner in Sachen Lärmschutz sind berechtigt, aber die umfangreichen Gutachten haben die Einhaltung der emissionsrechtlich zulässigen Werte bestätigt.“ Laut Gutachten ist tagsüber mit 2388 Pkw- sowie 16 Lkw-Bewegungen zu rechnen. Dass bauliche Veränderungen in diesem Gebiet einmal eintreten würden, damit hätten die Anwohner rechnen müssen, sagt Wenzl. „Es ist seit langem bekannt, dass dort mehr als nur grüne Bäume stehen können“, verweist er auf den seit 15 Jahren existierenden Bebauungsplan. Nur weil in den letzten Jahren hier wenig passiert ist, bedeute dies nicht, dass sich auch jetzt nichts verändern dürfe, legitimiert er das Vorhaben.

Bürgermeiser Heinrich: „Kein Interpretationsspielraum beim Lärm“

Bürgermeister Dr. Olaf Heinrich. Foto: Da Hog'n

Auch Freyungs Bürgermeister Dr. Olaf Heinrich schlägt in die gleiche Kerbe. „Es ist fachlich alles mehrfach überprüft worden und wird den gesetzlichen Regelungen gerecht.“ Er ist davon überzeugt, „dass die Experten des Ingenieurbüros Steger und Partner wissen, um was es geht“. Die Stadt unterstütze das Vorhaben jedenfalls, wie die Abstimmung im Stadtrat gezeigt habe.

Ob er Verständnis für die Einwände der Anwohner habe? „Ich kann schon nachvollziehen, dass man als Nachbar wissen will, welche Auswirkungen eine Baumaßnahme von dieser Größe hat“, so Heinrich. Das Argument „Lärmbelästigung“ lasse er jedoch aufgrund der intensiven Voruntersuchungen nicht gelten: „Es gibt zwei eindeutige Gutachten, die den Lärmschutz garantieren. Hier gibt es keinen Interpretationsspielraum – und somit auch keine Diskussionen mehr.“ Zum Argument „Wertminderung der Immobilien“ könne man unterschiedlicher Meinung sein – „da ist viel Spekulation mit drin …“, so der Rathaus-Chef.

Dass das Projekt „StadtplatzCenter“ in der vorgegebenen Zeit realisierbar ist, wurde ihm von  Vertretern des österreichischen Baukonzerns „Alpine“, der unter anderem bereits als federführende Firma für den Bau der Münchner Allianz-Arena verantwortlich zeichnete, mehrmals versichert. „Der Zeitplan ist zu halten“, das Unternehmen habe schon größere Projekte in wesentlich kürzerer Zeit umgesetzt. Im Juli 2013 sollen die vier Kinosäle und der Edeka-Supermarkt in Betrieb gehen.

Anwohner: „Viele haben nur noch Dollar-Zeichen in den Augen“

Einige Anwohner haben nun rechtliche Schritte gegen den Bau  von „Freyungs neuer Mitte“ eingeleitet. „Viele haben kein Verständnis für unsere Anliegen und haben nur noch Dollar-Zeichen in den Augen“, heißt es von deren Seite. Von „Freyung 21“ ist gar schon die Rede, angelehnt an das umstrittene Bahn-Projekt „Stuttgart 21“. „Sollte keine gütliche Lösung gefunden werden, scheuen wir auch den Schritt in die nächsthöheren Instanzen nicht“, geben sich manche kampfbereit. Was bleibt, ist die Frage: Ist der Nutzen für die Allgemeinheit in diesem Fall wichtiger als der potenzielle Schaden für den Einzelnen? Eine Frage, über die letztlich wohl oder übel  auch die Richter zu entscheiden haben …

Stephan Hörhammer, Dike Attenbrunner

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