Jugend 2017: Generation mit zu vielen Möglichkeiten – und Depressionen

Endlich Ferien! Für ein paar Wochen raus aus dem Klassenzimmer und stattdessen: Sommer, Sonne, Baden, Fußball, Eiscreme – „chillen“ halt, wie das so schön heißt. Also, chillen, ja – zwischen Ferialpraktika, Mathenachhilfe und Sprachkurs. Schließlich soll der heute 13-jährige Sprössling nach dem Schulabschluss Berufserfahrung mitbringen können; die Integralrechnungen aus dem letzten Sommer wollen auch nochmal aufgefrischt werden. Und das mit dem Französisch ebenso. Denn seien wir uns ehrlich: Mit Englisch als einziger Fremdsprache kommt man heute nicht mehr weit – und es soll ja auch mal was „Anständiges“ aus dem eigenen Erbgut werden. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO machen psychische Erkrankungen und Depressionen spätestens 2030 die weltweit größte Volkskrankheit aus – schon heute gibt es 350 Millionen Betroffene. Den Grundstein dafür legen wir bereits in der Schule. In eigener Sache: Beruhigt’s euch mal wieder.

Was waren das noch Zeiten. So schön einfach war’s. Schöne heile, schöne geradlinige Welt: Der Sohn des Metzgers wurde Metzger. Der Sohn des Anwalts wurde Anwalt. Der Sohn des Bauern wurde Bauer. Und die Töchter – die Töchter rangierten irgendwo zwischen Küche, Schlafzimmer und Garten umher. Im Jahr 2017 wird der Metzgerssohn Zahntechniker, der Anwaltssohn gründet ein Start-up und der Bauernsohn wird Agrarökonom. Und sogar die Töchter können sich frei entscheiden zwischen BWL-Studium, Schreinerausbildung und Karriere bei der Bundeswehr. Kurz: Der Jugend von heute steht die Welt offen. Für sie öffnet sich Tür und Tor – und wir arbeiten mit Hochdruck daran, sie schalldicht zu verriegeln.

Von Angewandter Sexualwissenschaft und Friesischer Philologie

Die eben beschriebene erhöhte „intergenerationale Mobilität“, der freie Hochschulzugang sowie diverse Möglichkeiten sich um-, weiter- oder auszubilden, sind an sich eine gute Sache. Dass ich statt dem lange scheinbar in Stein gemeißelten Weg „Schule-Ausbildung-Job“ heute locker mal ein Jahr mit dem Rucksack durch Südost-Asien tingeln und mir dabei fremde Kulturen, Sprachen und Speisen zu Gemüte führen kann, ist an und für sich ebenso ein begrüßenswerter Zustand. Fernstudien, ein freiwilliges soziales Jahr, Studienverzeichnisse, die von Angewandter Sexualwissenschaft über Oenologie bis hin zu Friesischer Philologie dem geistigen Horizont schier keine Grenzen zu setzen scheinen – alles Dinge, die uns ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten einladen. Aber so wie wohl Trampolin springen in der Schwerelosigkeit – die Ultima Ratio der unbegrenzten Möglichkeiten schlechthin – kaum jemandem Freude bereiten dürfte, ist offenbar ein Zuviel an Möglichkeiten nicht immer der gesündeste Weg.

Auf dem Arbeitsmarkt bewegt sich der Wert der eigenen (Aus-)Bildung immer in Relation zum Rest der Gesellschaft. Noch in den 1930er Jahren konnten weniger als 1,5 Prozent der Deutschen einen Studienabschluss vorweisen. Als Akademiker zählte man zu diesen Zeiten unweigerlich zur geistigen Elite des Landes. Heute sind es rund 16 Prozent, die ihr Studium vollenden – in den nächsten Jahrzehnten soll sich deren Anzahl auf 24 Prozent steigern. Im Wettbewerb um einen Job konkurriere ich also nicht mehr nur gegen eine kleine Minderheit im Land, sondern gegen Millionen von Mitmenschen aus dem In- und Ausland, die alle einen ähnlichen Abschluss vorweisen können. Im ökonomischen Duktus spricht man hier von einer Bildungsinflation: Es gibt zwar immer mehr Bildung – diese ist jedoch (relativ gesehen) immer weniger wert.

Zukunftschancen und wirtschaftliche Notwendigkeit

Der eingangs erwähnte Sprössling unternimmt also alles, um sich von der Masse abzuheben: Dutzende Ferialpraktika, Sommerschule, Fremdsprachen. Zwar war er selbst immer der Meinung, die Mittelschule wäre die bessere Alternative für ihn – doch da aus ihm mal „was Gscheit’s“ werden soll, strampelt er sich Tag für Tag am Gymnasium die Hacken ab. Schwierig ist’s. Seit der 5. Klasse hat er bereits Nachhilfe in Mathe, seit der 7. auch in Englisch. Ab der 9. wird er auch in Latein Zusatzstunden in Anspruch nehmen. Für Fußball bleibt leider keine Zeit – aber alles halb so wild, die haben seine Kumpels ja auch nicht…

Wenn’s dann endlich geklappt hat mit dem Hochschulabschluss, darf eine Woche so richtig die Sau rausgelassen werden. Das muss dann aber auch genug sein – denn die Konkurrenz schläft nicht. Während man in Vorbereitung auf den nächsten Karriereschritt Studienverzeichnisse sorgfältig nach wirtschaftlicher Notwendigkeit, Zukunftschancen und der Vermittlung von Entrepreneur-Skills scannt, nutzt man den Sommer für diverse Betriebspraktika. Unbezahlt freilich. Und – zugegeben – auch eher fad. Aber man will ja mal „was Gscheit’s“ werden. Von nichts kommt schließlich nichts. Und wer wirklich will, der schafft das schon. Achja – das mit dem „Wollen“ ist so eine Sache. Mal unter uns: Mittelschule und Schreinerlehre fänd‘ ich immer noch cool…

Bei American Pie war’s irgendwie lustiger

Weiter geht’s im Sog, im Strudel der Geschäftigkeit. Das Studium der Wirtschaftsinformatik läuft „so lala“. Schon ganz nett, bisschen viel mit Zahlen. Mein Studentenleben deckt sich jetzt auch nicht hundertprozentig mit American Pie. Doch immerhin ist es ein Studium mit Zukunft. Meine 400 Kommilitonen finden’s auch irgendwie mäßig, aber der Bachelor sei eh nur der erste Schritt. Im Master wird’s dann so richtig abgehen… Also Master. American Pie rangiert mit Blick auf die Nähe zur eigenen Lebenswelt mittlerweile irgendwo zwischen Star Trek und Jurassic Park. Aber nach so vielen Jahren des Schuftens, des Verzichts, so kurz vorm Ziel, vorm Ziel der Träume – Aufgeben kommt nicht mehr in die Tüte!

Nächster Halt: Jobsuche. Dank meines Masters-Degrees – Englisch, weil deutschsprachiger Abschluss, Sie wissen schon – stehen mir nun alle Türen offen. Also die meisten. Viele. Einige halt. Türen, die durch lange Gänge unbezahlter Praktika und dann irgendwann zur Tür mit dem unbefristeten Arbeitsvertrag führen. Falls diese Tür nicht bereits verstopft ist – denn es gibt noch paar andere mit diesem Masters-Degree

Die Perversion der Selbstausbeutung

Zeitalter, in denen Sklaven in Ketten lagen, wie Vieh behandelt wurden, wie ein Stück Dreck, die sind längst vorbei. In unserer heutigen Gesellschaft herrschen weder Peitschen noch Ketten – und dennoch finden wir offenbar auf masochistische Weise Gefallen daran uns selbst jene Ketten anzulegen, um uns in weiterer Folge mit der Peitsche zu peinigen. Selbst-Flagellation ist ja so en vogue. Arbeitnehmerrechte schützen uns seit langer Zeit vor Ausbeutung, schlechter Bezahlung, unfairen Arbeitsbedingungen. Keiner wird gezwungen dieses ganze Spielchen mitzuspielen. Es gibt kein Gesetz, das jemanden zum Ferialpraktikum zwingt. Es ist mehr eine stille Übereinkunft, die wir getroffen haben, die große Peitsche wurde durch zahlreiche kleinere ersetzt. Was wir erleben, ist eine Perversion der Selbstausbeutung.

Dein Chef ist keines von diesen Monstern mehr, die Dich nachts schreiend aufwachen lassen, Dich in Alpträumen verfolgt und dessen bloßer Anblick Dich erstarren lässt. Dein Chef: cooler Typ, lässig, locker. Ein Bierchen nach der Arbeit, gerne. Aus einem „Mach das oder Du hattest heute Deinen letzten Arbeitstag“ wurde ein „Hey Kollege, könntest Du mir einen Gefallen tun?“. Aber gerne doch.

Überstunden? Du kannst doch nicht einfach Deinen Kollegen hängen lassen. Leicht verkühlt? Aspirin! Das Projekt ist echt wichtig. Du sollst nicht nur, Du musst dieses Sollen auch noch Wollen.

Die Karriere als Flickzeug der Sinnlosigkeit

Die Arbeit, der Job, rückt schleichend ins Zentrum unserer Persönlichkeit – und je weiter dieser Prozess voranschreitet, desto mehr wird Arbeit zum alleinigen Stifter unserer eigenen Identität. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen dabei immer mehr – verkauft wird das dann gerne als „neugewonnene Freiheit“. Stichwort: Homeoffice.

Irgendwann – meistens wohl zu spät – kommen viele an einen Punkt und stellen sich die (gleichermaßen einfache wie komplizierte) Frage: Warum? Für was das alles? Kindheit, Jugend, Adoleszenz, die 20er – ist das nicht etwas, auf das ich als Greis einmal mit einem zufriedenen, leicht hämischen Schmunzeln im Gesicht zurückblicken will, um zu sagen: „Geil war’s“?

Dass das Leben nicht immer der vielzitierte Ponyhof ist – na klar! Aber wann, wenn nicht zu dieser Zeit? Wer, wenn nicht unsere Generation? Die als erste aufwächst, ohne direkt vom Krieg oder dessen Folgen betroffen zu sein. Als erste Generation genießen wir Wohlstand in noch nie dagewesenem Ausmaß, soziale Sicherung, offene Grenzen, Möglichkeiten über Möglichkeiten – in vollstem Umfang. Und wir wissen nichts Besseres mit unserer Zeit anzufangen, als diese Möglichkeiten zu füllen mit unbezahlten Ferialpraktika und dem Verfolgen von Zielen, deren Sinnhaftigkeit wir erst dann hinterfragen, wenn es bereits zu spät ist? „Die Karriere wird zum Flickzeug der Sinnlosigkeit“, nennt der französische Philosoph Alain Badiou dies in seinem „Versuch, die Jugend zu verderben“.

Die goldenen Jahre, Abenteurer und Verrückte

Mit Quarterlife-Crisis hat dieses Phänomen in der Psychologie sogar schon eine eigene Bezeichnung geerntet. Nie genug zu sein. Den Ansprüchen der Gesellschaft nie gerecht zu werden, auch wenn man sich noch so sehr abstrampelt. Alles und jeden dem eigenen Streben unterordnet und am Ende doch nur die Sinnlosigkeit erntet. Warum? Warum ordnet eine ganze Generation Freundschaften, Familie und nicht zuletzt sich selbst dem Gedanken an eine „Karriere“ unter? Dem Gedanken, „was Gscheit’s“ zu werden? Eine Generation verprasst ihre goldenen Jahre – unter besten Vorzeichen, in der Absicht ein Ziel zu erreichen, das, sobald man es zu greifen vermag, einfach verpufft.

Vor 50 Jahren mit dem Rucksack durch Neuseeland zu reisen, machte Dich zu einem „Abenteurer“, zu einem „Exoten“. Für manche vielleicht zu einem „Verrückten“. Aber Du wurdest zu „Etwas“ und warst nicht „Nichts“ – kein in der Masse umhertreibendes, passives Objekt. Plötzlich hattest Du ein Gesicht bekommen. Du wurdest zu etwas, das deine Identität begründete, verwurzelte, Deine Existenz rechtfertigte. Heute, bist Du nur einer von Zigtausenden, die mit Deuter-Rucksack und GoPro ausgestattet durchs abermals ferne Neuseeland gelotst werden. Um als „Verrückter“ zu gelten, musst Du schon mindestens einmal barfuß durch die Sahara laufen, ohne Geld einmal um die Welt reisen, als Europäer buddhistischer Mönch werden, Dich irgendwie sonst abheben…

Buddhisten nehmen auch nicht jeden

Meine ureigene Identität definiere ich vor allem negativ – in Abgrenzung zum jeweils anderen. Ich bin nicht das, was ich mache. Ich bin das, was ich mache, während es ein anderer nicht macht. So ist eine deutsche Zahnärztin auf einem internationalen Ärztekongress zu aller erst einmal „Deutsche“. Dieselbe deutsche Zahnärztin ist beim eigenen Verwandtschaftstreffen zuallererst einmal „Zahnärztin“.

Dadurch, dass unserer Jugend Tür und Tor offen stehen, das Ticket ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten inflationär immer günstiger wird, wird es zunehmend schwieriger, sich vom jeweils anderen abzuheben, die eigene Identität zu begründen. Der Versuch, anders zu sein, kann grundsätzlich auf zweierlei Art und Weise von Erfolg gekrönt sein: Einmal außerhalb des Systems, indem ich beispielsweiße barfuß durch die Sahara laufe. Und einmal innerhalb des Systems, indem ich vom Jahr Null an jegliche mir zur Verfügung stehende Energie in meine Ausbildung investiere, bittere Pillen schlucke und mich durch etwaige Formen herausragender Leistungen von der Masse abhebe. Da es sich barfuß nicht allzu leicht durch die Sahara läuft und buddhistische Mönche schon aus Prinzip nicht jeden Dahergelaufenen bei sich aufnehmen, wählt das Gros der heutigen Generation den Weg innerhalb des Systems.

Glück und Gesundheit

Dass diese Absetzungsversuche immer radikaler ausfallen müssen, liegt in der Natur der tendenziell inflationären Sache. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind jene Strukturen, die uns bis dato Halt und Sicherheit gegeben haben, wenn’s mal nicht ganz so rund läuft: Familie, Freunde, Beziehungen, eine gesunde Beziehung zu sich selbst. Diese Lücken vermag ein Medikament, ein Psychologe für eine Zeit lang zu füllen – doch im Endeffekt bedeutet es nicht mehr als sich ein bisschen Zeit zu erkaufen.

Dass Geld uns nicht glücklich macht, sagt man gerne mal eben so dahin. Menschlichkeit, Spaß und Freude wirklich zu leben, darin liege doch das „wahre Glück“. Und schnell trägt dieser Ausspruch irgendwie den Beigeschmack einer melancholischen Rückwärtsgewandheit mit sich – einer Sehnsucht nach dem Damals. Über eine Dauer von 75 Jahren wurden 724 Personen im Rahmen einer Harvard Studie beobachtet, analysiert und verschiedensten Tests unterzogen. Robert Waldinger, aufgrund der Dauer bereits der 4. Direktor der Studie, präsentierte 2015 die unzweideutigen Ergebnisse: Es sind weder Geld noch Karriere, welche Einfluss auf unser Wohlempfinden nehmen. Gesunde Beziehungen und soziale Interaktion haben positive Auswirkungen auf Zufriedenheit, Gesundheit und Lebensdauer. Jene Menschen, die mit 50 am glücklichsten waren, waren mit 80 auch die Gesündesten.

Die Frage nach dem Sinn

Wie so oft steht am Ende die Frage nach dem „Was tun?“. Befristete Arbeitsverhältnisse, prekäre Jobs, Arbeitslosigkeit: Um im Strom der Masse nicht nach hinten durchgespült zu werden und am Ende des Tages nicht ohne Job, ohne Einkommen und schließlich ohne Rente dazustehen, offenbart sich eine gewisse Alternativlosigkeit in dem ganzen Dilemma. Doch soweit würde ich an dieser Stelle nicht gehen wollen.

Auf lange Sicht gesehen und mit Blick auf die gesamte Gesellschaft werden wir unser Verhältnis zur Arbeit im Besonderen und zur Wirtschaft im Allgemeinen radikal überdenken müssen. Derartige Ideen und Modelle existieren bereits, zum Beispiel in Form von Arbeitszeitverkürzung oder in Form eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Auf individueller Basis gilt es, auch mal einen Schritt zurückzutreten. Sich nach dem „Warum?“ zu hinterfragen. Einmal anzuhalten und darüber zu sinnieren, was ich in diesem Leben eigentlich erreichen will. Worauf kommt’s mir an, was ist mir wichtig? Und vielleicht ist es mir ja von Bedeutung, mich als bärtiger Greis einmal in meinen Schaukelstuhl zu setzen, genüsslich an meiner Pfeife zu ziehen und mit Blick auf meine 20er sagen zu können: „Geil war’s“.

Analyse: Johannes Greß

 

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2 Kommentare bei "Jugend 2017: Generation mit zu vielen Möglichkeiten – und Depressionen"

  1. Franz Kerschbaum sagt:

    Muss es denn unbedingt das Gymnasium sein? Das Handwerk hat doch heute mehr denn je einen „Goldenen Boden“. Und nach einem erlernten Beruf nach der Mittelschule kann man sich ja heutzutage in alle Richtungen hin weiterbilden. Man sollte halt schon als Jugendlicher einen Plan haben. Und wenn ich dann als Berufswunsch von einem Angehörigen dieser Altersstufe höre: Irgendwas mit sowieso, dann hat der eben keinen Plan. Besonders tragisch die Traumtänzerr, die als Berufswunsch angeben: Prfifußballer oder Model. Na ja, wenn man sich fernab jeder Realität bewegt und den neuen Medien verfallen ist…Und der Mittelschüler, der mit beiden Beinen auf der Erde geblieben ist, hat mit 30 schon Haus und Familie, während andere noch an der Uni oder in irgendwelchen Praktika herumirren.

  2. Kathrin sagt:

    Ein toller Artikel. Beim Lesen habe ich mich selbst gesehen. Die vielen Möglichkeiten sind einfach nur erdrückend, vor allem wenn man dann auch niemandem auf der Tasche liegen möchte, so dass man einen gewissen „Zeitdruck“ hat. Nach einer Ausbildung im Büro ging ich auch noch ein Jahr zur Schule um mein Fachabitur nachzuholen – ohne einen Plan ob und wenn ja, was ich denn studieren möchte. Dieses Jahr war die Hölle für mich – ich konnte nicht mehr schlafen und nichts mehr essen. Die BOS habe ich trotzdem mit einer 1 vor dem Komma abgeschlosssen. Ich habe dann für mich selbst beschlossen, wieder arbeiten zu gehen weil einen diese Vielfalt an Möglichkeiten einfach fertig macht.. alles hat Vor- und Nachteile. Die perfekte Ausbildung / den perfekten Job gibt es nicht, auch wenn – und das war ein sehr großes Problem für mich – in den sozialen Medien immer wieder Sprüche wie „tue was du liebst und du wirst nie wieder arbeiten“ zu lesen waren. Ja, was liebe ich denn? Ich hatte einfach keine Ahnung. Habe mich für mehrere Praktika im sozialen Bereich beworben, dann kam aber wieder das Internet ins Spiel, welches mir auch diese wegen Bezahlung/Ausbeutung etc. verdorben hat. Letztendlich bin ich wieder im Büro gelandet. Mein Arbeitgeber ist super aber trotzdem bin ich neidisch auf andere, die doch, wie sie sagen, so viel Spaß an ihrer Arbeit haben (Erzieher, Krankenpfleger, Lehrer).

    Ich für meinen Teil habe beschlossen, dass ich arbeite um zu leben und nicht lebe um zu arbeiten. Es kann doch nicht sein, dass ich jeden Tag um spätestens 22 Uhr ins Bett gehe, damit ich genügend Stunden Schlaf bekomme und ich aber, sobald ich um 17 Uhr vom Büro nach Hause komme fix und fertig bin und sofort wieder schlafen könnte. Freizeit nutzen? Nur im Urlaub oder am Wochenende.
    Das ist auch ein Grund dafür, warum ich jetztes Jahr meine Arbeitszeit von
    40 auf 36 Stunden reduziert habe. Diese 4 Stunden weniger Arbeitszeit sind jetzt 4 Stunden mehr Zeit für mich. Kein Zählen der Minuten bis Feierabend mehr… Das Modell heißt vollzeitnahe Teilzeit und ist anscheinend mittlerweile ziemlich modern geworden. Ich find’s super. Die finanzielle Einbuße von ca. 100 Euro netto und so manch blöder Kommentar sind mir der Gewinn an Lebensqualität aber sowas von wert.

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