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Mord verjährt nie (11): Messerattacke in der Passauer Donaupassage

Thyrnau/Passau. 15 Jahre ist es inzwischen her, dass ein Mord in der Passauer Donaupassage für überregionale Schlagzeilen sorgte. Inmitten der alltäglichen Einkaufshektik hat ein 28-Jähriger, der bereits mehrmals im Bezirksklinikum Mainkofen behandelt worden war, eine ihm wildfremde 61-jährige Frau niedergestochen, nachdem er einen Tag zuvor bereits seine 22-jährige Freundin ermordet hatte. Ein weiterer Teil der Hog’n-Serie „Mord verjährt nie“, die auf den Aufzeichnungen des Passauer Autoren Franz Hartl beruhen, der spektakuläre Kriminalfälle in seinem Buch „Wie können Menschen nur so etwas tun?“ gesammelt hat.

Die 61-jährige Annemarie Kreileder wurde in der Donaupassage Opfer von Johannes D. (28). Repro: da Hog’n

„Tanja Haidl (22) sitzt am Abend des 16. September 2002 gegen 19.45 Uhr im Haus ihres Freundes Johannes D. (28) aus Niedersatzbach bei Thyrnau gerade am Küchentisch, raucht mit ihm eine Zigarette. Sie hat Kartoffeln fürs Abendessen geschält und Tiefkühlspinat auf den Herd gesetzt. Doch zum gemeinsamen Essen kommt es nicht mehr. Offenbar in einem akuten schizophrenen Schub geht der junge ZF-Schichtarbeiter auf sie los, rammt ihr 13 Mal ein Messer in Rücken und Nacken. Sie springt noch auf, ihr Stuhl kippt um, nach zwei Metern bricht sie zusammen und verblutet.

Er riecht nach Alkohol, hat tropfnasse Socken

Kurz nach der Messerattacke auf seine Freundin fährt Johannes D. mit quietschenden Reifen davon und verbringt die Nacht in seinem schwarzen VW Golf. Das Auto wurde später unter der Schanzlbrücke sichergestellt. Sobald die Läden offen hatten, hat er sich laut Staatsanwaltschaft bei K&L in der Fußgängerzone neu eingekleidet. Dort fällt er dem Personal auf. Er riecht nach Alkohol, hat tropfnasse Socken – und behält die neuen Sachen gleich an. An der Kasse hält er ein altes T-Shirt zerknüllt in der Hand. Wie sich herausstellt, sind Blutspritzer darauf – von seiner Freundin? Dann geht er weiter zur Donaupassage, sucht bei C&A noch eine passende schwarze Hose. Auf der Rolltreppe begegnet er Annemarie Kreileder.

In diesem Haus in Thyrnau ließ Tanja Haidl ihr Leben. Foto: Archiv Hartl

Es ist Dienstag, 17. September 2002, gegen 10.45 Uhr. Die 23-jährige Nadine Tipold macht mit ihrer Freundin in der Donaupassage eine Einkaufspause. Beide Frauen haben freien Blick zur Rolltreppe im Atrium des Kaufhauses, plötzlich stutzt Nadine: „Da schlägt einer seine Frau“, denkt sie sich. Drei bis viermal lässt der Mann seine Faust auf den Rücken seiner scheinbaren Frau heruntersausen. Die Freundin ergänzt: „Beim letzten Schlag habe ich das Messer in seiner Hand gesehen. An der Rolltreppe unten angekommen, drückt sich der Mann an der Frau vorbei, rennt zum Ausgang. Die Frau schrie.“ Auf dem Rücken der Seniorin bildet sich ein großer Blutfleck.

Cafébar-Besitzer Oskar Kunkel (49) ist durch die Schreie alarmiert und rennt zusammen mit Student Andreas Ludwig (28) dem fliehenden Täter hinterher. An einem der Schaufenster des Kaufhauses Wöhrl packt ihn Ludwig an der Schulter und Kunkel versetzt ihm gegen die Halsschlagader einen Handkantenschlag, sie nehmen ihm das Tatmesser ab. Der Messerstecher redet wirres Zeug, spricht von Mobbing und bestätigt lächelnd: „Ja, ich habe die Frau niedergestochen.“ Er wird von einem Zivilpolizisten abgeführt.

Täter leidet unter „endogenen Psychose“

Die Polizei fährt gegen 13.30 Uhr zum Haus des Täters Johannes D. in Niedersatzbach. Im Wohnzimmer liegt die Leiche seiner 22-jährigen Freundin. Er lebte mit ihr ein Jahr zusammen. Die Rentnerin Annemarie Kreileder lebte alleine und zurückgezogen in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Stadtzentrum. Sie war nicht verheiratet, hatte keine Kinder. „Nur ihre Schwester ist regelmäßig zu Besuch gekommen“, sagt eine Nachbarin. Für ihren Mörder war sie eine Wildfremde. Sie erlag noch am selben Tag gegen 14.30 Uhr trotz Notoperation ihren schweren, inneren Verletzungen.

Autor Franz Hartl hat im Buch „Wie können Menschen nur so etwas tun?“ die spektakulärsten Mordfälle rund um Passau gesammelt.

Durch das Amtsgericht Passau ist Johannes D. am 18. September 2002 ins Bezirksklinikum Mainkofen eingeliefert worden. Für ihn war es das fünfte Mal, dass er dort behandelt werden musste. Wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung war er nach Angaben der Staatsanwaltschaft bereits von April bis Mai und von Juli bis Mitte August 2000 in Mainkofen. Ebenso im Jahr darauf: von Ende Februar bis Ende März und von Anfang Juni bis Mitte Juli.

Der laut psychiatrischen Gutachten unter „endogenen Psychosen“ leidende Täter hatte im Juni 2001 einen Rechtsanwalt als amtlichen Betreuer zur Aufsicht gestellt bekommen. Doch diese Betreuung hob das Vormundsgericht am 11. Februar 2002 auf Antrag des 28-Jährigen wieder auf – gegen den ausdrücklichen Rat des betreuenden Anwalts.

„Sie war einfach a super Madl“

Im Stadtteil Schalding standen die Bewohner unter Schock. Die Nachricht vom gewaltsamen Tod der 22-Jährigen hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Die junge Frau ist in Schalding aufgewachsen, ging dort zur Schule. Mit ihr haben die Eltern ihr zweites Kind auf tragische Weise verloren. Sohn Markus ist acht Jahre zuvor an einem Gehirntumor gestorben. Tanjas Großmutter beschrieb mit tränenerstickter Stimme ihre Enkelin mit nur einem Satz: „Sie war einfach a super Madl.“

Am 20. September 2002 wurde das Mordopfer auf dem Friedhof ihres Heimatortes zu Grabe getragen. Annemarie Kreileder hat man am Tag darauf auf dem Passauer Innstadt-Friedhof beerdigt.“

Franz Hartl/ da Hog’n

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