G8/G9-Debatte: „Hektisches Herumdoktern an Symptomen“

Ping oder Pong? G8 oder G9, das ist hier die Frage…

Was sich derzeit in der bayerischen Bildungspolitik abspielt, entwickelt sich für die Regierung Seehofer mehr und mehr zu einem überaus peinlichen Armutszeugnis – ja, einem echten Fiasko. Noch immer bleibt die Frage ungeklärt, wie es künftig mit den bayerischen Gymnasien weitergehen soll. Führt der Weg zurück zum neunjährigen Gymnasium (G9)? Bleibt’s beim achtjährigen (G8)? Gibt’s eine Mischform mit Sonderwegen? Die Tendenz zeigt aktuell zwar wieder etwas mehr in Richtung G9 – doch das letzte Wort ist hier offenbar noch lange nicht gesprochen, wie die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „CSU lässt Schulminister Spänle nachsitzen“ vergangene Woche berichtete.

Von einer Richtungsentscheidung bzw. einer Weichenstellung scheint man weiter entfernt denn je zu sein. Die Folge: Keine Planungssicherheit für die Schulen, keine Perspektiven für Eltern und ihre Kinder. Nach viermaliger Verschiebung soll Minister Spänle nun bis Ostern erst einmal einen Fragenkatalog beantworten sowie mit Bildungspolitikern einen Eckpunkte-Plan ausarbeiten…

Beitrag des BR-Satiremagazins „quer“ zur aktuellen G8/G9-Debatte:

Die bayerischen Grünen um Vorsitzenden Eike Hallitzky haben indes eine Online-Petition ins Leben gerufen. Titel: „Die Zeit ist reif – jetzt für ein neunjähriges Gymnasium entscheiden.“ Nach über zwölf Jahren sei das G8 in Bayern immer noch nicht zur Ruhe gekommen, heißt es im Begründungstext. „Im Gegenteil: Die übergroße Mehrheit der Eltern sowie der Schülerinnen und Schüler empfindet nach wie vor das achtjährige Gymnasium als Belastung, weil es kreatives und selbstständiges Lernen erschwert und zu wenig Raum zur Persönlichkeitsentwicklung bietet.“ Die Schüler bräuchten mehr Zeit zum Vertiefen des Stoffes, zum Überdenken und Anwenden des Gelernten. Die Schule müsse mehr Möglichkeiten schaffen für die Persönlichkeitsbildung, für soziales Lernen, für politische Bildung.

Rubrik: „Verbotene Experimente mit Menschen“

In eine ähnliche Kerbe schlägt Hog’n-Leserin Maren Bestmann-Auchter, Tierärztin aus Freyung. Sie hat unter einem Post auf der Hog’n-Facebook-Seite zur G8/G9-Debatte folgenden flammenden Kommentar hinterlassen:

„Unterm Strich geht es ja nur um Geld… Zur Einführung des G8: Ich fand und finde es zum K**** wie mit unseren Kindern herumexperimentiert wird, um sie für die Wirtschaft noch stromlinienförmiger zu machen. Die Spielchen mit den Bildungsreformen sind hektisches Herumdoktern an Symptomen. Am Ende honoriert es die Wirtschaft nicht, wie man jetzt sieht – folglich gehört G8 eigentlich unter der Rubrik ‚verbotene Experimente mit Menschen‘ abgeheftet. Denn nicht etwa der Druck der Eltern oder die Erkenntnis, dass man den Heranreifenden ihre Jugend und Reifezeit nimmt, sondern die Ansagen aus der Wirtschaft sind es, die zu G9 zurückführen (…)

Betrachtet man es langfristig, wird schon seit Jahren über Facharbeitermangel gejammert. Aber es wird nichts getan, um die Facharbeiterjobs interessanter zu machen. Im Gegenteil: Da grassiert der Jugendwahn. Hochqualifizierte Fachleute werden aufgrund ihres Alters oder aufgrund von Mutterschaft nicht mehr oder nicht adäquat beschäftigt und bezahlt. Normale ‚Arbeiter‘ werden in Zeitarbeitsverhältnisse gesteckt, bei denen sie mit der Hälfte des Gehalts von Festangestellten nach Hause gehen. Das ist schlicht moderne Sklaverei – und dafür sollten unsere Kinder herhalten. Das ist Schuld und Versäumnis ‚der Wirtschaft‘.

„Das, was mich ärgert, fing langer vorher an“

Hätte man die in diversen Wirtschaftskrisen von größenwahnsinnigen Managern verbrannten Gelder sinnvoll eingesetzt, würde es jetzt vielen Menschen besser gehen. Stattdessen wurden viele Menschlein schneller durch die Ausbildung gejagt… damit sie möglichst schnell dazu beitragen, daß diese Sauerei bleibt wie sie ist. Wir brauchen keine Bildungsreform. Wir brauchen eine Reform der Arbeitswelt.

„Stattdessen wurden viele Menschlein schneller durch die Ausbildung gejagt…“ Foto: Universität Passau

Die Wiedereinführung des G9 wird keine Verbesserung bringen – deswegen lehne ich sie ab. Man wird sagen: ‚Die Kinder haben jetzt ja ein Jahr mehr Zeit…‘ – und dieses Jahr prompt mit neuem Stoff füllen, den es sonst erst an der Uni zu erlernen gäbe. Die Politik wird sagen: ‚Seht doch, wir haben es für Euch getan…‘ – und prompt die nächste Diätenerhöhung fordern und noch ein paar fette Posten mehr erfinden, für die ein Politiker ein paar Tausender mehr einschiebt.

Solange nicht etwas für die Menschen getan wird, kann man von mir aus alle Politiker in einen großen Sack stecken und draufhauen – man trifft nie verkehrt. Und übrigens: Wehe, es wagt jetzt jemand ein ‚Danke Merkel‘ – der landet im selben Sack. Denn das, was mich ärgert, fing lange vor ihr an…“

Hog’n-Leser Franz Kerschbaum fügt mit nicht weniger schulterzuckender Ratlosigkeit hinzu:

Kommentar: da Hog’n

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Ein Kommentar bei "G8/G9-Debatte: „Hektisches Herumdoktern an Symptomen“"

  1. Eduard Specht sagt:

    Wenn man erleben will, wie hochmotiverte Leute innerhalb von wenigen Wochen komplett die Motivation verlieren – manchmal sogar für immer das Interesse- kann jeden Septemper/Oktober einfach mal in unseren Schulen, Unis und FHs hospitieren und das Schauspiel genießen.

    Es gibt großartige Vorbilder wie man Bildung gestalten kann, aber im Moment ist es einfach nur ein schlechter Witz.

    Ich habe schon mehr Schulen besucht und abgeschlossen als manche Leute kennen und es ist einfach nur lächerlich. Ich mache in keinster Weise den Lehrkräften Vorwürfe, diese Bügeln nämlich oftmals die unebenheiten -nach möglichkeit- Glatt, die sie vom Bildungsministerium vorgegeben bekommen aber trotzdem.

    Das Niveau ist Miserabel, die Organisation kontraproduktiv und die Gewichtung absolut starr und macht die Talente der Menschen absolut belanglos.

    Eine kleine Anekdote aus den Anfängen meiner Schulzeit. Schüler A ausschließlich 1er und 2er in Mathe, hätte ohne Probleme den Stoff höherer Schularten auch bewältigt. 5er und 6er in Deutsch, Probleme mit Klassenlehrerin, ansonsten mittelmäßig bis gut … durch gefallen, kein Abschluss … und das ist an der Tagesordnung …

    noch eins:
    Musikstudent A, erniedrigt im unterricht keine schelchten sondern gutes Mittelfeld, Studium abgebrochen Jahre lang trotz Traumstudium kein interesse mehr an Musik …

    ich könnte ewig so weiter machen …

    Was ich toll fände:
    Keine starren Fächer vorgaben, eigene Gewichtung von Schwierigkeit der Fächer (wenn jemand der ein Sprachtalent hat sich da nicht entwickeln kann weil ihn Mathe zu sehr belastet und Zeit kostet hat nahc der Schule NICHTS)

    Abschlüsse pro Fach nicht Schulart. Ein schein auf dem die Bildungsniveaus pro fach stehn ohne diese wieder durch die schulform zu degradieren.

    Schüler sind keine Schwämme, sie müssen selber arbeiten und lernen und erarbeiten … Vorlesungen und Monologe der Lehrer in Schulen sind maximal dämlich, dann lieber als Video dann kann man stoppen und zurückspulen wenns mal zu schnell ging…

    Hach … ein endloses Thema … aber was weiß schon ich ne ;D

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