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„Mein schöner wilder Garten“: Natur und Garten sind kein Widerspruch!

Fürstenstein. „Ich habe einen Naturgarten!“ Auf diesen Satz bekommt Hog’n-Autorin Bini Katz aus Fürstenstein in der Regel zwei Antworten. Die erste: „Unkrautwüste!“ Und die zweite: „Wohl zu faul für die Gartenarbeit, wie!?“ Bini Katz findet: Es ist an der Zeit, einmal gewisse gärtnerische Angelegenheiten näher zu erläutern und zurecht zu rücken.

  • Zu 1.) Ich kann aus Erfahrung sagen, dass ein Naturgarten einen mit Gartencenter-Blumen bestückten und drumherum mit Rindenmulch bedeckten Garten an Vielgestaltigkeit und Farben bei weitem übertrifft (vorausgesetzt man akzeptiert, dass auch „Grün“ eine Farbe ist), von der lebendigen Tierwelt ganz zu schweigen …
  • Zu 2.) Ein Naturgarten macht auch Arbeit, aber es ist halt eine ganz andere Art von Arbeit – weniger Vernichtung, mehr Gestaltung, sag ich mal.

Manche glauben: Natur und Garten sind ein Widerspruch

Wunderschöner dunkelblauer Storchschnabel mit Anbeter!

Wunderschöner dunkelblauer Storchschnabel mit Anbeter. Fotos: Bini Katz

Für mich gehört beides zusammen – Natur und Garten sind kein Widerspruch. Eine Einschränkung gibt es jedoch: Lässt man in unseren Breiten der Natur auf einem Stück Grund ihren freien Lauf, so entsteht am Ende immer Wald – wünschenswert sind aber möglichst viele Arten von Wildpflanzen, die wiederum eine Vielfalt von Insekten, Vögeln und Amphibien als dauerhafte Gäste in unseren Garten locken. Deshalb sollten wir die Aus­breitung einzelner Arten von Bäumen, Sträuchern, Stauden, Wildkräutern und Gräsern ein wenig steuern. Das bedeutet: Auch Naturgärten brau­chen Pflege – aber eine, die aus Wissen und Gefühl für diese besondere Lebensgemeinschaft entspringt.

Die Pflege eines „normalen“ Gartens

So schön kann Giersch sein

So schön kann der wohlschmeckende Giersch sein.

Diese Pflege besteht (unter anderem) aus: Beete anlegen, Wege anlegen, Kompost aufsetzen, Rasen mähen, Umgraben, Hacken, Harken, Kalken, „In-den-Gartenmarkt-fahren“, Rasen mähen, Unkraut jäten, Maulwurfshügel plattmachen, Wühlmausfallen aufstellen, Pflanzen, Säen, Rasen mähen, Insektizide spritzen, Pestizide spritzen, Fungizide spritzen, Mulchen, Düngen, Rasen mähen, Schneckenkorn streuen, Gießen, Rasen mähen, Schneiden, Zupfen und Rupfen, Netze spannen, Gelbtafeln aufhängen, „Obsträuber“ verscheuchen, Rasen mähen, Ernten und aus „Den-Garten-winterfest-machen“.

Naturgartenpflege ist hauptsächlich die Organisation von Licht

Beispiel: Ein Buchensämling hat sich entfaltet, klein und harmlos steht er da – mit seinen fünf Blättchen. Als Naturgärtner hast Du nun drei Möglichkeiten: ihn weiterwachsen zu lassen, ihn ganz zu entfernen oder ihn woanders anzusiedeln, wo er bessere Chancen hat (z. B. weil er hier als Tiefwurzler auf felsigem Untergrund nie zu einer stattlichen Buche wachsen wird).

In den Ranken von Gelbem Geißblatt und Efeu versteckt sich ein Amselnest

In den Ranken von Gelbem Geißblatt und Efeu versteckt sich ein Amselnest.

Die Entscheidung, ihn da zu lassen, wo er ist, ist schnell getroffen, hat aber weit reichende Folgen. Er wird Wurzelwerk entwickeln, das Struktur und Zusammensetzung des Bodens beeinflusst und anderen Pflanzen die Nahrung streitig macht; seine Krone wird die Umgebung beschatten und Licht und Trockenheit liebende Pflanzen vertreiben; dafür werden sich Schattenliebhaber ansiedeln und solche, die mehr Feuchtigkeit brauchen.

Der Baum wird den Lebensraum im Umfeld verändern; es werden sich Pilze, Amphibien und Regenwürmer zu seinen Füßen sowie Blattläuse, Raupen, Schmetterlings- und Käferlarven an seinen Ästen, Blüten und am Stamm ansiedeln; diese wiederum werden Vögel anziehen, die sich von ihnen ernähren – und ihre Nester in der Baumkrone bauen. Diese Vögel werden ihr Futter aber nicht nur am Baum, sondern auch in seiner Nachbarschaft suchen – und auch dort Lebensgemeinschaften beeinflussen und verändern. Im Herbst wird der Laubfall ein Winterquartier für den Igel bieten und als Unterschlupf für Futtertiere dienen, die dort – trotz Schnee und Eis – von daheim gebliebenen Singvögeln gefunden werden.

Und alles nur, weil Du das Fünf-Blättchen-Ding nicht gezupft hast!

Stirbt dieser Baum, so wirst Du das Phänomen „Licht“ auf andere Weise kennenlernen: Pflanzen, die bisher im Baumschatten klein und bescheiden ihr Dasein gefristet haben, werden zu Himmelsstürmern. Andere verschwinden schlagartig ganz – und neue Arten erscheinen, deren Samen jahrelang im Boden geschlummert haben und die nun sofort die Gelegenheit ergreifen! Mit den Pflanzen werden Insekten abwandern und zuwandern, die als Nahrung für andere Lebewesen dienen, seien es Vögel oder Amphibien oder Kleinsäuger – denn auch von letzteren werden sich neue Arten einstellen. Bleiben Stamm oder Wurzelstock stehen, wird es auch hier bald von neuem Leben nur so wimmeln: Höhlenbrüter wie den Buntspecht sowie vieles, was sich vom Holz ernährt oder drinnen wohnt (wie Hirschkäfer, Marienkäfer, Siebenschläfer, Nachtfalter, Fledermäuse, Pilze, Moose, Flechten etc.) wirst Du beobachten können – von wegen „Totholz“…

In diesem Mikrokosmos, den Du mitgeschaffen hast, solltest Du wie eine Mutter oder ein Vater darauf schauen, dass jeder zu seinem Recht kommt. Du kennst „die Wilden“, denen Du ohne Weiteres mal einen Rückschnitt verpassen kannst, damit sie „die Zarten“ nicht verdrängen, die auch wichtig sind (z. B. als Nahrungspflanze für einen seltenen Tagfalter) – wobei dem Rückschnitt netterweise oft noch eine Nachblüte folgt. Du kennst aber auch die „Spezialisten“: Diese wachsen und gedeihen, solange alles ihren Bedürfnissen entspricht, verschwinden aber schlagartig, wenn sich die Lichtverhältnisse ändern. Und Du verhinderst, dass sich ein Nachbar durch Aussamen zu stark vermehrt. Ein gutes Beispiel für die wichtige Organisation von Licht ist der vielgeliebte Bärlauch, der wechselnde Blätterschatten braucht, im Vollschatten jeodch verkümmert und in sonniger Lage sofort die Fliege macht.

Was ist „das Richtige“?

Friedlich vereint Links die Wilden - rechts die Zahmen - wenn sie genug Sonne haben, gedeihen Tomaten bestens im Kübel

Friedlich vereint: Auf der linken Seite „die Wilden“ – rechts „die Zahmen“. Wenn sie genug Sonne haben, gedeihen Tomaten bestens im Kübel.

Ein Naturgarten, in dem „das Richtige“ blüht und fruchtet, der frei ist von Gift und der im Winter nicht „aufgeräumt“ wird, ist immer auch ein Insektengarten. Pflanzen haben (wie alles Leben) ein Hauptziel: Sie wollen sich vermehren. Da sie nicht selbst auf Partnersuche gehen können, benötigen sie vor allem Insekten, die ihren Pollen zur nächsten Pflanze tragen, um sie zu befruchten. Warum sollten sich die Insekten um die Befruchtung von Gänseblümchen, Apfelbäumen oder Wilder Möhre kümmern? Tun sie gar nicht! Der Pollen wird ihnen von der Pflanze „untergejubelt“ – auf der Suche nach dem im Blütenkelch verborgenen Nektar streifen sie den Blütenstaub ab und tragen ihn zur nächsten Blüte der gleichen Art, wo sie diese befruchten. Das nennt man in der Betriebswirtschaftslehre eine „Win-win-Situation“.

Honigbienen sammeln neben Nektar auch den Blütenstaub, um ihre Larven damit zu füttern. Viele prächtige Gartenblumen bieten den Bienen aber keinen Pollen mehr an – sie sind steril, denn die Staubblätter, die den Pollen tragen, sind bei ihnen durch züchterischen Eingriff in Blütenblätter umgewandelt worden. Das ergibt die riesigen „gefüllten“ Blüten, die zwar spektakulär aussehen, aber ohne jeglichen Nutzen fürs Bienen- und Insektenvolk sind.

Kein Pollen, keine Bienen, keine Befruchtung, keine Äpfel…

„Das Richtige“ für Insekten sind also die einfachen, ungefüllten Blüten, die Mutter Natur in überreichem Maße bereitstellt, wenn man sie nur lässt… Diesen Pflanzen muss man keinerlei Pflegemaßnahmen angedeihen lassen, sie siedeln sich von selbst an und kommen danach alleine zurecht. Sie brauchen keinen Dünger, keine Insektizide, keinen Mulch, denn die Natur lässt offenen Boden nie lange unbedeckt – und „Unkraut“ sind sie selber… Natur-Gärtnerin und -Gärtner dürfen „faul“ neben ihrer im Jahr zweimal geschnittenen Wiese liegen, in der es summt und brummt.

Froschkönig, wo ist deine Krone

Froschkönig, wo ist deine Krone?

Wo Bienen, Schwebfliegen und Tagfalter eifrig von Blume zu Blume streben, dicke Hummeln sich tief in Blütenkelche wühlen, da ist die Welt noch in Ordnung. Auf einer durch konventionelle Landwirtschaft bearbeiteten Wiese sind Blumen oder blühende Gräser und deren Samen längst Vergangenheit. Die Bauern mähen, bevor Hahnenfuß, Flockenblume, Wiesensalbei und Lichtnelke blühen, geschweige denn Samen bilden können, den Sommer über sechs bis sieben Mal. Den Rest erledigen Gülle und Maisanbau mit Pestiziden, Insektiziden und Fungiziden. Das Ergebnis: Bienen und andere Insekten hungern, Falterraupen finden keine Nahrung und keinen Platz mehr zum Verpuppen. Das Verschwinden der Insekten bedeutet das Verschwinden der Singvögel, Amphibien und Kleinsäuger, die sich von Insekten ernähren. Diese Lücke in der Nahrungskette hat auch für große Vögel und Säugetiere gravierende Folgen.

Naturgärtner sind Lebensretter

Ein Naturgarten, in dem „das Richtige“ blüht, aussamt und fruchtet, in dem es summt und brummt, der im Herbst nicht „aufgeräumt“ wird, ist ein Paradies für kleine Säugetiere und Vögel – und das zu jeder Jahreszeit. Hören wir auf, die Natur in Nutzpflanzen und „Unkraut“ aufzuteilen! Verzichten wir auf den Laubbläser! Lassen wir Abgeblühtes über den Winter stehen! Lassen wir dem Star den Kirschbaum, den Amseln den Apfelbaum, dem Eichelhäher den Nussbaum!

Es ist Zeit zum Umdenken!

Was man gestern verächtlich „Unkraut“ nannte, entpuppt sich als wirkungsvolle Heilpflanze und/oder kulinarisches Highlight. Ich sage nur: „Giersch“ und „Bärlauch“ – nur wenige wissen noch, dass man die meisten Wildpflanzen oft von der Wurzel bis zum Samenkorn essen kann und dass man für ihre wertvollen Inhaltsstoffe in der Apotheke viel Geld hinlegen müsste.

Akelei

Ob Akelei (Foto), Veilchen, Malve, Heckenrose, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Königskerze oder Taubnessel – sie alle sind heute wieder häufiger in der Küche anzutreffen.

Ob Akelei, Veilchen, Malve, Heckenrose, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Königskerze oder Taubnessel (um nur einige der bekannteren zu nennen), ob Mädesüß, Engelwurz, Spitzwegerich, Nachtkerze, Wasserdost, Wilder Lauch und Schafgarbe (die vielleicht nicht jeder kennt) – sie alle haben heilende Wirkung und bereichern durch Geschmack und Schönheit unsere Küche. In ihrem Gefolge haben sie Farben, Düfte, Vogelzwitschern, Bienengewusel, Hummelgebrumm, Grillenzirpen, Schmetterlingsgeflatter, Käfersurren, Samengestöber und Glühwürmchenleuchten. Das Wunderbare ist, dass man die meisten dieser Gartengäste nicht großartig einladen muss: Sie kommen von selber – wenn wir sie nur lassen…

Bini Katz

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4 Kommentare bei "„Mein schöner wilder Garten“: Natur und Garten sind kein Widerspruch!"

  1. Melanie sagt:

    Super Artikel! Unserer Garten besteht aus ca. 3 kleinen Wiesen, wobei wir eine wild wachsen lassen. Unsere Kinder lieben diese wirklch sehr.
    Dazu muss man auch weniger Rasen mähen, ein schöner Nebeneffekt *g*.

    Liebe Grüße, Melanie.

    • Bini Katz sagt:

      ich hoffe, sie spielen nicht auf der wiese? denn wenn die pflanzen hoch sind, zerstört man viel beim hineingehen. aber man kann sie anschauen und interessante dinge lernen und zum spielen auf rasenplätze gehen.
      rasen mähen ist viel leichter als wiese mähen, finde ich – da blutet mir immer das herz!

  2. Joey sagt:

    Super Artikel. Und schöne Einstellung. Freut mich zu sehen. Gute Bild und Wortwahl!

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