Die unterschiedliche Behandlung der Flüchtlingsproblematik dies- und jenseits der Grenze

Bayerischer Wald/Šumava. Wir schreiben das Jahr 2015. Ein Jahr, das in den Geschichtsbüchern sehr wahrscheinlich einmal das Wort „Flüchtlinge“ symbolisieren wird. Ein Thema, das nahezu die ganze Welt „bewegt“ – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie allseits bekannt, zählt zu den schlimmsten aller Emotionen die Angst. Und momentan können wir mit eigenen Augen beobachten, was Angst in Verbindung mit Vorurteilen verursachen kann. Millionen von Menschen sind auf der Flucht, verlassen ihre Heimat, weil sie Angst vor grausamen Unmenschen haben, die andere aus niederen Beweggründen hinrichten. Angst haben im gegenwärtigen Europa jedoch auch viele weitere Menschen. Menschen, die Angst vor Menschen haben, die aus Angst fliehen. Die Angst greift über, ist ansteckend, breitet sich aus wie ein Virus. Angstspirale nennt man das. Die Folge: Die ursprünglichen Verursacher des Angstgefühls in Syrien und im Irak töten nicht nur die Menschen in ihren Heimatländern, sondern auch in Frankreich, Amerika oder anderen Ländern, in die die Flüchtlinge (aus Angst) fliehen.

„Sie haben aus Angst ihren Kopf in den Sand gesteckt“

Eine weitere Form der Angst entsteht somit auch innerhalb der europäischen Bevölkerung, die zu Kurzschlussreaktionen und intoleranten Lösungen führt. Viele Menschen warnen davor, was der Radikalismus auf verschiedenen Ebenen verursachen kann. Man kann sagen, dass wir momentan in einer Falle aus Angst und Vorurteilen feststecken. Wir werden von ihnen mehr und mehr vereinnahmt und in Schach gehalten. Wir sollten jedoch nach vorne schauen – und uns nicht fürchten vor dem, was da noch kommen mag. Wir sollten uns mit vereinten Kräften gegen die Angst stellen – und Vorurteile abbauen.

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Über Jahrzehnte hinweg trennte Stacheldraht die bayerischen von den tschechischen Nachbarn. Ein Thema, das die beiden Länder nun erneut spaltet, ist die unterschiedliche Flüchtlingspolitik.

Deshalb hat sich das Onlinemagazin „da Hog’n“ gemeinsam mit seinem tschechischen Partnerportal sumava.eu dazu entschieden, die Bürgermeister dies- und jenseits der bayerisch-tschechischen Grenze stichprobenartig zur derzeitigen Flüchtlingssituation zu befragen. Doch auch hier hat die Angst offenbar ihre Wirkung hinterlassen, denn: Auf tschechischer Seite waren alle von uns angeschriebenen Volksvertreter nicht bereit, auf unseren kurzen Fragenkatalog zu antworten. Angefangen vom Prachatizer Bürgermeister Martin Malý über die Bürgermeisterin von Vimperk (Winterberg), Jaroslava Martanová, bis hin zu Sušices Rathaus-Chef Petr Motl. „Sie haben aus Angst ihren Kopf in den Sand gesteckt“, kommentieren die Macher von sumava.eu enttäuscht. Hinter deren Schweigen verbirgt sich vermutlich die Angst davor, un-menschlich zu erscheinen. Offenbaren zu müssen, wie wenig politisches Interesse daran besteht, im Sinne eines einheitlichen Europas der Flüchtlingsproblematik zu begegnen. Deshalb kommen im Folgenden ausschließlich die Vertreter der bayerischen Seite zu Wort, die, wie die tschechischen Kollegen befinden „somit ihre Transparenz unter Beweis stellen und vor allem deutlich zeigen, dass sie – im Gegensatz zu ihren tschechischen Amtskollegen – keine Angst vor irgendwelchen Reaktionen haben“.

Anmerkung: Der Sinn dieser grenzüberschreitenden Erhebung war es nicht, zu kritisieren. Das Ziel war und ist es, sich beiderseits des Böhmerwaldes besser zu verstehen.

 

„Sinnvoll wäre eine einheitliche Flüchtlingspolitik in ganz Europa“

(Heinz Pollak, Bürgermeister von Waldkirchen)

Wie viele Flüchtlinge sind derzeit in Ihrer Gemeinde untergebracht?

Etwa 65 unbegleitete Minderjährige im Schwesternwohnheim und in der ehemaligen Förderschule. (Stand: Oktober 2015)

Offen gefragt: Wie bewerten Sie die unterschiedliche Flüchtlingspolitik der Regierungen in Prag und Berlin?

Sinnvoll wäre eine einheitliche Flüchtlingspolitik in ganz Europa.

Bürgermeister Heinz Pollak Waldkirchen (3)

„Die Vertreibung nach dem Krieg der Sudetendeutschen kann meiner Meinung nach nicht mit den heutigen Flüchtlingen verglichen werden.“

Den Bayerischen Wald und den Böhmerwald eint geschichtlich betrachtet das Thema Flucht & Vertreibung. Denken Sie, dass das eher ein Vorteil oder eher ein Nachteil für den Umgang mit Flüchtlingen ist?

Die Vertreibung nach dem Krieg der Sudetendeutschen kann meiner Meinung nach nicht mit den heutigen Flüchtlingen verglichen werden.

Was glauben Sie: Wie kann das Flüchtlingsproblem innerhalb der EU gelöst werden?

Es kann nur durch eine einheitliche Lösung aller EU Staaten gelöst werden.

 

„Es kommt teils zu eindeutigen, inakzeptablen Rechtsverstößen“

(Dr. Olaf Heinrich, Bürgermeister von Freyung)

Wie viele Flüchtlinge sind derzeit in Ihrer Gemeinde untergebracht?

24 Eritreer im Stadtzentrum von Freyung, durchschnittlich knapp 350 Personen auf dem Geyersberg (Stand: Oktober 2015). Durch immenses ehrenamtliches Engagement klappt die Integration der Flüchtlinge aus Eritrea sehr gut. Durch die kurze Aufenthaltsdauer der Personen in der ehemaligen Klinik Wolfstein ist eine Integration nicht möglich.

Offen gefragt: Wie bewerten Sie die unterschiedliche Flüchtlingspolitik der Regierungen in Prag und Berlin?

Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass sich benachbarte Länder, die alle der Europäischen Union angehören, so unterschiedlich handeln. Teilweise kommt es zu eindeutigen Rechtsverstößen, die ich für inakzeptabel halte.

Den Bayerische Wald und den Böhmerwald eint geschichtlich betrachtet das Thema Flucht & Vertreibung. Denken Sie, dass das eher ein Vorteil oder eher ein Nachteil für den Umgang mit Flüchtlingen ist?

Sicherlich ist dies ein Vorteil – wobei die heutige Situation nicht vergleichbar ist mit der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Umzug innerhalb der Kreisstadt Freyung? Der neu gewählte Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich.

„Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass sich benachbarte Länder, die alle der Europäischen Union angehören, so unterschiedlich handeln.“

Gibt es irgendeine eine Form der grenzüberschreitenden Koordination zwischen den größeren Städten Prachatitz, Vimperk, Sušice, Freyung, Waldkirchen, Grafenau, Regen, Zwiesel etc. hinsichtlich der Flüchtlingsfrage. Tauscht man sich aus?

Mit den Verantwortlichen in Vimperk und Budweis habe ich jüngst Gespräche geführt.

Was glauben Sie: Wie kann das Flüchtlingsproblem innerhalb der EU gelöst werden?

Ein erster Schritt wäre, die gültigen Rechtsnormen auch tatsächlich anzuwenden. Zweitens muss unbedingt Geld der EU zur Finanzierung der Flüchtlingslager beispielsweise in der Türkei fließen. Drittens wären Flüchtlings-Anlaufstellen an der EU-Außengrenze, in denen schnell entschieden wird, wer asylberechtigt ist und wer nicht, ein sehr wichtiges Instrument.

Können Sie Solidaritätsprojekte/Hilfsprojekte in Ihrer Umgebung nennen, bei denen unsere Leser etwa bei der Versorgung von Flüchtlingen aktiv mithelfen können?

Das Bayerische Fernsehen hat inzwischen sieben Mal über den beeindruckenden Einsatz von Ehrenamtlichen in Freyung berichtet. Darüber hinaus verzeichnen wir eine immense Spendenbereitschaft bei Kleidern und Schuhen.

 

„Deutschland kann nicht die ganze Welt retten“

(Franz Wittmann, Bürgermeister von Viechtach)

Wie viele Flüchtlinge sind derzeit in Ihrer Gemeinde untergebracht?

Wir haben im Moment in der Viechtacher Peterstraße 20 Asylsuchende – und in Neunußberg in der Pension Brandl 72 Asylsuchende (Stand: Oktober 2015). Von den 92 Personen kommen ca. 60 aus der Balkanregion – hierbei gestaltet sich die Integration etwas schwierig, da wenig Interesse besteht. Die restlichen Personen kommen aus Kriegsgebieten und sind sehr gut integriert. Es arbeiten sieben Personen im Bauhof, eine Person macht eine Ausbildung als Bäcker und ein weiterer als Elektriker, vier Personen arbeiten in einer Baumschule und zwei bei der Firma Rehau. Sie sprechen auch alle sehr gut Deutsch.

Offen gefragt: Wie bewerten Sie die unterschiedliche Flüchtlingspolitik der Regierungen in Prag und Berlin?

Die unterschiedliche Flüchtlingspolitik bewerte ich sehr kritisch, den es sollten sich alle Länder der EU dem Problem gleichermaßen stellen – und Deutschland kann nicht die ganze Welt retten und finanzieren. Irgendwo sind Grenzen.

franz wittmann

„Vor allem Tschechien gibt hier aus meiner Sicht ein ganz schlechtes Bild ab.“

Den Bayerische Wald und den Böhmerwald eint geschichtlich betrachtet das Thema Flucht & Vertreibung. Denken Sie, dass das eher ein Vorteil oder eher ein Nachteil für den Umgang mit Flüchtlingen ist?

Ich denke es sollte ein Vorteil sein – aber viele Länder stellen sich nicht der Verantwortung. Vor allem Tschechien gibt hier aus meiner Sicht ein ganz schlechtes Bild ab.

Was glauben Sie: Wie kann das Flüchtlingsproblem innerhalb der EU gelöst werden?

Es kann nur eine gemeinsame Lösung geben, bei der alle – je nach Einwohnerzahl – die gleichen Lasten tragen. Es müssen die Probleme in den Krisenländern angepackt und dort Hilfen eingerichtet werden.

Können Sie Solidaritätsprojekte/Hilfsprojekte in Ihrer Umgebung nennen, bei denen unsere Leser etwa bei der Versorgung von Flüchtlingen aktiv mithelfen können?

Deutschkurse sowie Betreuung der Asylsuchenden aller Art. In Viechtach gibt es einen Arbeitskreis Integration, bei dem sich alle Beteiligten einbringen können.

Gibt es etwas, das Sie Ihren Amtskollegen auf tschechischer Seite hinsichtlich der Flüchtlingsfrage mitteilen möchten.

Endlich die gleiche Verantwortung zu übernehmen wie wir hier in Bayern.

Umfrage: da Hog’n/sumava.eu

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