Franz Alt: „Sie hängen noch immer am Tropf von RWE und Eon“

Baden-Baden. Journalist, Buchautor und Umweltexperte Franz Alt beschäftigt sich seit vielen Jahren mit einem Thema, das bei allen derzeitigen Terrormeldungen, Wirtschaftsskandalen und weltweiten Konfliktherden aktueller und akuter denn je ist: Der Klimawandel, einhergehend mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien. Als Verfechter von Solar-, Wind- und Wasserkraft setzt sich der 77-Jährige mit Vehemenz für ein Umdenken in der Energiepolitik ein – und fordert immer wieder die Abkehr von fossil-atomaren Energieträgern. Er ist überzeugt: „Wenn wir so weitermachen wie bisher und alles verbrennen, was noch im Boden ist, dann wird unser Planet unbewohnbar.“ Ein großes Problem bei der Energiewende sieht Franz Alt, wie er im Hog’n-Interview verrät, in der fast schon verzweifelt wirkenden Gegenwehr der großen Energiekonzerne – und der Unfähigkeit vieler Politiker, sich aus deren Einflussbereich zu befreien.

„Jetzt muss möglichst rasch der Kohleausstieg organisiert werden“

„Er plant den Einstieg in eine solare Weltrevolution“ ist bei Wikipedia über Sie zu lesen. Wie weit ist Ihr Plan fortgeschritten, Herr Alt?

2014 war der Wendepunkt. Im letzten Jahr wurden weltweit erstmals mehr Investitionen in erneuerbare Energie getätigt als in die alten fossil-atomaren Energieträger. Die Relation war 280 Milliarden Dollar zu 225 Milliarden zugunsten der Erneuerbaren. Das lässt hoffen.

Erneuerbare Energien zählen seit jeher zu Ihren Kernthemen. Wie weit sind die Deutschen in Sachen Energiewende? Da ist doch sicher noch Luft nach oben, oder?

_Franz Alt (2)

„Sonne und Wind schicken nie eine Rechnung. Sie sind Geschenke des Himmels.“ Foto: Bigi Alt

Ja klar! 2015 werden in Deutschland 33 Prozent des Stroms erneuerbar produziert, aber erst 12 Prozent der Wärme und um die zehn Prozent der Mobilität. Wir sind also erst am Anfang der Energiewende. Das Hauptproblem in Deutschland ist jetzt die Kohleverbrennung. Nach dem Atomausstieg muss als nächstes möglichst rasch der Kohleausstieg organisiert werden. Motto: Keine Kohle für die Kohle. Das ist überhaupt kein Problem: Allein die Sonne schickt uns 15.000 mal mehr Energie als die gesamte Menschheit heute verbraucht. Hinzu kommen die Windkraft, die Bioenergie, die Wasserkraft, die Erdwärme und die Meeresenergie.

Woran scheitert Ihrer Meinung das Projekt Energiewende? An der letzten Konsequenz? Am Durchhaltevermögen der politischen Führungsriege?

Am Widerstand der alten Energieversorger, die mit Klauen und Zähnen an ihrem alten Geschäftsmodell festhalten, obwohl sie nur noch Milliardenverluste machen. Nehmen Sie die Bürgermeister der großen Ruhrgebietsstädte. Sie hängen noch immer am Tropf von RWE und Eon. Dort haben sie ihre Aktien und halten daran fest, obwohl auch sie damit Verlust machen. Die Politiker trauen sich nicht, sich von ihren alten Geschäftspartnern und Finanziers ihrer Wahlkämpfe zu trennen – und wir Verbraucher sind nicht konsequent genug beim Umstieg von alter auf erneuerbare Energie.

Die vier alten Energieversorger benehmen sich noch immer wie Besatzungsmächte. Trotzdem gehört die Zukunft den Erneuerbaren: Sie sind für alle Zeit vorhanden – im Gegensatz zu den Auslaufmodellen Kohle, Gas, Öl und Uran. Hinzu kommt: Sonne und Wind schicken nie eine Rechnung. Sie sind Geschenke des Himmels. Und die Erneuerbaren sind umwelt- und klimafreundlich und sie verursachen so gut wie keine Folgekosten.

„Wenn wir so weitermachen, wird unser Planet unbewohnbar“

Der Klimawandel schreitet unaufhaltsam voran. Wenn Sie 40, 50 Jahre vorausschauen und eine Prognose abgeben müssten – wo steht unser Planet klimatisch zu diesem Zeitpunkt?

_Franz Alt (1)

„Angela Merkel nennt die Klima-und Energiefrage die Überlebensfrage der Menschheit.“ Foto: Guido Bergmann/bundesregierung.de

Ich bin Journalist und kein Prophet. Aber so viel ist klar: Wenn wir so weitermachen wie bisher und alles verbrennen, was noch im Boden ist, dann wird unser Planet unbewohnbar. Angela Merkel nennt die Klima-und Energiefrage die Überlebensfrage der Menschheit. Es geht um die Zukunft unseres Planeten. Das neue Buch von Professor Hans Joachim Schellnhuber heißt nicht zufällig ‚Selbstverbrennung‘.

Der VW-Skandal hat gezeigt, welch unlautere Mittel im wirtschaftlichen Wettbewerb auf Kosten der Umwelt eingesetzt werden. Wird die Menschheit daraus lernen? Und: Ist das nun die Chance für den Durchbruch der Elektromobilität?

Jede Krise ist eine Lernchance. Erst durch die Katastrophe in Fukushima sind auch die Konservativen in Deutschland aufgewacht und aus der Atomenergie ausgestiegen. In Norwegen ist das Elektroauto von Tesla bereits das meist gekaufte Auto des Landes. Auch China, Japan, Frankreich und Kalifornien sind uns beim E-Auto weit voraus. Aber dort gibt es staatliche finanzielle Anreize, um ein E-Auto zu kaufen.

„Wer das in Terrorzeiten nicht sieht, lebt nicht auf dieser Welt“

Trotz zahlreicher Ausstiegsbekundungen zählt die Atomenergie immer noch, so scheint es, zu den unverzichtbaren Energielieferanten der westlichen Wirtschaftswelt. Tschernobyl ist weit weg, Fukushima scheint schon wieder vergessen. Wie lange wird die Hinhalte-Taktik der Politik noch funktionieren? Muss erst wieder etwas Schlimmes passieren?

_Franz Alt (3)

„Der Terrorist, der plant mit einem Flugzeug in ein AKW oder gar in mehrere zu rasen, lebt längst unter uns.“

Das ist nicht auszuschließen. So sind wir halt. Der Terrorist, der plant mit einem Flugzeug in ein AKW oder gar in mehrere zu rasen, lebt längst unter uns. Der deutsche Kopilot, der vor einem halben Jahr mit seinem Flieger in eine Alpenwand raste, hätte seine Maschine genauso  in ein französisches AKW lenken können, das nur wenige Kilometer von seiner Absturzstelle entfernt war. Wer diesen Zusammenhang in Terrorzeiten nicht sieht, lebt im Wolkenkuckucksheim, aber nicht auf dieser Welt.

Hand aufs Herz, Herr Alt: Wie lange wird dieser Planet Ihrer Meinung nach noch existieren?

Die Astrophysik sagt, dass unser Planet Erde zusammen mit der Sonne noch etwa vier Milliarden Jahre ganz gut leben kann. Aber wir haben die Möglichkeit, diese schöne Erde gleich mehrfach zu zerstören, sowohl durch einen Atomkrieg wie auch durch den Klimawandel… Da begegnen sich im Weltraum unsere Erde und ein anderer Planet. Dieser fragt unsere Erde: ‚Na, alte Erde,  wie geht es Dir denn?‘ Die Erde antwortet: ‚Nicht gut, ich habe homo sapiens an Bord.‘ Darauf sagt der andere Planet zur Erde: ‚Mach Dir nichts draus, das vergeht bald wieder.‘

Vielen Dank, dass Sie sie sich für uns Zeit genommen haben, Herr Alt.

Interview: Stephan Hörhammer

Print Friendly
Da Hog'n geht um!
Ja, uns gibt's kostenlos. Und ja, wir sagen: Gern geschehen. Das Online-Magazin "da Hog'n" ist ein Angebot im Netzwerk der freien Presse. Wer den "Hog'n" und dessen Berichterstattung mit ein paar Cent oder gerne auch mehr unterstützen möchte, kann dies gerne tun: Ganz einfach per Paypal!

Dein Kommentar

Kommentar eintragen