Da Woid Woife – der mit den Waldtieren spricht

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Harte Schale, weicher Kern: Wolfgang Schreils beste Freunde sind die Tiere des Bayerischen Waldes.

Bodenmais. Diese Momente sind kostbar. Wertvoller als der größte Reichtum, wertvoller als alles Geld der Welt. Der große, wuchtige Mann sitzt ruhig da, wenn er über seine Lieblinge spricht. Seine eisblauen Augen und sein freundliches Lachen strahlen Behaglichkeit aus. Man fühlt sich wohl in seiner Nähe. Ähnlich ergeht es seinen besten Freunden, den Tieren im Bayerischen Wald, deren Nähe er immer wieder sucht – und auch findet. Dem 40-Jährigen eilt der Ruf eines Tierflüsterers voraus. Er ist gern in der Natur unterwegs und erfreut sich an deren Vielfältigkeit. „Ein komischer Kauz“ würden die einen sagen – „ein gemütlicher Naturbursch“ die anderen. Wolfgang Schreil aus Bodenmais, besser bekannt unter dem Namen „Woid Woife“, ist dieses G’schmatz egal. „Wos d’Leid rend, is mia wuaschd“, sagt er in seinem unvergleichlichen Dialekt, einer Mischung aus dem typischen Waidler-Boarisch, vermischt mit einer Prise Oberpfälzerisch.

Kfz-Mechaniker – „da grausamste Job, den’s gibt“

Weg vom stressigen Alltag, weg von Sorgen und Problemen, weg von den „Groaßschedln, de d’Welt regieren“. Hinein in die Ruhe, in die Stille der Wälder und die Ehrlichkeit der dortigen Lebewesen. Mit diesem Ziel macht sich da Woife immer wieder auf in „sein“ Gebiet rund um den Großen Arber – und wird so gut wie nie enttäuscht.

Dort wächst er auf, verbringt viele unbeschwerte Stunden der Kindheit mit seinem Papa, der am Lift arbeitet. Dort lernt er die touristische, aufgesetzte Seite des Bayerischen Waldes kennen; er erfährt aber auch, welch faszinierende Mischung an Pflanzen und Lebewesen in dieser Gegend heimisch ist. Liebe auf den ersten Blick, würde es wohl in einer vor Kitsch triefenden Schnulze heißen. „I bin hoid so aufg’wochsn“, sagt er heute selbst dazu. Nach seiner Schulzeit macht das Original eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker. „Da grausamste Job, den’s gibt. Noch da Lehr ha i sofort afg’head.“ Über die Bundeswehr und einen Sicherheitsdienst landet er schließlich bei einem Bestatter in Zwiesel – Wolfgang wird Totengräber.

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A g’miatlige Rund’n: Da Woid Woife (Mitte) mit Woid-Urgestein Schnupfer Xare (links) und Sepp Probst.

„Owa des dua eh nua, dass i a Geijd vadea. Do bine leider in dem System drin“, sagt er und lacht dabei herzlich. Hätte er nicht „seine“ Sabine, mit der er seit mehr als 20 Jahren glücklich verheiratet ist, würde er komplett aus dem Alltag nach Schema F aussteigen, sagt er. Er würde so leben, wie er es möchte – nach seinen Prinzipien und Vorstellungen. Und diese sind eigentlich relativ schnell zusammengefasst. „D’Leid steijnd se iwa d’Natur – und des deaf ned sa. Warum miassnd oile dem gleich’n Strom foing? Aa mid zig Millionen wiad me ned glückle wean – i zumindest ned.“

Während andere in der Kindheit ersten Diskobesuchen entgegenfiebern, geht Wolfgang Schreil lieber in den Wald. Er zieht eine gesellige Stammtisch-Runde dem bunten Club-Flair vor. Dass er damit eine Art Außenseiter ist, ist ihm egal. Er geht sogar soweit, dass er von sich selbstreflektierend behauptet, „a bissal dumm“ zu sein. „Drum hob i a nie Feaschda wean kind.“

„Er liebt, empfindet und kämpft nur mit voller Energie“

Nein, als „unterbelichtet“ oder „dumm“ kann man den Woid Woife beim besten Willen nicht bezeichnen. Zwar wirkt er mit seinem Trachtenhut, dem karierten Hemd und seinem Vollbart etwas altbacken. Seine Wortwahl und auch seine Ansichten machen jedoch deutlich, dass der 40-Jährige weiter denkt, als über den Horizont des Bayerischen Waldes hinaus. Dass er das große Ganze im Blickfeld hat. Zwar gibt er an, neben der Natur keine weiteren Interessen zu haben. Dennoch kann er sich kritisch mit seinem Gegenüber über das aktuelle Weltgeschehen auseinandersetzen. „Es is doch immer s’Gleich: De, de koa Ahnung hamd, entscheid’nd – und meistens geht’s ums Geijd.“

Er denkt immer wieder an die Worte seiner längst verstorbenen Mutter, die ihn als kleiner Bub bereits ermahnt hat, dass er noch oft in seinem Leben enttäuscht werden würde. „A rieß’n Lügengebilde – iwaroid“, legt er noch einmal nach – seine Stimme fängt dabei zu grant’ln an. Diese Tatsachen – die er nicht ändern kann, aber möchte – können den ansonsten scheinbar in sich ruhenden Mann derart aufwühlen, dass ihn sogar schon „da Herrgott zur Ansicht“ holte. „Egal, was er macht, er macht es immer mit vollem Einsatz. Er liebt, empfindet und kämpft nur mit voller Energie“, beschreibt ihn seine Frau Sabine. Die Folgen: Ein leichter Schlaganfall sowie Herzrhythmusstörungen.

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Eins seiner Lieblingsbilder: Diesen balzenden Auerhahn hat da Woid Woife selbst mit seiner Kamera „eingefangen“.

Die Krankheit – ein Thema, über das da Woid Woife augenscheinlich nur ungern spricht. Sein ansonsten freundlicher Gesichtsausdruck wird dabei traurig und mit Sorgenfalten überdeckt. Da erzählt er lieber vom Woid, von seiner Heimat. „Es is scha traurig. D’Waidla kenand in Italien jed’n Fleg – und in earana Hoamat nix.“ Die Gesetze der Natur lassen sich dabei seiner Meinung nach direkt auf das Zusammenleben der Menschen umlegen. Einen respektvollen Umgang und Ehrlichkeit sind seiner Meinung nach Dinge, die man sich von den Tieren durchaus abschauen kann. „Und da Mensch kann aa na ebbs, wos’d Viecha ned kinand: Erbarmen zoing.“ Deshalb ist er, wie man aufgrund seiner Einstellung vermuten möchte, auch kein Vegetarier. „Aa a Greifvogel suachd a Beute.“ Wolfgang Schreil ist jedoch wichtig, dass sein Mittagsbraten ohne Stress, also „in Würde“ umgebracht worden ist. „A sauwas Schweinas“ – do sogt da Woife nia ned „Na!“.

„Fia manchen bine ebbs wia da Mühlhiasl“

Dennoch hat er eine besondere Beziehung zu den Tieren, ja fast schon eine mystische. In seiner Heimat Bodenmais und Umgebung wird im nachgesagt, ein Tierflüsterer zu sein. „Jaja, fia manche bine ebbs wia da Mühlhiasl„, bestätigt da Woid Woife. Von übersinnlichen Kräften möchte er aber nicht reden, obwohl immer wieder Dinge passieren, die er sich selbst nicht erklären kann. „Viecha hand a G’schenk der Natur“, ist er sich sicher. „Seg eh ui, geh i ned auf se zua, sondan woat o, wos se doand.“ Und genau hier sieht er sein Geheimnis begründet. Stundenlang sitzt er oftmals im Wald, beobachtet die dortigen Lebewesen – und lässt ihnen Zeit. Manchmal sei es bereits vorgekommen, dass er am Morgen, auf dem Weg in die Arbeit, ein Rehkitz auf einer Wiese entdeckte. Er hat den Wagen angehalten und sich dem Tier genähert. Dass er deshalb erst später seinem Job nachgehen kann, ist ihm in diesen Momenten egal. Denn: Mit Zeit und Ruhe schafft er es, den „Viechan“ das Vertrauen abzugewinnen. Kein Hokuspokus, sondern einfach ein Verstehen, ein respektvoller Umgang mit den Tieren.

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Freunde für’s Leben: Im Woid ist Wolfgang Schreil glücklich – ohne Handy, ohne Stress, ohne Probleme.

Generell vermisst Wolfgang Schreil in der heutigen Gesellschaft den Respekt. Das Miteinander wird seiner Meinung nach immer distanzierter, komplizierter, aggressiver. Auch der Stolz auf die Heimat, auf die Tradition lasse immer mehr nach. „Zum Aldi miassn’s Stegglschuah aleng, Ohrringl hamds so grouße, dass se a Papagei einesitzn kann – des basst doch oise nimma zam.“ Die Schnelllebigkeit, das Unpersönliche, das Aufgesetzte – Dinge, mit denen er einfach nicht fertig wird. Ein Thema, mit dem da Woid Woife wieder nicht abschließen kann. Er lässt es zu nahe an sich ran. Und diskutiert es – wie sollte es auch anders sein – mit voller Energie. Umso mehr er über die Probleme der kränkelnden Gesellschaft redet, desto wichtiger werden für ihn die besonderen Momente mit seinen Lieblingen in seinem Woid. Denn dort ist da Woid Woife glücklich – ohne Handy, ohne Stress, ohne Probleme.

Helmut Weigerstorfer

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6 Kommentare bei "Da Woid Woife – der mit den Waldtieren spricht"

  1. Peter sagt:

    Die traurige Ironie des Ganzen ist ja, dass in Wahrheit wir in unserer künstlichen Welt die Außenseiter sind. Wenns drauf ankommt und wir im Wald ausgesetzt werden würden, unsere Lebenszeit würde da draußen vielleicht ein paar Stunden betragen ohne Handy, Auto, Modetrends und Fraß vom McKotz. Ja, wir sind die komischen Vögel, nicht der Woife.

  2. Anne Eschenlohr sagt:

    I bin richtig froh, dass es Menschen wia den Woid Woife gibt!

  3. Bernd Kupplung sagt:

    RESPEKT, ein absolut ehrlicher und gerader Mensch. Schade ist nur, dass solche Menschen an der Verlogenheit und Falschheit ihrer Mitmenschen fast zerbrechen. Peter hat absolut recht, WIR sind die komischen Vögel, leider.
    Ich wünsche Woife alles Gute, bleib wie Du bist.

  4. Woid Woife sagt:

    Möchte mich bei da Hogn und vor allem bei Helmut herzlich bedanken. Sehr überrascht und erfreut bin ich über die netten Kommentare von Peter, Anne und Bernd. Sich überhaupt öffentlich zu äußern fällt den Menschen schwer, und dann noch für einen völligen Außenseiter wie mich…. Vielen lieben Dank. Es tut Gut wenn man für einige kein Spinner ist. Wünsche Euch alles Gute und denkt immer daran- habt Respekt, Ehrfurcht und Demut vor jedem Leben. Liabe Griaß Woid Woife

  5. Hans sagt:

    Leider wird man schief angeschaut , wen man sich nicht so verhält wie es sich die Geselschaft vorstellt . Ich bin auch gerne alleine im Wald unterwegs und beobachte die Tiere und mir ist auch die gesamte Natur sehr wichtig . Aus diesem Grund kann ich den Woid Woife sehr gut verstehen .
    Ich wünsche dem Woife auf seinem weiteren Lebensweg alles alles gute !

  6. Jürgen sagt:

    Ich habe letztes Wochenende Artikel über den „Tierflüsterer“ gelesen und bin begeistert, dass es in unserer schnelllebigen Zeit Menschen gibt die sich mit so wichtigen Dingen wie der Natur befassen. Trotz der Erkrankung wünsche ich ein langes und erfülltes Leben in der bayerischen Heimat. Jede Stunde im Wald ist tausend mal mehr wert als alle anderen Dinge. Es War über viele Jahre die schönste und intensivste Entspannung die ich erleben durfte. Viel Freude weiterhin in der Natur.

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