„Love it, change it – or leave it“: Frankenberger tritt aus der ÖDP aus

Passau/Linz. Sebastian Frankenberger wirkt aufgeräumt, erleichtert. Eine belastende, aber auch schöne Zeit liegt hinter ihm, wie er im Interview mit dem Onlinemagazin „da Hog’n“ erzählt. Seit 2004 gehörte der 33-Jährige der ÖDP an, war von 2010 bis 2014 Bundesvorsitzender der Ökologisch-Demokratischen Partei. Nun, nach Erfolgen wie dem Volksentscheid „Nichtraucherschutz“ in Bayern und Niederlagen wie der ausbleibenden Bestätigung als Parteivorsitzender im vergangenen Jahr, verabschiedet sich der Passauer von der Politik-Bühne. Er gibt sein Parteibuch zurück. Im Gespräch mit den Hog’n-Redakteuren Helmut Weigerstorfer und Stephan Hörhammer begründet er diesen Schritt und blickt auf ereignisreiche Jahre zurück. Außerdem kritisiert er den Wandel seiner früheren Partei ÖDP. Offen und ehrlich – wie gewohnt.

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Ist ab sofort nicht mehr Mitgliedschaft der ökologisch-demokratischen Partei (ÖDP): Sebastian Frankenberger.

 „Und trotzdem wird weiterhin übelst nachgetreten“

Herr Frankenberger, Sie haben beschlossen, aus der ÖDP auszutreten. Warum dieser Schritt?

Der Parteitag ist sehr unschön verlaufen. Alle Seiten hatten im Vorfeld beteuert, dass es keine Schlammschlacht geben soll – doch genau das war der Fall. Es gab Angriffe auf mich, die unter der Gürtellinie verlaufen sind und mich noch lange Zeit danach beschäftigt haben (überlegt). Ich habe mich nach dem Parteitag jedoch zurückgehalten, keine Interviews dazu gegeben, auf Facebook keine Posts zur ÖDP veröffentlicht und auch innerparteilich komplett zurückgenommen.

Und trotzdem wird weiterhin übelst nachgetreten. Irgendwann ist da eine Grenze erreicht, auch für mich. Ich schütze mich selber – in der ÖDP gibt es gerade eine gewisse Sündenbockmentalität. Der Frankenberger hatte immer schuld, egal was und wo läuft. Mir liegt noch immer sehr viel an der ÖDP, an deren Programm. Mit meinem Rückzug möchte ich der Partei aber auch die Chance geben. Der Sündenbock geht. Jetzt müssen sie sich selber um ihre Probleme kümmern. Und dann kommt für einige das böse erwachen.

Die Angriffe auf Ihre Person kommen ausschließlich aus den eigenen Reihen?

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„Ich bin aufgefordert worden, mich von der ÖDP zu distanzieren – denn mein Name schade der Partei nur.“

Genau. Sie sind nicht von Rauchern oder Externen gekommen, sondern vor allem von Mitgliedern des bayerischen Landesvorstands. Ein Beispiel: Am Parteitag wird spekuliert, was ich in anderen Vereinen leiste. Es werden verleumderische Behauptungen über meine Vorstandsarbeit aufgestellt, die nicht den Tatsachen entsprochen haben… von Fairness ist da keine Rede mehr.

Darüber hinaus bin ich worden, mich von der ÖDP zu distanzieren – denn mein Name schade der Partei nur. Gleichzeitig bekomme ich aber einen Brief, in dem ich gebeten werde, doch weiterhin der Visionär zu sein, der rumfährt, Vorträge hält und die Parteivision entwickelt. Ich sollte also fast den gleichen Job machen wie vorher – doch bittschön nicht mehr in den Medien auftauchen und dafür auch kein Geld verdienen. Irgendwie passt das alles nicht zusammen.

(überlegt) Und genau diese Person, die mich auffordert weiterzumachen, behauptete im Vorfeld des Parteitages, dass ich eine Persönlichkeitsstörungen habe, dass ich psychisch krank sei – das geht einfach zu weit. Vor allem behauptet sie es nach wie vor und rechtfertigt damit, warum man mich als Bundesvorsitzender verhindern musste. Das ist Rufschädigung – und das lasse ich mir nicht bieten.

„Ich kündige, ich gebe meine Mitgliedschaft zurück“

Sie wollen also einen kompletten Schlussstrich ziehen und alles hinter sich lassen?

Auf der persönlichen Ebene, ja. Auf der sachlichen Ebene werde ich weiter die Übergabe sauber abschließen und auch mit den Mitarbeitern und vielen ÖDP-Mitgliedern nach einem gewissen Abstand sicherlich wieder einen guten Kontakt halten. Von den Inhalten her bin ich nach wie vor ein ÖDP’ler – durch und durch. Dennoch: (überzeugt) Ich kündige, ich gebe meine Mitgliedschaft zurück – und werde das Ganze weiterhin von außen beobachten. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und ziehe mich aus der deutschen Politik zurück. Auch meine Vorstandschaftstätigkeit bei  „Mehr Demokratie“ lege ich nieder, weil es in Bayern immer wieder Berührungspunkte mit der ÖDP gibt. Ich habe jetzt über vier Jahre hinweg Mobbing in der ÖDP ertragen und ausgehalten. Ich habe so oft den Kopf hingehalten, Angriffe runtergeschluckt, versucht, dass über die Missstände gerade in Wahlkampfzeiten nichts publik wird –  durch meinen Rücktritt schütze ich mich jetzt. Ich brauche Abstand und mit gewissen Leuten vorerst keine weiteren Berührungspunkte.

Sie haben vorher von gewissen Personen gesprochen, die Sie immer wieder angreifen. Welche Rolle spielt dabei Ihr früherer „Ziehvater“ Urban Mangold?

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„Ich habe jetzt über vier Jahre hinweg Mobbing ertragen und ausgehalten – durch meinen Rücktritt schütze ich meine Psyche.“

Die jüngsten Angriffe mir gegenüber kommen hauptsächlich aus dem bayerischen Landesvorstand und einigen neugewählten Bundesvorstandsmitgliedern. Urban Mangold zieht im Hintergrund gewisse Strippen. Er hat einmal zu mir gesagt, ich soll Passau verlassen. Er hat mir gedroht, wenn er noch einmal meinen Namen in der Presse liest, werde er alles versuchen, meine EU-Kandidatur zu verhindern. Aber ganz ehrlich möchte nicht mehr so sehr ins Detail gehen und über das sprechen, was früher war…

Ich kann nur sagen: Liebe ÖDP’ler, derzeit liegt innerhalb der Partei einiges im Argen, was dringend analysiert und aufgearbeitet gehört. Ich werde die Partei als Außenstehender begleiten. Und so ganz wird mich die ÖDP auch nicht loslassen – immerhin bin ich erster Nachdrücker für das EU-Parlament.

Tatsächlich? Würden Sie denn den Posten annehmen?

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„Zurzeit würde ich der ÖDP bei regionalen und überregionalen Wahlen keine Stimme geben.“

Falls Dr. Klaus Buchner im hohen Alter von 74 Jahren aus gesundheitlichen Gründen irgendwann nicht mehr weitermachen möchte, bin ich der Erste, der nachrücken würde – vorausgesetzt, ich nehme das Amt an. Doch ich sag’s ganz offen: Ich stehe nicht mehr für diesen Posten bereit. Ich weiß auch nicht, wie sich die ÖDP in Zukunft inhaltlich weiterentwickelt. Die Diskussionen, die ich noch mitbekomme, stimmen mich eher bedenklich. Das Thema Gender, Homosexualität und Abtreibung läuft in eine eher christlich-fundamentalistische Richtung, die jedoch für mich überhaupt nicht jesuanisch-christlich ist, denn Jesus hätte nie so verurteilend über Menschen gesprochen.

Da steht nicht mehr der Mensch im Vordergrund. Es werden extremistische, fundamentalistische Slogans einfach so nachgeplappert – ohne sich auf der Sachebene mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Das geht eher in die Richtung Alternative für Deutschland, die auch schon mal mit uns gemeinsame Sache machen wollten.

„Ich hinterfrage mich häufig, was ich falsch gemacht habe“

Interessant. Gäbe es denn da überhaupt Schnittpunkte?

Ja, zum Beispiel bei der Europa-Politik. Die ÖDP will ein anderes Europa mit mehr Demokratie und Bürgerbeteiligung. Auch den Euro haben wir kritisch gesehen – wobei wir ihn nicht abgelehnt haben. Aber im Grunde genommen unterscheiden wir uns gänzlich. Die AfD ist so etwas wie die FDP, nur noch mehr dem Kapitalismus zugewandt. Die ÖDP sagt genau das Gegenteil, fordert eine stärkere Regulierung des Bankensystems und spricht sich gegen das immerwährende Wachstumsmantra aus. Deshalb habe ich alles dafür getan, dass wir nicht gemeinsam bei Wahlen antreten. Genauso habe ich es mit allen Mitteln verhindert, dass wir im Europa-Parlament eine gemeinsame Fraktion bilden. Doch es gibt innerhalb der ÖDP gewisse Strömungen, auch in Vorstandsämtern, die sich eine Zusammenarbeit vorstellen können, oder im gleichen Wählerpotenzial fischen wollten – und das halte ich für sehr gefährlich.

Die ÖDP wurde ja durch den Namen Frankenberger eigentlich ja erst richtig bekannt. Sie waren das Gesicht der Partei. Und plötzlich, so scheint es, werden Sie zum Sündenbock gemacht, sind das ungebliebte Kind. Wie steht es dabei um Ihre Gefühlslage?

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„Hätte ich mich besser schützen sollen? Was hätte ich anders machen sollen? Wo bin ich nicht verstanden worden?“

Ich hinterfrage mich häufig, was ich falsch gemacht habe. Gleichzeitig versuche ich zu verstehen, warum andere Personen so handeln, wie sie handeln. Hätte ich mich besser schützen sollen? Was hätte ich anders machen sollen? Wo war mein Tempo zu schnell, mein Weg doch zu radikal, polarisierend, anders? Wo bin ich nicht verstanden worden?

Gewisse Kreise haben mir vieles abgesprochen oder vorgeworfen und mich damit zum Sündenbock abgestempelt, was meiner Meinung nach eher ihre eigene Projektion auf mich gewesen ist. Klar bin ich jemand, der polarisiert und in den letzten Jahren viele Gegebenheiten und Traditionen in der Partei verändert oder zumindest hinterfragt habe. Vor allem wollte ich eine Veränderung in der Wahrnehmung von Politik. Ich kann auch mal jemanden von einer anderen Partei loben, auch im Kommunalwahlkampf, wenn seine Ansichten gut sind. Ich darf auch mal öffentlich über Probleme sprechen, denn wir alle sind nicht frei von Problemen. Ich bin neben dem politischen Führungsamt auch noch Privatperson, die in vielen Vereinen engagiert ist und auch dort aufsteht und seine Meinung sagt und wenn ich dabei einen Bischof kritisiere.

„Eine sachliche Diskussion schien unmöglich“

Dies aber auch sachlich zu erklären, warum ich das mache und was mein Ziel ist, war nicht mehr möglich. Für gewisse Kreise war das alles ein Skandal und ich sollte mich entweder nach ihnen richten oder muss als Vorsitzender entfernt werden.

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„Es war nur ein kleiner Kreis, der aber sehr geschickt agiert hat“

Auch das erste Interview mit Euch im Herbst ist bei diesen Leuten extrem aufgestoßen. Ich darf doch in der Öffentlichkeit nicht die eigene Partei kritisieren. Eine sachliche Diskussion über Medienarbeit und über meine Ziele schien unmöglich. Wir versuchten Mediationsgespräche, aber diese sind gescheitert.

Es war nur ein kleiner Kreis, der aber sehr geschickt agiert hat. Wenn von diesen Personen nur noch alles negativ gesehen und ganz bewusst auch so kommuniziert wird und falsche Behauptungen über mich aufgestellt werden, dass ich für vieles verantwortlich sei, was sie teilweise selbst verbockt hatten. Das tut weh.

(längere Denkpause) Weh tut mir zudem, dass gewisse Personen ihre Vorgehensweise wiederum nicht reflektieren. Wir sind nicht besser als andere Parteien – auch bei uns gibt es interne Machtspielchen. Es ist sogar eine gewisse Doppelmoral zu erkennen. Das alles lässt mich am politischen System generell zweifeln. Geht es denn immer nur um Macht? Auch das ist ein Grund, warum ich mich entschlossen habe, mich von der Partei-Politik zu verabschieden. Gerade wir in der ÖDP haben doch die Ethik und Moral so hoch bewertet. Haben es als zentralen ersten Punkt in unserem Grundsatzprogramm. Und dann gehen wir untereinander so miteinander um.

„Gibt es Probleme, muss man parteiinterne Reflexion betreiben“

Gibt es noch weitere Kritikpunkte?

Die ÖDP hat kein Konfliktmanagment. Tritt ein Problem auf, wird dieses ausgesessen – oder, wie in meinem Fall, ein Sündenbock gesucht. Mein Anliegen war es immer, sofort das Gespräch zu suchen. Da gab es einige Fälle in der Vergangenheit, bei denen es ähnlich gelaufen ist – wie zum Beispiel bei Dr. Olaf Heinrich.

Da immer noch nachgetreten wird, obwohl ich mich wirklich ruhig verhalten und anscheinend immer noch als Sündenbock herzuhalten habe, möchte ich mit meinem Austritt der ÖDP auch die Chance geben, dass diese Projektionsfläche des Sündenbocks fehlt. Gibt es Probleme, muss man parteiinterne Reflexion betreiben. Falls dies trotzdessen nicht passieren wird, dann viel Spaß in der Zukunft (lacht). Aber das ist dann nicht mehr mein Problem.

„Das dürfen jetzt andere lösen, das ist nicht mehr mein Problem“

Das persönliche Resümee Ihrer politische Karriere lautet also wie?

Es war eine superschöne Zeit. Ich habe viele Menschen kennen- und viel dazugelernt. Die ÖDP hat sich prächtig entwickelt – sowohl was den Bekanntheitsgrad als auch die Finanzen angeht. Wir haben die Einnahmen fast verdoppelt, obwohl mir nachgesagt wurde, ich könnte mit Geld nicht umgehen… Nein, es war eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte. Es ist aber auch gut so, dass sie nun vorbei ist. Ich habe sehr viel einstecken müssen, bin ausgelaugt. Und ich bin mir sicher: Es werden neue Aufgaben kommen.

Die ÖDP hat sich Ihren Aussagen zufolge gut entwickelt, ist bekannter geworden und steht finanziell auf gesunden Beinen. Warum, glauben Sie, wollte man Sie nicht mehr als Bundesvorsitzenden haben?

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„Unterbewusst hat es denen nicht gepasst, dass ich groß und bekannt werde.“

Hmm… das ist eine komplexe Situation. Ich habe mal versucht, alles zusammenzuschreiben, um es den Mitgliedern zu erklären und eine Chance zur Aufarbeitung zur ermöglichen. Es sind dann 19 Seiten geworden, aber leider nicht wirklich sachlich-neutral. Da war ich viel zu sehr frustriert. Das jetzt wirklich auf einen Punkt zu bringen, ohne wirklich nachtragend zu sein und zu sehr ins Detail zu gehen, ist schwer.

Wenn ich mir es einfach machen würde, dann könnte ich sagen, es war nicht die Mehrheit der Partei. Denn auf dem letzten Parteitag war es eine knappe Mehrheit von 1-2 Stimmen. Wobei die niederbayerischen Delegierten einen großen Anteil stemmen und im Vorfeld bewusst Stimmung gegen mich gemacht wurde.

Ausschlaggebend ist meine Rolle in den Medien. Ich sollte nicht polarisieren, mich nur zu ÖDP-Themen äußern, also genau nach ihren Vorstellungen, und überspitzt formuliert ein biederer braver Politiker sein. Aber wird man dadurch gehört? Waren wir es nicht als ÖDP, die immer wieder gerade in Passau und Niederbayern mit polarisierenden Aktionen auf sich aufmerksam gemacht haben. Ein Hauptproblem war auch, dass ich Aussagen zur Kirche gemacht habe und nicht nur rund um die Uhr als Bundesvorsitzender. Inzwischen dürfen das jedoch genau diese Personen machen, und tätigen auf Facebook plötzlich nur private Äußerungen. Zweierlei Maß, wie gesagt…

„Ich wollte, dass jeder sein Gesicht wahren kann“

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„Seit 30 Jahren jammert die ÖDP, dass sie nicht groß wird. Aber möchte sie das überhaupt?“

Nochmals nachgefragt: Warum, glauben Sie, wurden Sie zum Sündenbock der ÖDP gemacht?

(überlegt) Ich versuchs mal auf der psychologischen Ebene zu erklären. Weil ich versucht habe, nicht wie in den vergangen 30 Jahre weiterzumachen- sei’s beim Marketing, bei den Wahlkämpfen oder dem Image, das nach außen propagiert wird. Meine Vorgaben waren fordernd, Positionen überdenkend – eben nicht gerade bequem. Ich wollte wieder mehr Menschlichkeit in die Politik bringen. Das Spannende daran: Vor Ort bringen die einzelnen Kreisgruppen bestimmte Änderungen bestens auf die Reihe. Aber mir werden diese Dinge eben nicht zugestanden.

Seit 30 Jahren jammert die ÖDP, dass sie nicht groß wird. Aber möchte sie das überhaupt? Das ist vielleicht die psychologische Frage. Sind nicht einige in der ÖDP im Unterbewussten gegen diese Veränderungen, weil sie selbst vielleicht dann nicht mehr so wichtig wären. Weil sie mit der Rolle als Jammerer und der Rolle als Stadtrat oder Bürgermeister zufrieden sind. Geht es wirklich um das Ganze oder doch nur um das eigene Ansehen. Dies trifft jedoch wieder nicht auf alle ÖDP’ler zu und man muss genau unterscheiden, wer ist Delegierter, wer engagiert sich in Vorstandsposten, noch dazu auf welcher Ebene und wer ist nur passives Mitglied. Für mindestens 90 Prozent der ÖDP’ler halte ich nach wie vor die Hand ins Feuer und es tut mir auch leid, dass ich gehe. Dass ich sie vielleicht sogar ein Stück weit im Stich lasse.

Ich lehn mich gerade wieder weit aus dem Fenster und wahrscheinlich werden diese Kritiker sich jetzt bestätigt fühlen. Gut, dass er weg ist, weil er einfach viel zu viel mit der Presse spricht. Aber ich mache das jetzt auch bewusst. Denn dann wachen vielleicht einige in der ÖDP auf. Intern die Probleme ansprechen bringt leider oft sehr wenig. Oder selbstkritisch betrachtet, habe ich mich vielleicht auch viel zu wenig getraut, das nicht nur in Vorstandskreisen so klar zu formulieren. Aber ich kämpfe jetzt um keine Amt mehr und hoffe und kann noch freier sprechen, hoffe jedoch nicht zu sehr nachzutreten.

Spielt da auch der Neid eine gewisse Rolle?

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„Seit 30 Jahren jammert die ÖDP, dass sie nicht groß wird. Aber möchte sie das überhaupt?“

Bestimmt. Ich war ja immer der neue und junge Sekretär, Assistent oder eher der Sohn vom Alter her. Und plötzlich bin ich durch das Nichtraucherschutz-Volksbegehren bekannt und habe sie sozusagen überholt. Noch dazu hab ich bei der Organisation des Volksbegehrens neue Methoden angewandt, bin teilweise nicht auf ihre Vorschläge eingegangen.

Irgendwie das altbekannte Jung-gegen-Alt-Problem, oder?

Absolut. Es geht um die Bauernhof-Übergabe. Der Alte übergibt an den Jungen. Gewisse Kräfte in der Partei, die sich eigentlich zurückziehen wollten, versuchen nun, wieder alles zu lenken. Ich hätte hier vielleicht eher auf den Tisch hauen sollen. Ich wollte, dass jeder sein Gesicht wahren kann, dass wir offen und ehrlich miteinander umgehen. Ist das nicht möglich, ist die Politik nicht mein Metier. Das ist auch der Grund, warum ich den EU-Sitz definitiv nicht annehmen würde. Wobei: Man sollte ja niemals nie sagen.

„Ich habe mich nicht – wie so manch anderer – verbiegen lassen“

Kann man denn davon ausgehen, dass Klaus Buchner nicht die komplette Legislatur-Periode im Europa-Parlament bleibt?

Hast ’nen Opi, schick ihn nach Europi – das, was wir bei vergangenen EU-Wahlen in Pressemitteilungen an anderen Parteien immer wieder kritisiert haben, haben wir nun selber gemacht (lacht).

In gewissen Punkten schätze ich Klaus Buchner sehr und seine Weisheit im Alter ist sicherlich auch hilfreich. Nicht, dass ich jetzt hier falsch verstanden werde.

Aber aus Altersgründen wird er sicher nicht vorzeitig abtreten. Egal. Wie gesagt: Ich würde das Amt sowieso nicht annehmen. Denn ich konzentriere mich jetzt voll und ganz auf meine Selbstständigkeit. Dann plötzlich auszusteigen und nach Brüssel zu gehen, ist nicht das Wahre. Außerdem ist es nicht gewisse, ob mich die ÖDP – falls ich dann wieder Mitglied werde – nochmals aufstellt, oder ob wieder so ein unfaires Spiel wie bei der letzten Kandidatenaufstellung läuft. Ich habe auf diese Ellenbogenmetalität und diese Machtspielchen keine Lust mehr.

Deshalb an alle, die mich raus gemobbt haben: Danke, dass ihr das gemacht habt. Denn so bin ich ein glücklicherer Mensch geworden, mir geht es gesundheitlich viel besser. Ich finde es nach wie vor schade, wie es gelaufen ist, aber ich bin keinem böse, denn alles hat seinen Sinn. Es stimmt mich nur traurig, wenn sie schon mit mir so umgehen, gehen sie dann auch mit dem politischen Gegner so um. Ich wollte eigentlich genau immer etwas anderes. Oder gehört so etwas zur Politik dazu. Fein, Todfeind, Parteifreund?

Sie würden also sagen, dass Sie vom Typ her kein Politiker sind?

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„Deshalb an alle, die mich rausgemobbt haben: Danke, dass ihr das gemacht habt. Denn so bin ich ein glücklicherer Mensch geworden.“

Ich weiß, dass ich in diesem Spiel Politik mitspielen könnte – und habe es ja auch lange genug gemacht. Doch es war eher ein Anpassen an die Gegebenheiten, was den Umgang mit Medien betrifft. Ich wollte aber das Spiel anders spielen. Man kann mir sicher nicht vorwerfen, dass ich mich – wie viele andere aalglatte Politiker – hab verbiegen lassen.

Ich hätte mich nie allein aus dem Grund verändert, um an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben. Nicht nur, weil es nicht meinem Charakter entspricht, sondern auch, weil ich felsenfest davon überzeugt bin, dass eben deswegen in Deutschland derzeit eine solche Politikverdrossenheit herrscht. Ich wollte die Politik verändern – auf meine Art. Wenn das aber nicht möglich ist, muss ich mich zurückziehen. Love it, change it – or leave it.

Heißt also: An Frankenbergers Wesen könnte die Politik genesen – und niemand will’s verstehen?

(lacht herzlich) Danke für das Lob. Ob der Satz so richtig ist, kann ich nicht sagen. Wenn es Frankenbergers Wesen ist, dass man Volksabstimmungen macht, dass man offen über alles diskutiert, dann ja. Den Rest möchte ich nicht beurteilen. Ich hoffe nur, dass ich in all den Jahren immer meine grundethischen Ansätze gewahrt habe.

„Nicht die Politik muss sich ändern, sondern die Protagonisten“

Man kann raushören, dass Sie nach wie vor gerne über politische Themen diskutieren. Wird Ihnen jetzt, nach ihrem Abschied von der Politik, langweilig?

(lacht) Mein Vorsatz in der Politik hatte immer gelautet, das System von oben her zu verändern. Schaffe ich das nicht, fang‘ ich von unten her an. Und genau das mache ich jetzt auch.

Und zwar was genau?

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„Das System von oben her ändern. Schaffe ich das nicht, fang‘ ich von unten her an. Und genau das mache ich jetzt auch.“

Nicht die Politik muss sich ändern, sondern die Protagonisten. Genauso muss man endlich damit beginnen, Entscheidungen zu reflektieren. Wie schon vorher angesprochen, hat die ÖDP zuletzt viele Dinge gemacht, die sie noch vor einiger Zeit verurteilt hatte. Und dieses Reflektieren des eigenen Verhaltens beginnt nun mal im Bildungssystem, wo man es lernen sollte – weshalb der Geschäftsmann Frankenberger, der aber Einkommen immer mit Engagement verknüpfen wird, nun im Bildungsbereich aktiv wird.

Sie werden also Lehrer?

Nein, nein – keine Angst (lacht). Im Bildungssystem würde ich mit meinen anderen, unangepassten Ansichten untergehen. Respekt vor allen Lehrern, die es aus Berufung machen und das durchstehen. Ich werde künftig hauptsächlich Führungen machen – unter anderem für das Land Oberösterreich. Schulführungen in Linz. Dabei versuche ich, bereits den Jüngsten gewisse Werte zu vermitteln. Im botanischen Garten reden wir über Fairtrade und Bioprodukte, im Landtag über die Beteiligungsmöglichkeiten, im neuen Dom über Glauben und Mystik und natürlich viel über Geschichte.

Das Politisieren kann ich freilich auch nicht ganz lassen. Ich habe mich bei den nächsten Wirtschaftskammer-Wahlen in Oberösterreich aufstellen lassen, um Branchensprecher der Fremdenführer zu werden. Das Image von Gästeführern muss verbessert werden.

Dann wünschen wir Ihnen in Ihrem „neuen“ Leben alles Gute. Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Helmut Weigerstorfer und Stephan Hörhammer

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7 Kommentare bei "„Love it, change it – or leave it“: Frankenberger tritt aus der ÖDP aus"

  1. Witzig schon, dass ich aufgrund des doch maßgeblich vom ‚Fränkie‘ initiierten und durchgeführten Volksentscheids zum Nichtraucherschutz der ÖDP wieder beigetreten war. Weil ich dachte, endlich zeigt die ÖDP mal, was sie kann.
    Und dann schmeisst mich genau der große Hoffnungsträger nach keinem ganzen Jahr wieder raus. Was natürlich eine Vorgeschichte hat, die u.a. aus recht heftigem Intrigenspiel aus des (damals) neuen Bundesvorsitzenden nächsten Umfeld gewoben ist.

    Wahrscheinlich belügt er sich am meisten an der Stelle, wo es darum geht, dass er von seinem politischen Engagement auch noch (nicht schlecht) leben will, während Hunderte im Hintergrund Beiträge zahlen und/oder ehrenamtlich arbeiten sollen. Dass das für Neid sorgt, ist irgendwie klar. Und dass es da erfahrene Intriganten gibt, die diesen für ihre eigenen Spielchen zu nutzen wissen…nicht erstaunlich.

  2. Richard sagt:

    Auch ich war jahrelang Mitglied der ödp. Als ich vor über 20 Jahren eingetreten bin, war die ödp eine liberale, aufgeschlossene und progressive Partei, die vor allem den Menschen im Blick hatte. Die Entwicklung der Partei in den letzten 5 Jahren war erschreckend, genau wie Frankenberger sagt, nehmen fundamentalistische Strömungen deutlich zu, leider nicht nur in der ödp.
    Die ödp hat mit Frankenberger seinen Zenit erreicht.
    Was mich sprachlos macht, ist die Tatsache, dass bereits überwunden geglaubte, altbackene Ansichten aus dem letzten Jahrhundert plötzlich wieder mit einer Naivität und Dreistigkeit propagiert werden, die einem Erschaudern lässt!

    • Es ist schon dreist, der ÖDP pauschal „Naivität und Dreistigkeit“ vorzuwerfen, ohne ein einziges Beispiel zu nennen – und das auch noch anonym. Diese Art von Unsachlichkeit ist wohl kaum zu übertreffen.

  3. Werner Rother sagt:

    Frankenberger scheint in einer anderen ÖDP gewesen zu sein, als ich (noch immer) bin. So ist mir nichts über Absichten bekannt mit der AfD zusammenzuarbeiten und auch nichts über einen katholischen Fundamentalismus. Davon steht auch auch nichts im Parteiprogramm.

    Mag ja sein, daß es in der Partei Leute gibt, die so etwas wollen (die gibt es immer), aber die sind weit von einer Mehrheit entfernt. Mag auch sein, daß es einzelne Leute gibt, die gegen Frankenberger eine Art Krieg führen, aber das sind persönliche Dinge und nicht die Partei.

    Fakt ist jedenfalls, daß Frankenberger beim letzten Parteitag nicht mehr als Vorsitzender gewählt wurde, und zwar in einem ganz normalen demokratischen Akt. Wo waren da die 90%, für die er “die Hand ins Feuer legt”? Alle verführt von einer Verschwörerbande??

    Als Vorsitzender hatte Frankenberger alle Möglichkeiten direkt mit der Mitgliedschaft zu kommunizieren -und die hat er auch genutzt.
    Von seinen Feinden habe ich keine mails oder Briefe erhalten, die ihn irgendwie anschwärzen.

    Könnte es sein, daß er so von sich überzeugt ist, daß er andere Meinungen und demokratische Ablehnung nicht verträgt und sie sich nur mit Verschwörungen erklären kann?

  4. Ron Blu sagt:

    Auf generelles Hausverbot in der Gastro folgt für Frankenberger nun ein erzwungener Parteiaustritt. Sehr gut! Und hoffentlich erhalten seine Pläne für Oberösterreicht auch eine entsprechende Abfuhr. Darf ich noch ein Taschentuch reichen? Natürlich nicht, ohne vorher eine kräftige Qualmwolke reingeblasen zu haben…

    • Nichtraucher sagt:

      Da nennt sich jemand „Ron Blu“? Fein, dann nennt mich „Nichtraucher“.

      Hat Ron Blu eigentlich begriffen, was er durch das Rauchen seiner Familie antut? Erst mal wird er viele Kinder bekommen. Jedenfalls, solange er mit Kondom verhütet. Nicht, dass die Kondome nichts taugen, aber bei Rauchern rutschen sie gerne mal unbemerkt ab…. Die Lebenserwartung sinkt für aktive Raucher dramatisch von 87 Jahren auf 60 bis 70 Jahre (das muss nicht Lungenkrebs sein, es gibt viele andere Krankheiten, die mit dem Rauchen in Zusammenhang gebracht werden), mit 59 fängt das Sterben der aktiven und der ehemaligen Raucher an. Das heißt, die Enkelkinder müssen gerade in dem Alter, in dem sie Erwachsenenkontakte außerhalb der Familie brauchen, einen „Ersatzopa“ suchen. Als nächstes sind die Kinder (Töchter) dran und müssen sich um die hinterbliebene Ehefrau des Rauchers kümmern, sie versorgen, den Umzug ins Altersheim managen und die Wohnung ausräumen. Weil die rauchenden Gatten natürlich kein Konzept für den Fall erarbeitet haben, dass sie erwartungsgemäß 20 (in Worten zwanzig) Jahre vor ihrer Frau das Zeitliche segnen. Der Wunsch, gemeinsam alt zu werden wird zur Illusion und der früher Tod zur Belastung für zwei Generationen Angehörige. Soviel zu Leuten, deren einzige Argumente aus „kräftigen Qualmwolken“ bestehen.
      Glücklicherweise können alle Raucher gegensteuern, indem sie mit dem Rauchen aufhören und ab sofort die Blutgefäße pflegen. Die Faustregel lautet: fünf mal in der Woche mindestens 30 Minuten am Stück gehen. Das kann die Chancen erhöhen, gemeinsam mit der Partnerin alt zu werden. Die Enkel hätten mehr vom Großvater und die Kinder könnten Vollzeit arbeiten und dabei etwas Geld für den eigenen Ruhestand zurücklegen, weil sie sich nicht um die Mutter kümmern müssten.
      Mehr über das Schritte sammeln auf den Seiten der Deutschen Herzstiftung.

      Sebastian Frankenberger wünsche ich viel Glück, er soll sich nicht verbiegen lassen und sich statt dessen ein „dickes Fell“ antrainieren.

  5. windrebell sagt:

    Eigentlich hat Frankenberger der ÖDP viele Stimmen gebracht und viele finden
    es schade daß er die Partei verlässt. Auch ich bin damals von der CSU „gegangen“ worden und habe politisch meine Heimat in der ÖDP gefunden,
    wo ich meine energiepolitischen Vorstellungen verwiklichen konnte. Aber eines
    Tages wird man halt nicht mehr gebraucht. Ich finde die Arbeit der ÖDP in den
    Gemeinden und im Kreistag immer noch gut, aber für den Landtag und den
    Bundestag sind die Stimmen für die ÖDP verlorene Stimmen. Und in letzter
    Zeit hört man von der ÖDP sowieso icht mehr viel, außer vom Urban Mangold.

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