Wohnen neben den Asylbewerbern oder: „Mister Charly’s office is open!“

Karl Schönberger, genannt "Mister Charly", ist eine wichtige Anlaufstelle für die Nöte und Sorgen der Asylbewerber.

Karl Schönberger, genannt „Mister Charly“, ist eine wichtige Anlaufstelle für die Nöte und Sorgen der Asylbewerber.

Ruhmannsfelden. Karl Schönberger kommt gut gelaunt zum Gartentor. Die Sonne scheint. Sein ansehnliches, zeitloses Haus steht direkt gegenüber der dezentralen Asylbewerberunterkunft, die vor knapp drei Jahren in der ehemaligen, kleinen Pension „Haus Lore“ eingerichtet wurde – unerwartet wurde er zum wichtigsten Vertrauten der etwa 30 wechselnden Bewohner. Er hilft, wo immer er kann, versucht Lösungen für deren unmittelbare Probleme zu finden. Im Gegenzug erzählen die Asylbewerber dem offenherzigen Rentner, der selbst Vater und Großvater ist, ihre Geschichten. Sie handeln von Flucht, Vertreibung, Gewalt und Krieg. Doch geben sie ihm für seine Hilfe vieles zurück: echte, ungekünstelte Dankbarkeit und Erlebnisse der besonderen Art. Wahre Freundschaften entstehen.

„Ich hatte keine Berührungsängste, das ist völlig normal für mich“

Von der Terrasse der Schönbergers aus kann man auf die Fenster der Unterkunft blicken. Der gesellige 72-Jährige gießt Wasser ein und erzählt recht schnell die ein oder andere Anekdote aus seinem abenteuerlichen Leben als Fluglotse bei der Bundeswehr – im Hintergrund dringt Stimmengewirr aus der einstigen Pension. Hin und wieder läuft ein Schwarzafrikaner am Zaun vorbei. „Das ist eine Multi-Kulti-Gesellschaft da drüben, Afrika bunt gemischt sozusagen – und viele Araber“, erklärt der Ruhmannsfeldener. Auf die Frage, ob er das anfangs komisch oder unangenehm gefunden habe, dass gegenüber Ausländer einziehen, winkt er ab. „Ich hatte keine Berührungsängste, das ist inzwischen völlig normal für mich. Im Gegenteil, ich sehe das nicht mehr bewusst, dass mir ein Schwarzafrikaner gegenüber sitzt.“ In seinem Job ist er viel im Ausland gewesen. Er wirkt völlig unbefangen und vorurteilsfrei.

Mr Charly schaut oft und gerne bei den Asylbewerbern vorbei, auch wenn sie gerade keine Probleme zu lösen haben

„Mister Charly“ schaut oft und gerne bei den Asylbewerbern vorbei, auch wenn sie gerade keine Probleme zu lösen haben.

Eines Tages klingelte ein Bewohner aus der damals neu eingerichteten Unterkunft hilfesuchend an seiner Tür, einen für ihn unverständlichen Brief in der Hand. „Das war völliges Neuland für mich, aber inzwischen kenne ich auch alle, die im Landratsamt mit den Asylbewerbern zu tun haben. Dieses Asylverfahren ist ja eine Wissenschaft für sich“, gibt er zu verstehen. So fing alles an und aus Karl Schönberger wurde schnell „Mister Charly“- auch weil der sympathische Mann von Berufswegen sehr gut Englisch spricht und sofort helfen konnte. Er scheut das Rampenlicht, möchte sich nicht in den Vordergrund drängen, betont Karl Schönberger mehrfach. Die Mutter des Einrichtungsbetreibers Willi Wittenzellner kümmere sich ebenso rührend um die Asylbewerber. Sie wollte beim Treffen auch gerne dabei sein, doch zeitgleich wurde die neue Unterkunft in Zwiesel eingeweiht. „Sie wird von den Asylbewerbern ‚Mama‘ genannt“, verrät Schönberger.

Abschiednehmen gehört auch dazu – oft halten sich Kontakte

„Wenn man diesen Menschen Achtung und Respekt entgegenbringt und sich deren Vertrauen erarbeitet, bekommt man vieles zurück. So kommt es zu sehr schönen Begebenheiten“, erklärt er und steht auf, um im Haus ein paar Fotos zu holen. Diese zeigen ihn und seine Frau mit einem dunkelhäutigen, kleinen Mädchen. Wehmütig erzählt er, dass sie die Unterkunft kürzlich mit ihrer Familie wieder verlassen musste. Sie wohnen jetzt in der neuen Unterkunft in Zwiesel. Die Kleine hat bei den Schönbergers im Garten gespielt, täglich sind sie zu einem gemeinsamen Spaziergang aufgebrochen – wie der Opa mit seiner Enkeltochter eben. „Die fehlt mir jetzt richtig“, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. Aber dort sei es besser für sie, weil in der Zwieseler Unterkunft auch Familien mit Kindern leben würden. Hier in Ruhmannsfelden lebt nur eine serbische Familie.

„Ich hab schon gesagt, ich will jetzt keine kleinen Kinder mehr, weil da gewöhnt man sich dran. Letztes Jahr hat uns schon eine Familie verlassen, die nach Tschetschenien ausgewiesen wurde. Ihre kleine Tochter war fünf Jahre alt – und mehr bei uns im Haus als drüben“, erzählt er etwas traurig. Abschied, auch der gehört zum Leben gegenüber vom „Haus Lore“ mit dazu. Zurück bleibe eine Freundschaft mit unvergesslichen Erinnerungen. „Die Familie, die jetzt in Zwiesel untergebracht ist, wird uns von Zeit zu Zeit besuchen – und ich schaue dann auch mal dort vorbei“, sagt Karl Schönberger. Er unterbricht kurz und grüßt einen ausländischen Nachbarn mit einem freundlichen „Hello“.

Nach Treppensturz haben alle für ihn gebetet: „Rührend, oder?“

Täglich kommt ein junger Senegalese vorbei und erkundigt sich, ob Karl Schönberger und seine Frau bei guter Gesundheit sind. „Er ist mir richtig ans Herz gewachsen“, bekennt der ehemalige Soldat. „Meine Tür ist immer offen. Wenn es mir dann irgendwann mal zu viel wird, sage ich: ‚Gentlemen, the office is closed.'“ Klare Grenzen setzen sei auch wichtig – aufdringlich ist Schönberger zufolge jedoch ohnehin keiner. Als er nach einem Treppensturz schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden musste, habe am Abend in der Unterkunft Totenstille geherrscht, berichtete ihm seine Frau – „alle haben für mich gebetet“. Und Schönberger weiter: „Am zweiten Tag daheim stand mein ganzes Wohnzimmer voller Afrikaner und Araber – das ist doch rührend, oder?“ Tief ergriffen war Karl Schönberger ebenfalls, als ein ehemaliger irakischer Bewohner zum christlichen Glauben konvertierte und ihn und seine Frau zur Taufe einlud. „Drei oder vier Mal hat er vorher angerufen, ob wir auch wirklich kommen. Das sind so ganz andere Erlebnisse“, sagt er. Seine Augen strahlen. Viele solcher Begebenheiten könne er noch erzählen. Doch die Bewohner warten bereits.

Das Haus Lore in Ruhmannsfelden, Zufluchtsort für viele Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten

Das „Haus Lore“ in Ruhmannsfelden, Zufluchtsort für viele Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten.

Er verlässt seinen gepflegten Garten und überquert die Straße in dem ruhigen Wohngebiet am Hang. Vor dem Eingang stehen zwei gelbe Kinderfahrräder, an der Hausmauer ist noch der alte Schriftzug „Haus Lore“ zu lesen. „Alle Ruhmannsfeldener helfen gerne, wenn irgendwelche Sachen wie beispielsweise Fahrräder oder Töpfe benötigt werden. Dann koordiniere ich eine kleine Sammelaktion“, erklärt „Mister Charly“, während er die Treppen zur Haustür hinaufsteigt. Sie steht offen. Gleich neben dem Eingang ist die Gemeinschaftsküche, eine Frau trocknet Geschirr ab – offenbar eine Hausbewohnerin. Zur Linken die Treppe nach oben, dort befinden sich die „Pensionszimmer“ der Asylbewerber.

Skeptische Blicke, aber auch ein bisschen Freude

Geradeaus gibt es eine Art Gemeinschaftsraum, auf der linken Seite die alte Rezeption. Hinter ihr sitzt ein junger Mann mit Blick auf sein Mobiltelefon. „Mister Charly“ erkundigt sich nach seiner Gesundheit. Es muss sich um den schwer traumatisierten Bewohner handeln, von dem er zuvor auf seiner Terrasse gersprochen hatte – in den Augen des Flüchtlings ein Ausdruck von Angst. Was ist ihm wohl widerfahren? Doch der Mann hat Vertrauen zu Karl Schönberger und demütig beteuert er, dass alles okay sei. Wahrscheinlich sind die meisten einfach nur froh, in Sicherheit zu sein. Auf der rechten Seite sitzen zwei junge Männer munter plaudernd am PC. Skeptische Blicke, aber auch ein bisschen Freude über das Interesse, sind in den Gesichtern zu lesen. So einfach wird es hier zu keinem Gespräch kommen.

Es ist offensichtlich, warum es dem kleinen Mädchen drüben bei den Schönbergers besser gefallen hat als hier: Die Räume sind spartanisch und wenig kindgerecht eingerichtet. Die alten Sitzgruppen stehen noch in dem Zimmer, der vermutlich einmal als Frühstücksraum für die Pensionsgäste diente, Bierbänke ungeordnet dazwischen. An der holzgetäfelten Wand hängt eine Tafel, wahrscheinlich für den wöchentlichen Deutschunterricht, daneben einige Kinderzeichnungen. Ein paar Asylbewerber sitzen hier und unterhalten sich – Langeweile, ein ständiger Begleiter. „Wenn ich den Rasenmäher raushole, stehen schon fünf da, um mir zu helfen. Und als ich eine Fuhre Holz geliefert bekommen habe, da war das Holz aufgerichtet, so schnell konnte ich gar nicht schauen“, erinnert sich Schönberger mit einem Lächeln.

„Mister Charly“ ist ihr Vertrauter – weil er Verständnis und Zeit hat

„Mister Charly“ fordert die Männer zu einem lockeren Gespräch auf, er sei gleich zurück, hole nur noch ein paar Asylbewerber hinzu. In den meisten Gesichtern der Afrikaner und Araber ist Unverständnis zu lesen, worüber sie reden sollten und vor allem: Warum? Aber einige lächeln offen und haben wenig Scheu – ihr Vertrauter ist ja dabei. Dann wird es schon passen. Ihre Erfahrung hat sie gelehrt: Es kann gefährlich werden, jemandem einfach so zu vertrauen…

Karl Schönberger (72) erlebt seine neue Aufgabe und die spannenden Begegnungen als Geschenk

Karl Schönberger (72) erlebt seine neue Aufgabe und die spannenden Begegnungen als Geschenk.

Karl Schönberger betritt einen Gang zur Rechten , wo es weitere Zimmer gibt. Er bewegt sich sicher in der Asylbewerberunterkunft. Zielstrebig läuft er bis ans Ende des mit Teppich ausgelegten Pensionsflurs und klopft an die letzte Tür auf der linken Seite. Ein älterer Afrikaner mit krausem, ergrautem Haar öffnet – im Ort sei er allseits bekannt als „Mr. Mandela“. Im Zimmer flimmert ein alter Fernseher vor sich hin, oben in der Ecke. Aus dem Hintergrund taucht ein junger Afrikaner auf. „Er ist der Neue, erst 18 Jahre alt, diese Woche angekommen“, erklärt „Mister Charly“ sogleich. „Er kommt aus Eritrea, einer Diktatur hoch fünf, wo alle Soldaten werden müssen, schießen und umbringen“, sagt Karl Schönberger. Auch bei ihm erkundigt er sich, wie es ihm geht, ob alles okay ist. Dankbar nickt der junge Mann und gibt zu verstehen: Alles gut! Auch er hat anscheinend bereits Vertrauen zu dem umsichtigen Waidler gefasst und weiß, dass er ihm helfen wird, wenn er etwas braucht. Er ist ihr Mann.

„Mister Mandela“ aus Äthiopien soll mit in den Gemeinschaftsraum kommen zu den anderen, bittet ihn „Mister Charly“. Skeptisch erkundigt er sich, was sie erzählen sollen. Hier marschiert man nicht einfach rein mit einem freudigen ‚Hallo‘ und alle unterhalten sich bereitwillig. Diese Leute sind auf der Hut, ihnen ist Schlimmes geschehen. Warum sonst sollten sie ihre Heimat für ein Leben in der Fremde und zunächst völlig ohne Perspektive verlassen? Skepsis und Vorsicht sind immer an ihrer Seite.

„Kein Grund zur Angst. Sie sind Menschen wie Du und ich“

Schleppend kommt ein Gespräch in Gang. „Im Ort ist es okay, die Leute sind freundlich. Mister Charly ist wie mein Bruder, er ist nett und kümmert sich um uns. Alle Menschen, die sich um uns kümmern, sind gute Menschen. Mister Charly gehört zu unserer Familie.“ – „Mister Mandela“ führt das Wort in gutem Englisch – er scheint so etwas wie der Stammesälteste in der bunt zusammengewürfelten Wohngemeinschaft zu sein. Im Hintergrund hört man die Kinder der serbischen Familie spielen, zwischendurch klingelt ein Mobiltelefon. Der junge Senegalese, der Karl Schönberger täglich besucht, setzt sich dazu. Er hat lockiges, kurzes Haar und strahlt Offenheit und Freundlichkeit aus. Inzwischen spielen er und ein weiterer in der Ruhmannsfeldener Fußballmannschaft. „Denk an mich, wenn Du bei der Weltmeisterschaft mitspielst“, sagt Mister Charly – alle lachen. „Nein, ich werde Dich nicht vergessen. Du wirst mein Manager“, erwidert der Senegalese.

Es ist schwierig, mehr zu erfahren, dafür müssten die Asylbewerber erst Vertrauen fassen – doch das ist in einer zwischenmenschlichen Beziehung nicht anders. Das Gespräch verebbt, es wird schwierig anzuknüpfen. „Der alleinige Kontakt zu den Behörden reicht nicht aus. Es gibt keinen Grund zur Angst. Manchmal ist es schon fast ein Vollzeitjob“, sagt „Mister Charly“ beim Verlassen der Unterkunft. „Aber es ist eine bereichernde Aufgabe. Wenn man helfen kann, hilft man eben“, fügt er bescheiden hinzu. Und so geht Karl Schönberger zurück in sein „Office“ auf der anderen Straßenseite, bis ihn der nächste Hilferuf aus der Pension erreicht. Vielleicht hat er aber auch einfach nur Lust, sich ein bisschen mit seinen Freunden dort drüben zu unterhalten.

Nadine Vogl

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