Leben verboten: „In Deutschland werden Flüchtlinge unmöglich behandelt!“

Augsburg. Flüchtlinge gelten oft als „Schmarotzer“. Sie lassen sich aushalten, hört man immer wieder – und nutzen unser Sozialsystem aus. Was viele nicht wissen: Flüchtlingen ist ein „normales“ Leben in Deutschland gar nicht möglich. Sie dürfen weder arbeiten noch einen Deutschkurs besuchen. Integration? Fehlanzeige.

Die gebürtige Freyungerin und Sozialwissenschaftlerin Astrid Nave und der Politik-Student Mathias Fiedler haben in Augsburg den Dokumentarfilm „Leben verboten“ gedreht: Ein Film über das Leben und die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland. Im Hog’n-Interview erzählen die Beiden, mit welchen Vorurteilen sich Flüchtlinge konfrontiert sehen, was die politisch Verantwortlichen ändern müssen – und warum Flüchtlinge eine Fantasiesprache entwickeln.

Astrid und Mathias vor der Flüchtlingsunterkunft in der Calmbergstraße in Augsburg. F: Astrid Nave und David Wynards

Vielen ist die schwierige Situation von Flüchtlingen unbekannt

Astrid, Mathias: Worum geht es in dem Film „Leben verboten“?

Astrid: Es geht um die Lebenssituation von Flüchtlingen in Deutschland. Einerseits zeigt der Film, wie sie hier ihren Alltag verbringen müssen, andererseits werden die rechtlich-politischen Rahmenbedingungen dafür dargelegt. Sprich: Welche Gesetzesgrundlage haben wir – und an welche Grenzen stoßen sowohl Flüchtlinge als auch politisch Verantwortliche.

Warum habt ihr den Film gemacht?

Astrid: Mein Beweggrund für den Film war die meiner Meinung nach unmögliche Behandlung von Flüchtlingen hier in Deutschland. Ich glaube, dass die meisten Deutschen nicht gut, oft auch falsch, über die Situation informiert sind. Man sieht in unserem Film, dass eine Frau überhaupt nicht weiß, dass sich ein paar Kilometer von ihrem Haus entfernt eine Flüchtlingsunterkunft befindet. Diese Unwissenheit ist natürlich politisch gewollt. Und wenn wir es schaffen, mehr Leute mit unserem Film zu informieren und sie dazu zu animieren, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, dann wäre das toll. Einen finanziellen Anreiz gab es nicht, die gesamte Arbeit beruht auf Ehrenamt.

Mehrbettzimmer in Gemeinschaftsunterkünften: keine Privatsphäre

Was sind denn die größten Barrieren und Probleme, mit denen sich Asylanten in Bayern konfrontiert sehen?

Blick auf die Gemeinschaftsunterkunft in der Neusässer Straße in Augsburg (ehemalige Kaserne).

Mathias: Zunächst möchte ich von Flüchtlingen – und nicht von Asylanten – reden, das stellt die Dramatik in diesem Fall erheblich besser dar. Die Bayerische Regierung legt fest, dass die Flüchtlinge in so genannten Gemeinschaftsunterkünften wohnen müssen. In unserem Film zeigen wir ein Flüchtlingsheim mit über 400 männlichen Bewohnern, die in 4- und 6-Bett-Zimmern schlafen müssen. Eine Privatsphäre besteht da einfach nicht. Die Bayerische Regierung hat zudem beschlossen, die Flüchtlinge statt mit Geldleistungen durch Essenspakete zu versorgen. Darin sind allerdings nicht die Lebensmittel enthalten, welche die Flüchtlinge brauchen. Laut dem Bayerischen Flüchtlingsrat ist die Versorgung mit Essenspaketen sogar teurer, weil die Verwaltungslogistik mehr Geld kostet.

Astrid: Weitere Probleme sind beispielsweise die Residenzpflicht, also die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und die Arbeitsverbote…

Flüchtlinge entwickeln Fantasiesprachen – zur Verständigung

Ist es human, wenn man Flüchtlinge verschiedenster Herkunft miteinander in ein Zimmer steckt? Welche Probleme treten dabei auf?

Astrid: Man kann ja mal versuchen, sich selbst vorzustellen in einem 18 Quadratmeter großen Zimmer mit fünf anderen Menschen wohnen zu müssen, die alle eine andere Sprache sprechen, eine andere Kultur und Vergangenheit haben – und die man überhaupt nicht kennt. Es gibt natürlich Verständigungsprobleme, Konflikte, Angst und Misstrauen. Aber glücklicherweise entstehen auch nicht selten Freundschaften – und man unterstützt sich gegenseitig.

Mathias: Wie in unserem Film zu sehen ist, entwickeln die Flüchtlinge Fantasiesprachen, in die sie zwei bis drei Sprachen mixen, um sich überhaupt untereinander ein bisschen unterhalten zu können. So eine Situation ist jedoch höchst künstlich – und im schlimmsten Fall kann es zu Problemen wegen ethnischen Auseinandersetzungen kommen. Von Humanität würde ich da nicht gerade sprechen, immerhin haben wir Deutsche bereits Probleme, wenn wir in einer WG mit mehreren Bewohnerinnen und Bewohnern wohnen.

Viele Flüchtlinge befinden sich in einer Art Zwischenstatus

Viele glauben, dass die meisten Flüchtlinge nur vorübergehend hier in Deutschland bleiben. Ist das wirklich der Fall?

Astrid: Um erst mal einen Flüchtlingsstatus zu bekommen, vergeht meist einige Zeit. Rund drei Viertel der Asylanträge (2011 waren es in Deutschland 76%) wird abgelehnt. Nur ein sehr geringer Prozentsatz wird tatsächlich nach der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt. Ein weitaus größerer Teil der Flüchtlinge befindet sich in einer Art Zwischenstatus. Sie werden zunächst geduldet, das heißt die Abschiebung kann im Moment aus Gründen wie unsichere Situation im Heimatland oder Krankheit nicht vollzogen werden. Viele dieser Menschen mit Duldung sind jahrelang in Deutschland, ohne Recht auf Integration oder ein “normales” Leben.

Der Flüchtling Musa Sankoh während eines Interviews für den Film in der Flüchtlingsunterkunft.

Mathias: Ich glaube nicht, dass jemand, der aus einem Krisengebiet flieht, in dieses wieder zurück will – zumindest nicht, bis sich die Situation wieder beruhigt hat. Meistens, wenn der- oder diejenige aber die Chance bekommen hat, hier in Deutschland gut anzukommen, dann möchte die Person auch nicht wieder gehen. Das hat sich ja häufig bereits im Fall der so genannten Gastarbeiter bestätigt.

Wenn aber der Großteil hier bleibt: warum nicht sobald wie möglich mit der Integration anfangen?

Astrid: Ja, warum nicht? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es ist mir unerklärlich. Wenn ich mich manchmal mit Leuten über dieses Thema unterhalte, höre ich eine Angst heraus. Angst davor, Deutschland könnte weniger deutsch werden – oder Geld und Arbeit könnten knapp werden. Und ich spreche nicht von Rassisten, sondern von im Grunde offenen und herzlichen Menschen. Und warum die aktuelle Politik diese Angst noch schürt, ist mir auch unergründlich. Vielleicht ist es tatsächlich dieses Feindbild, dieses Andere, das eine Gesellschaft braucht, um sich selbst zu definieren und mit den eigenen Ängsten besser umgehen zu können, wie aktuell zum Beispiel die Sorge um den Euro oder das Finanzsystem allgemein. Und die Personifikation dieses Anderen sind in diesem Fall die Migranten.

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